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Politik Medien reagieren kritisch auf neuen US-Präsidenten
Nachrichten Politik Medien reagieren kritisch auf neuen US-Präsidenten
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14:20 09.11.2016
Quelle: DPA

„The Guardian“ aus London

„Wer hat Schuld? Diese Liste ist so lang. Sie reicht von der Republikanischen Partei zu den Medien, zu den Meinungsforschern und Datenfreaks, die so falsch lagen, zu Clintons Wahlkampfteam, das demokratische Hochburgen für selbstverständlich hielt, bis zu Clinton selbst, die trotz all ihrer Stärken eine Kandidatin mit Makeln war. Man könnte sie alle verurteilen, aber wen kümmert das schon an einem solchen Tag? Das mächtigste Land der Welt wird künftig von seinem gefährlichsten Führer gelenkt werden. (...) Der Präsident, der zu Kriegszeiten das Amt innehatte, das Trump im Januar antreten wird, sagte einst den Amerikanern: „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“ Das stimmt heute so nicht. Amerika und wir alle haben viel zu fürchten - allen voran den Mann, der jetzt an der Spitze der Welt steht.“ 

„De Morgen“ aus Belgien

„Präsident Donald Trump - wer hätte gedacht, dass so etwas möglich wäre? Ähnlich wie niemand geglaubt hätte, dass die Briten es wirklich ernst meinen mit dem Brexit, schaut die Welt nun verdutzt auf den Sieg von Trump. Wie konnte man nur so daneben liegen? Der Vergleich mit dem Brexit ist nicht aus der Luft gegriffen, dafür gibt es zu viele Übereinstimmungen. Die Umfragen lagen in beiden Fälle völlig daneben, die Einschätzungen von Analysten und Experten scheinen falsch gewesen zu sein, und es passierte, was niemand erwartet hatte. (...) Auch in den USA gibt es offenbar ein tief verwurzeltes Gefühl der Entfremdung, des Unbehagens und der Unzufriedenheit, das bislang noch unter der Oberfläche geblieben war.“

„De Tijd“ aus Belgien

„Amerika muss nicht wieder groß werden, es muss sich aber wieder mit der Politik versöhnen. Das ist die einzige Schlussfolgerung nach einer langen und traurigen Kampagne, die der Präsidentschaftswahl vorausging. Amerikas Demokratie muss wieder hergestellt werden. (...) Es ist eine neue politische Kultur erforderlich, um die USA wieder mit den Politikern und mit sich selbst zu versöhnen. Das wird eine außerordentlich schwierige Aufgabe. Trump hatte mit der Zerstrittenheit gespielt, um Wähler anzuziehen. Es ist schwer, in ihm die versöhnende Persönlichkeit zu sehen, die Amerikas Politik aus der Sackgasse holen kann. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dies nun vier verlorene Jahre werden.“ 

„Le Monde“ aus Frankreich

„Mit einer Wahl hat sich am Dienstag, dem 8. November, der Blick Washingtons auf die Welt und jener der Welt auf die Vereinigten Staaten dramatisch verändert. Das Erdbeben beschränkt sich nicht allein auf die demokratische Beispielhaftigkeit, auf die Washington - nicht ohne eine gewisse Arroganz - Anspruch erhob. Die Nachfolge im Weißen Haus kann nicht mit anderen Machtwechseln zwischen den zwei großen amerikanischen Parteien verglichen werden, die sich oft hinter den gleichen Zielen versammeln, wenn die Interessen das Landes auf dem Spiel stehen. Mit Donald Trump beginnt die Zeit des Unbekannten.“

„Libération“ aus Frankreich

„Schock. Donnerschlag. Und ein Schwindelgefühl angesichts der Idee, dass Donald Trump in kaum zweieinhalb Monaten seine Koffer im Weißen Haus abstellt. (...) Mit einem außergewöhnlichen politischen Gespür begabt, hat Donald Trump, ein ebenso visionäres wie unheilvolles Genie, mehr als irgendjemand sonst den Verdruss eines Teils Amerikas und dessen Abscheu auf Washington und die Eliten erfasst, die den Hoffnungen von Hillary Clinton eine kalte Dusche verpasst haben.“

„Le Figaro“ aus Frankreich

„Amerika ähnelt an diesem Morgen einer dieser Schwerverwundeten, denen man den Schlamm abwaschen muss, um ihre Wunden zu entdecken und sie endlich zu versorgen. Der Zusammenstoß war heftig, die Schäden sind immens. Zwei Länder sind aufeinandergeprallt, ohne dass irgendjemand über lange Zeit den Unfall hätte kommen sehen. Die erste Aufgabe des neuen Bewohners des Weißen Hauses wird es sein, zu versuchen, sie wiederzuvereinigen. (...) Neben Gewalt und Schlamm wird von diesem amerikanischen Wahlkampf das Bild eines großen Scheiterns bleiben. Politiker, Medien, Analysten haben den Bulldozer Trump nicht kommen sehen und sich bereitwillig an die Karikatur gehalten. Oder eher: Sie haben das wütende Volk nicht wahrgenommen, das auf seiner breiten Spur marschierte. (...) Das Jahrmarkt-Phänomen hat das Gesellschaftsphänomen verdeckt.“

„La Stampa“ aus Italien

„Das Volk des Aufstandes erobert Amerika und wählt Donald Trump, es erschüttert die Welt. In knapp elf Monaten hat der weiße Mittelstand, gegeißelt von der Wirtschaftskrise und sozialen Missständen, in dem Tycoon einen Verteidiger gefunden, der (...) die Demokraten von Hillary Clinton geschlagen und das Establishment in Washington gedemütigt hat. Er hat den ganzen Planeten überrascht.

Es ist ein Hurrikan der Unzufriedenheit, der aus dem Bauch der Nation schlägt und der seine Hochburg in den Midwest-Staaten hat, die Barack Obama einst erobert hatte und die nun die Farbe gewechselt haben. Weil Millionen verarmte Familien ohne Hoffnung auf Wohlstand und Zufriedenheit sich entschieden haben, aus Washington die Dynastien der letzten 30 Jahre zu vertreiben: die Bushs und die Clintons.“

„El País“ aus Spanien

„Es wird Nacht über Washington. Der Triumph des republikanischen Kandidaten Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl ist eine sehr schlechte Nachricht für alle Demokraten der Welt. Gleichzeitig bringt er allen Gegnern der Demokratie Chancen und Freude. Der vernichtende Sieg des unberechenbaren und somit gefährlichen Demagogen stürzt die Welt in die größte Ungewissheit. Die wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen werden nicht lange auf sich warten lassen.“

„Tages-Anzeiger“ aus der Schweiz

„Nicht nur wird Donald Trump im Januar ins Weiße Haus einziehen, er wird zudem mit einer republikanischen Mehrheit im Repräsentantenhaus und wahrscheinlich einer Mehrheit im Senat regieren - ein politischer Durchmarsch, der den Republikanern eine Chance bietet, die politische Landschaft in den Vereinigten Staaten weitgehend umzugestalten. (...) Gewiss wird Donald Trump in Versuchung geraten, die Welt neu zu ordnen. Was bei den Wahlen in den Vereinigten Staaten geschah, wird die Welt wahrscheinlich auf Jahre hinaus erschüttern. Und es stimmt nicht sonderlich beruhigend, dass aus Trumps Lager verlautete, der neue Präsident werde Newt Gingrich womöglich zum Außenminister ernennen. Nicht nur die Vereinigten Staaten müssen sich auf turbulente Zeiten gefasst machen.“

„Göteborgs-Posten“ aus Schweden

„Monatelang hat man Trumps Anhänger verhöhnt und zu Idioten erklärt, sie als ungebildet beschrieben (wann wurde solch unverblümte Klassenverachtung politisch korrekt?), als Ausschuss einer Demokratie. Jetzt haben sie ihr demokratisches Recht und ihre Pflicht wahrgenommen. Egal, was die etablierte Politikerklasse, der Journalistenstand oder jemand anders denkt, haben sie ihre Wahl getroffen. Wann beginnt das Establishment, sie ernst zu nehmen, egal, was man von ihren Ansichten hält?“

„Der Standard“ aus Österreich

„Es ist, wie wenn man in einem bösen Traum erwacht: Donald Trump ist US-Präsident. Daran werden wir uns gewöhnen müssen. Wir werden uns noch wundern, was alles möglich sein wird in den nächsten Monaten. Denn wenn Trump auch nur einen Teil seiner Ankündigungen umsetzt, wird in der Weltpolitik kein Stein auf dem anderen bleiben. Seine Unberechenbarkeit ist das einzig Berechenbare. (...) Wir stehen wieder vor einer Zeitenwende. Nach der Brexit-Entscheidung und Trumps Wahlsieg wird das Jahr 2016 in die Geschichtsbücher eingehen.“

„Die Presse“ aus Österreich

„Diese Wahl war ein krachendes Votum gegen die herrschende Elite in Washington und gegen die politische Korrektheit. Die Ablehnung gegen „die da oben“ wog schwerer als die Abscheu gegen die geschmacklosen Rundumschläge Trumps. (...) Ein Schlüssel zu seinem Erfolg lag in seiner einfachen und oft auch ordinären Sprache, die einige zutiefst anwiderte, aber offenbar mindestens ebenso viele anzog, vor allem die ältere weiße Mittel- und Unterschicht. Trump verwendete keine typischen Politiker-Floskeln, sondern bediente enthemmt Ressentiments.

Seine Gegnerin, die vermeintliche Favoritin Hillary Clinton, verkörperte hingegen das verhasste Establishment. Am Ende war diese Wahl auch ein Referendum gegen sie. Das ist tragisch. Denn die US-Demokratin hätte zweifellos die Erfahrung und nötigen Fähigkeiten für das höchste Amt im Staat mitgebracht. Sie scheiterte in dieser aufgewühlten Stimmung letztlich paradoxerweise an ihrer kalten Professionalität.“

„Neatkariga Rita Avize“ aus Lettland

„Trumps überraschend triumphaler Aufstieg auf der politischen Bühne der USA geht Hand in Hand mit dem unerwarteten Votum für einen Austritt Großbritanniens aus der EU. Beide Ereignisse haben eine gemeinsame Wurzel. Sie sind eine Reaktion auf das, was in den letzten 30 Jahren auf der Welt passierte. (...) Immer mehr Menschen fühlen sich enttäuscht vom sogenannten Fortschritt, wollen ihn verlangsamen und auch rhetorisch zu den „guten alten Zeiten“ zurückzukehren, in denen alles „klar und verständlich“ war. Möglich gemacht werden kann das aus ihrer Sicht durch ein Votum für Brexit, Trump oder jemand anderen, der sich nicht scheut, die „allgemeinen Linien“ zu überschreiten und eine „klare Sprache“ zu sprechen.“ 

„Rzeczpospolita“ aus Polen

„Man kann sich natürlich vormachen, und diese Illusionen sind in den Kommentaren bereits zu spüren, dass Präsident Trump in internationalen Angelegenheiten seine Ankündigungen aus dem Wahlkampf nicht umsetzen wird. Dass er sich nicht mit Putin an einen Tisch setzen und dort die Welt neu aufteilen wird. Dass er nicht die Nato auseinandernimmt, weil sie den amerikanischen Arbeiter seiner Meinung nach zu viel kostet. Dass sich die USA nicht aus Europa zurückziehen (..). Dass er in Syriens Diktator nicht einen hervorragenden Partner sieht. Dass er - kurz gesagt - die Welt nicht auf den Kopf stellt. Eine auf den Kopf gestellte Welt bedeutet ein Ende der jetzigen Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg geformt wurde, mit angesehenen Institutionen, die der Westen geschaffen hat. Ein Westen, dessen Teil wir auf wunderbare Weise Ende des vergangenen Jahrhunderts geworden sind und an dem wir uns ein weiteres Jahrhundert erfreuen wollen.“

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