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Politik Merkel trifft Trump – Ivanka ganz bescheiden
Nachrichten Politik Merkel trifft Trump – Ivanka ganz bescheiden
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10:46 26.04.2017
Bundeskanzlerin Angela Merkel (l.) und die Tochter des US-Präsidenten Donald Trump, Ivanka Trump. Quelle: AP
Berlin

Es sieht so aus, als sei der Plan der Kanzlerin aufgegangen. Mit regloser Miene, aber fokussiertem Blick schaut Angela Merkel rüber zu der Frau zwei Sitze rechts von ihr. Ivanka Trump beklagt gerade das Fehlen der Frauen in naturwissenschaftlich-technischen Berufen. „Wir gehen nicht online, wir leben online“, stellt die Tochter des US-Präsidenten mit Nachdruck fest – und äußert ihr Bedauern darüber, dass Frauen bei der Gestaltung des technologischen Fortschritts kaum eine Rolle spielen. „Daher war ich sehr interessiert daran, von Kanzlerin Merkel etwas über praktische Berufsausbildung zu erfahren, als sie mit einigen unglaublichen Unternehmern nach Washington kam.“ Dieser Besuch fand Mitte März statt. Und er hat Eindruck hinterlassen.

Am Dienstag trafen sich die Tochter des US-Präsidenten Donald Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Frauenkonferenz „Women20 Summit“ in Berlin. Ivanka Trump gab sich, anders als ihr Vater, ganz bescheiden.

Um einen Draht zu US-Präsident Donald Trump herzustellen, hatte die Kanzlerin die duale Berufsausbildung in den Mittelpunkt ihres Antrittsbesuches in Washington gerückt. Trump will qualifizierte Jobs schaffen, die deutsche Wirtschaft weiß, wie das geht – zusammen könne man mehr zustandebringen als jeder für sich allein, das war Merkels Botschaft. Und die blieb bei der Präsidententochter haften, immerhin wichtigste Beraterin Trumps. Das könnte, so die Hoffnung im Kanzleramt, eine gute Basis sein für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit unter einem US-Präsidenten, der das Wohl seines Landes rigoros über jenes vom Rest der Welt stellt. Die Einladung Ivanka Trumps zur W20-Konferenz nach Berlin hat sich womöglich ausgezahlt.

W20 steht für „Women 20“, es ist eine zweitägige Konferenz mit Vertreterinnen aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft, die alle ein Ziel haben: die wirtschaftliche Stärkung von Frauen. Die Ergebnisse und Forderungen der Konferenz sollen Teil jener Selbstverpflichtung werden, die die 20 führenden Industrienationen unter deutschem Vorsitz auf ihrem Hamburger Gipfel im Juli beschließen werden. Es ist bereits das dritte Mal, dass eine G-20-Präsidentschaft die wirtschaftlichen Anliegen von Frauen in den Fokus rückt. Vor Deutschland taten dies bereits die Türkei und China.

Viele wichtige Fragen wurden am Dienstag im noblen Intercontinental-Hotel besprochen – etwa die vergleichsweise geringe Erwerbsbeteiligung von Frauen, die Hürden beim Zugang zu Krediten oder auch die geschlechtsspezifischen Grenzen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und doch fand keine These so große Beachtung wie die Liste der prominenten Teilnehmerinnen an der Nachmittagsdiskussion: die niederländische Königin Máxima, IWF-Chefin Christine Lagarde, die kanadische Außenministerin Chrystia Freeland, einige Unternehmerinnen und eben Merkel sowie Ivanka Trump.

„In keinem Land der Welt ist Gleichberechtigung erreicht“

So muss Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig am Vormittag vor einem halbleeren Auditorium sprechen, es finden sich schlicht nicht ausreichend Interessenten oder Medienvertreter, um den Saal zu füllen. Aber die leeren Sitzreihen scheinen Schwesig eher anzuspornen, jedenfalls trägt sie ihre Rede in weiten Teilen wie eine Kampfansage vor. „In keinem einzigen Land der Welt ist tatsächliche Gleichberechtigung erreicht“, ruft Schwesig und untermauert ihre Feststellung mit einer traurig-langen Liste: Russland? „Hat die Strafen bei häuslicher Gewalt soeben herungergesetzt.“ Indien? „Vergewaltigung in der Ehe ist nicht strafbar. Saudi-Arabien? „Frauen dürfen kein Auto fahren.“ Und Deutschland? „Hier beträgt die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen 21 Prozent.“

Schwesig will sich nicht auf die Diskriminierung von Frauen in Wirtschaftsdingen beschränken. Ihr Horizont ist weiter: „Wir können nicht einen solchen Gipfel durchführen, ohne darauf aufmerksam zu machen, dass die Menschenrechte jeden Tag missachtet werden“, sagt Schwesig und wird grundsätzlich: „Wir können nicht über die wirtschaftliche Stärkung von Frauen sprechen, ohne über die zu sprechen, die täglich um ihr Überleben kämpfen.“ Unruhe kommt da plötzlich auf im Saal, aber nicht etwa, weil jemand Einwände hat. Sondern weil draußen gerade die Limousinen vorfahren. „Wir haben verstanden, dass gleich die Königin kommt, aber wir haben einen ganz wichtigen Punkt an dieser Stelle“, poltert Schwesig und spricht unbeirrt weiter von der Pflicht der Väter, ihren Beitrag zur Familien- und Haushaltsarbeit zu leisten.

„Ivanka Trump betreibt Pinkwashing“

Spätestens an diesem recht frühen Punkt der Konferenz wird ihr größter Mangel deutlich: Die Inhalte drohen überstrahlt zu werden von den schillernden Teilnehmerinnen. Wann teilen sich schon eine Königin, eine Bundeskanzlerin und eine First Daughter ein Podium? Und weil es ihr erster Deutschland-Besuch als First Daughter ist und die Leitlinien der neuen US-Regierung dem politischen Berlin noch immer unklar sind und man dankbar ist für jede noch so kleine Präzisierung, ist das Interesse an der Weltsicht der wichtigsten Frau der US-Politik natürlich groß. Die W20-Konferenz mag zwar von der Hälfte der Menschheit handeln, im Mittelpunkt aber steht eine Frau: Ivanka Trump. Hinter vorgehaltener Hand stellen Besucherinnen die Frage, ob die Kanzlerin mit ihrer Einladung an Ivanka Trump der Sache der Frauen nicht doch eher einen Bärendienst erwiesen habe. „Ich hoffe, dass das Kleid von Ivanka nicht länger in Erinnerung bleiben wird als unsere Forderungen“, sagt eine Teilnehmerin. Gesine Agena, Mitglied im Bundesvorstand der Grünen und frauenpolitische Sprecherin der Partei, befürchtet eine Showveranstaltung. „Ivanka Trump betreibt Pinkwashing: Sie vertritt die US-Regierung, die Frauenrechte mit Füßen tritt - Ivanka Trump verschleiert diese frauenfeindliche Politik.“

Worauf Agena anspielt, ist dies: Es sind noch keine zwei Wochen vergangen, seitdem Donald Trump US-Organisationen, die Frauen in Not beraten und Abtreibungen durchführen, die Mittel strich. Und auch die Moderatorin der Diskussionsrunde, die Journalistin und Publizistin Miriam Meckel, hat so ihre Zweifel am Engagement der Trumps für Frauenrechte und bittet Ivanka Trump um den Gegenbeweis. „Mein Vater ist der größte Champion, wenn es um die Unterstützung von Familien geht“, sagt Ivanka Trump. Das könne sie aus eigener Erfahrung sagen, und das könnten auch „Tausende Frauen“ bezeugen, die mit Donald Trump in seiner Zeit als Immobilienunternehmer zusammengearbeitet hätten. „Sie alle sind Zeugen seines tiefen Glaubens in die Potenziale von Frauen.“ Lachen im Publikum, vereinzelt auch Buhrufe.

Ist Merkel eine Feministin?

Konsens herrscht auf dem Podium, als es um einen besseren Kreditzugang für Frauen geht. Die Kanzlerin schlägt einen Fonds vor, alle willigen ein, Ivanka Trump nickt zumindest. Dissens kommt dagegen bei der Frage auf, als die Moderatorin von Merkel wissen möchte, ob sie sich selbst als Feministin sieht. Plötzlich ist Merkel allein. Das Publikum ermuntert sie zu einem unkomplizierten Ja, doch Merkel windet sich, spricht komplizierte „Wenn“-Sätze und landet bei der Feststellung, sie wolle sich nicht mit fremden Federn schmücken. Moderatorin Meckel lässt nicht locker, fragt in den Saal und auf dem Podium: Wer ist Feministin? Begeistert reckt die kanadische Außenministerin Freeland den Arm in die Höhe, die sonst so kühle Christine Lagarde meldet sich mit breitem Lächeln, und auch Ivanka Trump tritt dem Club bei. Merkel zieht die Schultern hoch, lächelt unsicher, dann die königliche Rettung. „Wer ist Feminist?, fragt Königin Máxima und definiert: „Jemand, der für gleiche Rechte und Wahlfreiheit für Frauen eintritt.“ Und Merkel sagt: „Dann bin ich es auch.“

Von RND/Maarina Kormbaki