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Politik Martin Schulz sieht sich als Sündenbock
Nachrichten Politik Martin Schulz sieht sich als Sündenbock
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20:16 25.03.2018
Vom Hoffnungsträger zum gescheiterten Kanzlerkandidaten und SPD-Chef: Martin Schulz sagt über seine Partei, sie könne „gnadenlos“ sein. Quelle: Foto: Imago
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Berlin

Wenn Martin Schulz zurückblickt auf das verrückte Jahr, das hinter ihm liegt, fühlt er sich an „House of Cards“ erinnert, die US-Serie über Macht, Brutalität und Niedertracht in der Politik. Schulz räumt ein, dass er Fehler gemacht habe als Kanzlerkandidat und SPD-Chef, „dumme Fehler“, wie er sagt. Aber er fühlt sich auch als Opfer, als „idealer Sündenbock“, der an seiner eigenen Anständigkeit gescheitert ist.

So hat es der 62-Jährige dem „Spiegel“-Reporter Markus Feldenkirchen erzählt, der Schulz vor der Bundestagswahl über Monate hinweg begleitet hat. Feldenkirchen hatte dabei Zugang zu über 50 internen Sitzungen, Telefonschalten und Strategiebesprechungen. Er zeichnete aus den Beobachtungen in seiner preisgekrönten Reportage ein einzigartig detailreiches Bild der Strapazen und Rauschgefühle einer Wahlkampagne.

Schulz hoffte auf eine Heldengeschichte

Selbstzweifel, Hilflosigkeit, Frustration – Schulz hatte Einblicke in seine Seelenlage gewährt, wie sie in der Politik bislang beispiellos waren („Die Leute finden mich peinlich. Die lachen doch über mich.“).

Schulz hoffte zunächst auf eine Heldengeschichte, berichtet Feldenkirchen, wusste aber zugleich um die Möglichkeit einer Niederlage. Was Schulz aber wohl nicht ahnte: Die kompliziertere Hälfte seines Jahres an der SPD-Spitze lag mit der mühevollen Regierungsbildung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch vor ihm. In der angespannten Lage des Frühherbstes wurde ihm die Offenheit gerade von Gegnern in der eigenen Partei und Öffentlichkeit tatsächlich schnell als Torheit ausgelegt. Schulz, der Naivling.

„Ob ich jemals wieder fit werde, weiß ich nicht“

Jetzt hat Feldenkirchen nachgelegt. Er hat Schulz bis zum Ende seines Weges begleitet, bis zu jenem kalten Februartag, an dem der SPD-Chef nach Berlin aufbricht, um sein Amt niederzulegen. Die Geschichte, die der Autor für den neuen „Spiegel“ und sein Buch „Die Schulz-Story“ aufgeschrieben hat, zeigt das Bild eines zutiefst erschöpften Mannes. „Gott bin ich müde. So unfassbar müde“, sagte der 62-Jährige da. „Ob ich jemals wieder fit werde, weiß ich nicht. Ich glaube, ich brauche ein halbes Jahr, um wieder zu Kräften zu kommen.“

Schon der Anfang klingt filmreif. „Entweder du killst ihn, oder er killt dich“, soll ihn Andreas Nahles Anfang 2017 mit Blick auf Sigmar Gabriel gewarnt haben. Der hatte Schulz damals SPD-Vorsitz und Kanzlerkandidatur angeboten, um selbst Außenminister zu werden. Und lag Nahles damit völlig falsch? Als Schulz am Ende der Koalitionsverhandlungen mit der Union nach dem Amt des Außenministers griff, war es Gabriel, der dem einstigen Freund mit seinem Interview über den Mann mit den „Haaren im Gesicht“ den härtesten Schlag versetzte.

Der Wendepunkt war die Sondierung mit der Union

Im Rückblick räumt Schulz ein, dass seine Entscheidung für das Auswärtige Amt ein Fehler war, nachdem er den Eintritt in ein Kabinett von Angela Merkel nach der Wahl noch ausgeschlossen hatte: „Ich habe das falsch eingeschätzt mit dieser Glaubwürdigkeitslücke. Komplett falsch eingeschätzt.“

Als Wendepunkt sieht Schulz die Entscheidung der SPD, nach den gescheiterten Jamaika-Sondierungen doch mit der Union über eine erneute Regierung zu verhandeln. „Da hätte ich zurücktreten müssen. Zu dem Zeitpunkt hätte ich gehen müssen.“ Er habe den Schwenk zunächst nicht gewollt. Aber er habe damals gedacht, wenn der Bundespräsident ihn zu sich zitiere, könne er nicht nein sagen oder zurücktreten. Seine Disziplin sei ihm zum Verhängnis geworden.

„An den Strukturen der Partei zerschellt“

„Ich war ein glückloser Parteiführer“, bilanziert Schulz sein Jahr an der Spitze der Sozialdemokratie. „Ich glaube, ich bin nicht politisch gescheitert, aber sicher teilweise an den Strukturen der Partei zerschellt.“

Die SPD könne gnadenlos sein. „Ich bin der ideale Sündenbock für alles, was die Partei seit Jahren falsch gemacht hat.“

Heute sitzt Schulz als einfacher Abgeordneter im Bundestag. Genauso wie Sigmar Gabriel.

Von Uta Winkhaus

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