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Politik „Man kann als Ministerin nicht einfach parshippen“
Nachrichten Politik „Man kann als Ministerin nicht einfach parshippen“
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10:28 14.03.2018
54 Jahre – und reif für den Ruhestand? Die Sozialdemokratin Brigitte Zypries, noch Bundeswirtschaftsministerin, hält sich bezüglich ihrer Zukunftspläne noch bedeckt. Quelle: dpa
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Berlin

20 Jahre besetzte Brigitte Zypries hohe und höchste Regierungsposten im Bund: als Ministerin für Justiz unter Gerhard Schröder und als Wirtschaftsministerin unter Angela Merkel, als Staatssekretärin bei Otto Schily und bei Sigmar Gabriel. Sie hat viele politische „Helden“ erlebt – und überlebt. Am Mittwoch verabschiedet sich die Sozialdemokratin aus der Politik. Sie war immer dabei, nie wirklich bekannt und hat doch gelernt: Es ist nicht so einfach, als erfolgreiche Politikerin einen Mann zu finden.

Frau Zypries, Sie sind 20 Jahre in oberster Regierungsverantwortung, haben viele neben sich kommen, glänzen und wieder schrumpfen sehen. Was ist das entscheidende Machtprinzip in der Bundeshauptstadt?

Es gibt wahrscheinlich viele Wege zum Erfolg beziehungsweise zur Macht. Mein Geheimnis war immer: sachlich gut informiert sein, nur so kann man andere überzeugen – und darum geht es ja in der Politik.

Stimmt das: Mann neigt eher zur lärmigen Windmaschine, Frau eher zum unaufgeregten Pragmatismus?

Da ist schon was dran, ja. Aber noch viel mehr ist das eine Frage des persönlichen Charakters: Es gibt verschiedene Mechanismen, manche arbeiten zum Beispiel gern mit Druck aus einer starken Position heraus. Ich als Quereinsteigerin und Frau der Exekutive, die in der Partei nie sonderlich tief verankert war, habe ich mich immer auf meine Sachkompetenz konzentriert.

„Da, wo die Macht ist, ist auch die Kraft zur Entscheidung“

Als Mädchen haben Sie in der elterlichen Drogerie Vogelfutter abgewogen und verkauft. Was haben Sie gern für ihre letzten Chefs, Angela Merkel und Sigmar Gabriel, erledigt?

Meine „Chefs“ waren ja nicht Merkel und Gabriel, sondern die Menschen, für die ich in meinem politischen Leben versucht habe, praktische Lösungen zu finden und das Leben zu verbessern. Wir Sozialdemokraten haben seit 1998 und insbesondere in den letzten vier Jahren viele wichtige Projekte umsetzen können, darauf bin ich stolz. Wenn diese Erfolge für die Menschen dann auch die Regierungschefin glänzen ließen, dann kann ich damit leben.

Hätten Sie es nicht einfach mal verhindern können?

Es heißt ja nicht umsonst: Only bad news are good news, nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Niemand schreibt gerne über gute Nachrichten, Erfolge und Harmonie. Streit und Dissens sind viel interessanter. Aber es stimmt natürlich, dass Klappern zum Geschäft gehört, und sicherlich hätten wir in der SPD an vielen Stellen noch besser klappern können.

Sigmar Gabriel hat in letzter Sekunde erfahren, dass er abserviert ist. Dabei ist er in Umfragen der beliebteste aktive Sozialdemokrat. Was macht die SPD da?

Sigmar Gabriel ist ein Vollblutpolitiker, der es einem aber auch nicht immer leicht macht. Da, wo die Macht ist, ist auch die Kraft zur Entscheidung, und Andrea Nahles und Olaf Scholz haben sich das Team zusammengestellt, mit dem sie die künftigen Herausforderungen bestreiten wollen.

„Es ist doch eine Mär, dass Politiker dauernd lügen“

Muss man Egoist sein, um in der Politik nicht zu scheitern?

Nö. Das sehen Sie an mir. Aber man muss mutig sein.

Wie oft muss man schwindeln, um politisch zu überleben?

Eigentlich gar nicht.

Sie waren bei Schröder, bei Merkel und bei Gabriel und haben nie geschwindelt? Das kann nicht sein.

Es ist doch eine Mär, dass Politiker dauernd lügen, das würde auch viel zu schnell auffliegen. Ich habe jedenfalls nie bewusst politisch gelogen, soweit ich mich erinnern kann. Manchmal lässt man höchstens das eine oder andere in der Darstellung weg.

Was war das für ein Startgefühl, als Sie 1998 mit Schröder nach oben gespült wurden?

Da herrschte eine enorme Aufbruchstimmung in einem Land, das voller Mehltau war. Es war großartig. In meinen 20 Jahren in der Politik hat sich das Land sehr verändert. Erst 1994 wurde der Paragraf 175 StGB abgeschafft, der Homosexualität unter Strafe stellte, heute gibt es die Ehe für alle. In der Gleichstellung insgesamt ist eine Menge passiert, wir sind aber noch lange nicht am Ziel. Deshalb ist es auch gut, dass es laut Koalitionsvertrag gerade im Bereich, Pflege, Kinderbetreuung und Bildung noch einen richtigen Schub geben wird.

„Die Hälfte vom Kuchen muss jeden Tag neu erobert werden“

Woran liegt es, dass man sich an viele gescheiterte Politiker erinnert, aber kaum an krachend gescheiterte Frauen?

Es gibt halt kaum krachend gescheiterte Frauen. Das liegt natürlich daran, dass es viel mehr männlich besetzte Spitzenpositionen gibt. Zum anderen kleben Frauen nicht so an ihren Stühlen, wissen vielleicht besser, wann es Zeit ist, abzutreten. Und sie treten dann auch nicht so häufig öffentlich nach, wie das Männer gerne tun. Außerdem hatte kaum eine Frau je die Gelegenheit, so schnell und steil bis zu einem Parteivorsitz aufzusteigen und dann so krachend zu landen wie Martin Schulz. Oder denken Sie an zu Guttenberg oder Christian Wulff – harte Stürze wegen persönlichen Versagens.

Vor 20 Jahren waren Politikerinnen in der ersten Reihe noch eher die Ausnahme. Hat sich das jetzt schon unumkehrbar verändert?

Nichts ist unumkehrbar, man muss wachsam bleiben. Jetzt sitzen sechs Prozent weniger Frauen im Bundestag als in der letzten Legislaturperiode. Mehr Teilhabe von Frauen ist kein Selbstläufer in einer Einbahnstraße Richtung Gleichberechtigung. Es gibt allerorten auch Gegenbewegungen und Rückschläge. Die Hälfte vom Kuchen, also von der Macht und der Welt – auch der digitalen –, muss jeden Tag neu erobert werden; und – da Sie mich fragen – am besten noch mehr als die Hälfte.

Manch Grabscher in der Politik ist in den letzten Jahren ungeschoren davongekommen. Bräuchte es auch ein #MeToo für die deutsche Politik?

Dass manche Männer ihre Macht ausnutzen, um Frauen zu belästigen, ist ein Phänomen, das leider in allen Branchen vorkommt. Aber es geht gar nicht! Mein Eindruck ist aber, dass die Politik insgesamt in den letzten Jahrzehnten rationaler geworden ist: Es gibt weniger Sex, weniger Alkohol, seltener ausschweifende Geschichten. Es scheint, als würde sehr viel mehr gearbeitet als vor 20, 25 Jahren. Ich selbst habe keine Übergriffigkeiten erlebt, wenn Sie das meinen.

„Schröder ließ Entscheidungsfreiräume und stärkte einem den Rücken“

Joschka Fischer hat eineinhalb Jahre gebraucht, bis er erstmals mit Ihnen sprach. Hatte der ein Problem?

Es war ja noch schlimmer – für Joschka Fischer. Ich war Justizministerin, er Außenminister und Vizekanzler. Und nach eineinhalb Jahren wollte der Außenminister etwas von der Justizministerin. Aber statt mich direkt zu fragen, hat er Kanzler Gerhard Schröder gebeten, im Kanzleramt ein Gespräch zu dritt anzusetzen: Fischer nutzte Schröder als Mediator. Ich habe mir nur gedacht: Mensch, Junge, das hättest du auch unkomplizierter haben können.

Sie sagen, Gerhard Schröder war der beste Chef, für den Sie jemals arbeiten durften? Dieser Macho?

Ja, Gerhard Schröder war ein prima Chef. Er sagte immer: „Mach, was du denkst, aber mach keine Fehler!“ Er ließ Entscheidungsfreiräume und stärkte einem den Rücken. Außerdem habe ich kein Problem mit starken Männern, zum Beispiel war Otto Schily vier Jahre mein Chef und wir treffen uns heute noch.

Wieso hat sich die SPD in der Zeit Ihrer Regierungsverantwortung von der stärksten Kraft im Bundestag auf 18 Prozent heruntergewirtschaftet?

Diese Entwicklung betrifft auch andere Parteien und dafür gibt es vielschichtige Gründe. Die SPD hat Teile ihrer traditionellen Wählerschaft verloren. Die meisten Initiativen in den letzten vier Jahren kamen von uns, aber gut verkauft haben wir das selten. Vieles hängt auch davon ab, wer die jeweilige Führungsfigur ist. Eine wirklich herausragende Spitzenfigur, die Menschen binden konnte, war Gerhard Schröder. Andrea Nahles ist eine Frau, der ich diese Fähigkeit auch zutraue. Die beiden haben eines gemeinsam: sie sind authentisch. Der eine hat ’ne Flasche Bier bestellt, die andere hat Pippi Langstrumpf im Bundestag gesungen – besser als Einheitsbrei.

„Es ist nichts dabei, lesbisch zu sein. Aber ich bin es nicht.“

20 Jahre Teil der Regierung, und die Öffentlichkeit weiß über die private Zypries nur: ledig, kinderlos.

Mein Privatleben ist auch privat. Man muss sein Privatleben nicht öffentlich breittreten, um politisch erfolgreich zu werden.

Der Tratsch lautet: Eine ledige und kinderlose Frau, die ist natürlich lesbisch. Ärgert Sie das?

Es ist nichts dabei, lesbisch zu sein. Aber ich bin es nicht und hatte auch langjährige Beziehungen mit Männern. Vielleicht ist das auch der Preis der Macht: Als Ministerin kann man ja nicht einfach parshippen. Bei diesem öffentlichen Job ist es nicht so leicht, jemanden kennen zu lernen. Aber das ändert sich ja jetzt und dann werden wir sehen (lacht).

Sie verstehen den Hilferuf von Claudia Roth: Wie soll eine starke politische Frau zu einem Mann kommen?

Ja. Männer tun sich oft schwer mit starken Frauen.

Von Dieter Wonka

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