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Merkel und das weinende Mädchen

Asyl Merkel und das weinende Mädchen

Die Kanzlerin bringt mit kühl vorgetragener Flüchtlingspolitik ein Kind aus dem Libanon zum Weinen. Die Aufregung ist groß. Doch zugleich ist eine selten weiche Angela Merkel zu sehen.

Die Begegnung von Kanzlerin Merkel und dem Flüchtlingsmädchen Reem hat eine Debatte in den sozialen Medien ausgelöst.

Quelle: dpa

Berlin . Das junge Flüchtlingsmädchen würde den Titel der Regierungskampagne so gern auch für sich beanspruchen: „Gut leben in Deutschland“. „Ich möchte studieren (...) Es ist wirklich sehr unangenehm, zuzusehen wie andere das Leben genießen können und man es selber halt nicht mitgenießen kann“, sagt das hübsche Kind mit den großen Ohrringen und schwarzen Locken am Mittwoch in einem der sogenannten Bürgerdialoge, an dem der Bundeskanzlerin so viel liegt.

Angela Merkel hat diese Reihe gestartet, um zu erfahren, was den Menschen in Deutschland wichtig ist. In Rostock erfährt die Christdemokratin im Gespräch mit 32 Schülern von 14 bis 17 Jahren, dass eine Jugendliche aus dem Libanon bleiben möchte - und reagiert für viele verstörend und sogar kaltherzig. Doch stimmt das wirklich?

Die junge Reem, die schüchtern wirkt, aber mutig und in akzentfreiem Deutsch spricht, sagt auch: „Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht.“ Eine extrem schwierige Situation für jeden Politiker, einem bestens integriertem Kind Gesetze zu erklären, deren Härte es nach vier Jahren Aufenthalt zu spüren bekommt. Denn Reems Familie stand jüngst kurz vor der Abschiebung. Nun hat sie zwar eine vorrübergehende Aufenthaltsgenehmigung, aber sicher ist nichts.

Bundeskanzlerin Merkel beugt sich zu Reem, dem Mädchen palästinensischer Abstammung, dessen Familie vor kurzem einer Abschiebung entging (Bildschirmfotos des Mittschnitts des Norddeutschen Rundfunks).

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Merkel antwortet: „Das ist manchmal auch hart, Politik - (...) Du bist ja ein unheimlich sympathischer Mensch, aber du weißt auch, in palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon gibt es noch Tausende und Tausende. Und wenn wir jetzt sagen: Ihr könnt alle kommen und Ihr könnt alle aus Afrika kommen (...) Das können wir auch nicht schaffen.“ Es vergehen einige Minuten. Da unterbricht sich die Kanzlerin selbst. Denn Reem weint.

Der 60-Jährigen geht das sichtlich nahe. „Ach komm“, sagt sie und eilt zu Reem mit dem Versuch, sie zu trösten. Dabei wirkt Merkel unbeholfen. „Du hast das doch prima gemacht“, sagt sie, was der Moderator mit einer spitzen Bemerkung quittiert. „Ich weiß, dass das eine belastende Situation ist - aber trotzdem möchte ich sie einmal streicheln“, herrscht die Kanzlerin den Mann an. Streicheln. Ein ungewöhnliches Wort für eine Frau, die als eiskalt gilt.

Nun wieder ein Hashtag. Ein Oberbegriff, unter dem sich Menschen im sozialen Netzwerk Twitter über ein besonderes Ereignis austauschen und oft verbal kräftig zulangen. Seit dem EU-Gipfel zur Rettung Griechenlands vor der Pleite wird Merkel über den Kurzmitteilungsdienst Twitter unter dem Hashtag #ThisIsACoup (Das ist ein Staatsstreich) weltweit als eiserne, kühle Machtpolitikerin dargestellt, die herzlos mit Griechenland umspringe - und in Wahrheit ein Nazi sei. Jetzt gibt es diesen neuen Hashtag: #merkelstreichelt.


In unzähligen Tweets wird Merkel als böse, hartherzige, abgezockte Frau beschimpft. Ihre Abschiebung, Abwahl und eine Anklage vor Gericht wird gefordert. Just am Donnerstag druckt das Magazin „Stern“ Merkel auf dem Titel. Überschrift: Die Eiskönigin.

Die Zahl der Menschen, die Merkel unterstützen, ist kleiner. Aber es sind eindeutige Kommentare. Wie von der Journalistin und früheren taz-Chefredakteurin Ines Pohl: „Merkel hätte sich auch hinter dem Politsprech Einzelfallprüfung verstecken können. Sie war ehrlich - und bestimmt nicht kühl.“ Andere verlangen persönliches Engagement für Flüchtlinge - bis hin zur Aufnahme bei sich Zuhause. Erst, wenn viele Deutsche dazu bereit seien, könne man über Merkel richten.

Aber war Merkel wirklich kühl? Die Kanzlerin mag sprachlich zu politisch-professionell reagiert haben, heißt es in Regierungskreisen. Sie hätte Reem aber nichts versprechen dürfen, weil sie niemanden bevorzugen darf, den sie persönlich trifft - während andere leer ausgehen. Sie dürfe sich nicht über Entscheidungen der zuständigen Behörden hinwegsetzen. Das sei nicht mit den Grundsätzen des Rechtsstaates vereinbar. Auch, wenn es schwerer sein mag, in einem solchen Moment kein Versprechen zu machen. Auch Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) sagt: „Wir werden uns diesen Fall - wie alle anderen auch - noch einmal ganz genau anschauen. Aber eine willkürliche Einzelentscheidung ist nach deutschem Recht nicht möglich.“

Wegbegleitern von Merkel fällt erst einmal keine andere Begebenheit ein, in der Kanzlerin in aller Öffentlichkeit so auf den Kummer eines Kindes reagiert hat. Überhaupt meidet Merkel Körperkontakt, sie umarmt selten und klopft nicht oft auf Schultern. Wie leid ihr Reem tat, mag man in ihrem Bedürfnis ablesen, Reem „zu streicheln“. Und Merkel sagt auch, dass die Politiker „Euch in solche Situationen nicht bringen wollen“. „Solche Situationen“ sind wohl die Sorgen um die Zukunft. Und dennoch ist es die Lebenswirklichkeit.

Kristina Dunz

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