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Politik Ein Tag, der die katholische Kirche verändern könnte
Nachrichten Politik Ein Tag, der die katholische Kirche verändern könnte
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20:00 25.09.2018
Was ist die Rolle der Kinder in der Kirche? Messdienergewänder in einer Sakristei. Quelle: Shutterstock
Fulda

Es ist noch früh am Morgen im Fuldaer Dom, kurz nach halb acht, aber zumindest an einer Stelle spürt man schon so etwas wie den heiligen Zorn des Erzbischofs. In vollem Ornat, mit Bischofsstab, so steht Reinhard Kardinal Marx vor dem Hochaltar mit den schwarzen marmornen Säulen und den goldenen Figuren und traktiert ein Wort mit der Kraft seiner barocken Erscheinung. „Texte“, sagt er, „wir konzentrieren uns auf Texte, Texte, Texte.“ Verächtlich klingt das, als seien Texte der Inbegriff des Bösen. „Dabei geht es doch um die Praxis, um das Leben.“

Was er nicht sagt, aber was in den vollbesetzten Reihen des Fuldaer Doms an diesem Morgen jeder weiß: Im Leben, in der Praxis, hat die katholische Kirche in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich oft versagt. So haben selbst kleine, vermeintlich selbstverständliche Sätze im Dom die Macht, wie eine Anklage zu klingen.

Zwei Zahlen machen Angst

Der Gottesdienst steht am Beginn eines Bischofstreffens, wie es die katholische Kirche in Deutschland jedenfalls sehr lange nicht erlebt hat. Die 67 Bischöfe haben ihr gesamtes Programm über den Haufen geworfen, es geht erst mal nur um ein Thema: den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Genauer gesagt geht es um zwei beängstigende Zahlen.

3677: Das ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von katholischen Geistlichen zwischen 1946 und 2014 in Deutschland sexuell missbraucht worden sein sollen.

1670: So viele Priester und Diakone sollen zu Tätern geworden sein. Wobei diese Zahlen womöglich nicht einmal exakt sind. Sehr wahrscheinlich ist die Dunkelziffer in Wirklichkeit höher. Akten sind vernichtet worden und manche Vergehen sind niemals in die Akten gelangt.

„Es geht um das Leben“: Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Quelle: Arne Dedert/dpa

Die Zahlen entstammen einer Studie, die die katholische Kirche in Deutschland tatsächlich verändern könnte. Forscher aus Mannheim, Heidelberg und Göttingen haben sie in den vergangenen vier Jahren erstellt und an die kirchlichen Archive geschickt. Nur wollten die Bischöfe, die sie selbst in Auftrag gegeben hatten, anders mit der Studie umgehen. Sie wollten sie an diesem Dienstag selbst der Öffentlichkeit verkünden. Das hätte die Zahlen nicht kleiner gemacht, aber es hätte die Bischöfe als aktive Aufklärer erscheinen lassen. Sie hätten kontrolliert, was wann an die Öffentlichkeit gelangt. Nur ist ihnen das nicht gelungen. Die Studie gelangte schon vorher an die Medien. Nun wirken die Bischöfe wie Getriebene. Wie Schuldige, von denen eine Reaktion erwartet wird.

Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, braucht an diesem Morgen im Gottesdienst nicht lange, bis er zum Punkt kommt. „Wir sind erschrocken und tief erschüttert über das, was möglich war im Volk Gottes, durch Priester, die den Auftrag hatten, Menschen aufzurichten“, sagt Marx. „Ich schäme mich.“ Von einem „neuen Anfang“, der nötig sei, spricht er dann, und sogar von einem „neuen Kapitel in der Kirchengeschichte“, von einem „Wendepunkt“. Er hat das am Tag zuvor schon ähnlich formuliert, da hatte er noch engagierter geklungen.

Die Unruhe in der Kirche ist längst riesig

Genügt das? Ist das mehr als eine ernst gemeinte, aber letztlich folgenarme Entschuldigung? Steht dahinter der echte Wille, etwas von der eigenen kirchlichen Macht abzugeben? An staatliche Stellen, die in die Archive oder Personalakten schauen dürften? An die Gläubigen, die mehr mitbestimmen dürften? Und lassen sich echte Reformen in einem so zerstrittenen Gremium wie der Deutschen Bischofskonferenz überhaupt durchsetzen?

Klar ist jedenfalls, dass die Unruhe in der Kirche längst riesig ist. Im Gottesdienst in Fulda sitzt, ein paar Reihen hinter den Bischöfen, eine Frau in den Fünfzigern, Helga Bormann heißt sie, kurze Haare, grüne Lederjacke, das Gesangbuch eingeschlagen in eine Tasche aus Filz und Leder, sie braucht es häufig.

Einkehr – und Reue? Bischöfe beim Eröffnungsgottesdienst der Herbstvollversammlung im Fuldaer Dom. Quelle: Arne Dedert/dpa

„Ich leide wahnsinnig unter dem, was jetzt bekannt wurde“, sagt sie. Mitarbeiterin im Jugendamt ist sie, sie weiß, was Missbrauch bei Kindern anrichtet. Als sie in die Kirche hineinwuchs, war der sehr konservative Johannes Dyba Bischof von Fulda, „da hatte ich meine Kämpfe“, sagt sie. Aber am Ende blieb sie. Und jetzt? Sie schweigt. „Im Gottesdienst kam nach dem Kyrie sofort das Gloria“, sagt sie. „Wir müssen länger beim Kyrie bleiben.“ Beim Leid, das die Menschen im Namen der Kirche angerichtet haben. „Sonst“, sagt sie, „weiß ich nicht, ob das noch meine Kirche ist.“

Der Missbrauchsskandal ist der Prüfstein , für viele. „Die Katholiken schämen sich fremd für ihre Bischöfe“, so sagte es vor einigen Tagen der Jesuit Klaus Mertes, der frühere Leiter des Canisius-Kollegs. „Die Volksseele kocht.“

Der bericht rührt an die Macht der Priester

Was muss folgen, um diese Seele wieder zu befrieden? Um zu zeigen, dass es der katholischen Kirche ernst ist?

Reicht da eine Studie? Die Seiten, um die es an diesem Tag in Fulda geht, sind für die katholische Kirche unbequem. Sie rühren an das, was viele Bischöfe für den Kern der Kirche halten. Die Macht der Priester zum Beispiel, weil sie dazu führen könne, nicht geweihte Personen zu dominieren. „Sexueller Missbrauch ist ein extremer Auswuchs dieser Dominanz“, heißt es da. Von Beschuldigten mit „defizitärer persönlicher und sexueller Entwicklung“ ist da die Rede, die in der Machtposition als Priester kaum Grenzen gesetzt bekämen. Die Studie stellt auch die Sexualmoral infrage: Die meist verheirateten Diakone werden deutlich seltener Täter als zum Zölibat verpflichtete Priester.

Alles das sind unbequeme Seiten für die Kirche. Es gibt allerdings auch sehr bequeme Seiten: Die Studie nennt keine Täter. Keine Verantwortlichen, die Täter geschützt haben. Keine Bischöfe, die der Aufklärung im Weg standen. Das durften die Forscher laut Auftrag auch nicht. Muss das nun kommen?

„Das Ausmaß des Missbrauchs und der Umgang der Verantwortlichen damit haben mich erschüttert“: Harald Dreßing, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, stellt auf einer Pressekonferenz der Deutschen Bischofskonferenz die Studie "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" vor. Quelle: Arne Dedert/dpa

Es ist früher Nachmittag, als es darauf vielleicht eine Antwort gibt. Als die Forscher nun auch ganz offiziell erklären, was sie herausgefunden haben. Ein Mehrzwecksaal des Kolping-Hotels, mit Balustrade und verhängter Bühne, vorne auf dem Podium Harald Dreßing, der Leiter der Studie. Ein Mann von 61 Jahren, braunes Sakko, Brille. Er wirkt nicht, als würde er sich selbst häufig zum Thema machen. Jetzt tut er es.

„Ich bin seit 30 Jahren forensischer Psychiater“, schickt Dreßing voraus. Er habe in dieser Zeit eine professionelle Distanz entwickelt. „Aber das Ausmaß des Missbrauchs und der Umgang der Verantwortlichen damit haben mich erschüttert.“

Was ihn erschüttert hat, das referiert Dreßing betont nüchtern. Dass der Missbrauch in der katholischen Kirche auch seit 2010 anhält, offenbar in unveränderter Quote. Dass es sich überwiegend „um schwere sexuelle Missbrauchshandlungen“ handelte. Dass die Zahl der Taten in der Studie nur „die Spitze des Eisbergs“ sei. Und schließlich, auch das hat die Studie ergeben, steht es um die Prävention offenbar längst nicht so gut, wie es die Kirche selbst immer wieder beteuert. Im vertraulichen Gespräch, erklärt Dreßing, hätten die Präventionsbeauftragten immer wieder von „einer spürbaren Reaktanz“ bei manchen Klerikern berichtet. Das heißt: Es gibt in den Bistümern noch immer Geistliche, die das Thema Missbrauch in der Kirche für überbewertet halten. Die sich gegen das Thema wehren. Und die Prävention boykottieren.

Wann werden die letzten Akten geöffnet?

Neben Dreßing sitzen Kardinal Marx und Stephan Ackermann, der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz. Unbewegt, ernst, so hören sie zu.

Was sie dann sagen, das klingt mal nach großem Aufbruch. Und dann wieder nach ganz kleinen Schritten, nach Zaudern. Wahrscheinlich spiegelt sich in ihnen in diesem Moment fast perfekt der gegenwärtige Zustand der katholischen Kirche.

Jedenfalls klingt der Vorsitzende der Bischofskonferenz in den ersten Momenten so, als wolle er ein ganz persönliches Versagen gestehen. Von einer „persönlichen Schuldgeschichte“ spricht er. „Ich schäme mich für alles, was geschehen ist“, sagt er. Und Ackermann sagt, dass die Bischöfe Hilfe bei der Aufarbeitung bräuchten, „von der Politik, Wissenschaft, von den Betroffenen“. Da ist es dann nicht mehr weit zur Öffnung der Akten, die die Kirche jetzt noch verweigert hat.

Aber bei den Nachfragen klingt dann alles schon deutlich vager. Persönliche Schuld? Als „junger Priester“ habe er das Thema gar nicht wahrgenommen, sagt Marx. Rücktrittsangebote von Bischöfen? „Keine.“ Entschädigungen für die Opfer? Müssten „auf den Prüfstand“ gestellt werden, sagt Ackermann.

Das klingt dann plötzlich wieder deutlich weniger entschlossen.

„Die Betroffenen haben ein Recht auf Wahrheit“: Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs Berlin und Sprecher des Betroffenenverbands „Eckiger Tisch“. Quelle: Arne Dedert/dpa

In Estland sagt der Papst an diesem Tag zu Jugendlichen: „Sie sind empört über sexuelle und wirtschaftliche Skandale, die nicht auf eine klare Verurteilung treffen.“ Die „Erwachsenen in der Kirche müssen viele Situationen ändern, die euch abschrecken“. Es ist ein weltweiter Kampf in der katholischen Kirche. Es ist nicht klar, wie er ausgeht. Es ist nicht mal immer klar, wo die Fronten verlaufen.

In Fulda hat das letzte Wort an diesem Tag Matthias Katsch. Er ist derjenige, mit dem 2010 alles anfing. Da erklärte er, dass er 1977 als Schüler am Canisius-Kolleg von zwei Priestern missbraucht worden war – und stieß damit eine Welle von Enthüllungen über sexuelle Vergehen in der katholischen Kirche an.

Jetzt steht er in einem Seminarraum nahe dem Kolping-Hotel, der 55-Jährige ist Sprecher der Betroffenenorganisation „Eckiger Tisch“. Um Entschädigungen müsse es jetzt endlich gehen, sagt Katsch. Und um eine unabhängige Kommission, die den Missbrauch aufarbeitet. „Die Betroffenen haben ein Recht auf Wahrheit“, sagt er.

Seit acht Jahren kämpft er für die Rechte der Opfer. Zum ersten Mal haben ihn gestern die Bischöfe zu ihren internen Beratungen eingeladen. Welchen Eindruck er gehabt hat? Nachdenklich seien die Bischöfe gewesen, ernsthaft interessiert. Jedenfalls die meiste Zeit. „Nur dass sie dann doch rasch wieder bei ihren eigenen kirchlichen Themen waren, bei Fragen der Priesterausbildung und anderem, das fand ich etwas irritierend.“

Von Thorsten Fuchs/RND

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