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Politik „Die Wiederholungsgefahr einer Fabrik-Katastrophe ist real“
Nachrichten Politik „Die Wiederholungsgefahr einer Fabrik-Katastrophe ist real“
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11:40 29.11.2018
Bei dem Brand in einer Textilfabrik im pakistanischen Karachi starben Hunderte Arbeiter. Quelle: Rehan Khan/EPA/dpa

Frau Schnura, nach der Katastrophe bei Ali Enterprises 2012 und dem Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza 2013 mit mehr als 1000 Toten war das Entsetzen groß. Hat die Textilindustrie etwas daraus gelernt? Haben sich die Bedingungen für die Näherinnen und Arbeiter seitdem verbessert?

Viele Unternehmen, gerade auch kleinere und mittelständische, geben sich große Mühe. Sie haben soziale und ökologische Standards formuliert und lassen deren Einhaltung unabhängig, unter Einbeziehung der Arbeitnehmervertretungen, kontrollieren. Doch das ist nicht die Mehrheit. Viele Unternehmen, auch große, scheuen nach wie vor die Mühe und die Verantwortung. Die Gefahr, dass sich eine Katastrophe wie beim Rana-Plaza-Fabrikgebäude wiederholt, ist deshalb leider sehr real.

Entwicklungsminister Gerd Müller hat 2014 mit der Industrie das Bündnis für nachhaltige Textilien gegründet; es soll seine Mitglieder zur Einhaltung von Standards verpflichten. Funktioniert das?

Die Probleme dieses Bündnisses sind vielfältig. Da gibt es das große Problem, auf welche Standards man sich einigt. Oder: Wie soll die Wirkung der Maßnahmen überprüft werden? Zudem verliert das Bündnis Mitglieder auf der Unternehmensseite. Eigentlich sollte es 75 Prozent des deutschen Textilmarktes abdecken. Tatsächlich sind es bis heute weniger als 50 Prozent. Inditex zum Beispiel, der weltgrößte Textilproduzent, Muttergesellschaft von Zara, ist nicht dabei.

Christine Schnura vom Bündnis „Kampagne für saubere Kleidung“ Quelle: privat

Warum nicht?

Weil es Geld kostet. Gerechte Löhne und sichere Arbeitsbedingungen sind nicht zum Nulltarif zu haben. Zudem sind einige eigentlich sehr engagierte Mittelständler wieder ausgetreten. Weil sie sagen, es rechne sich für sie nicht. Sie haben hohe Kosten für die Entwicklung von Plänen und die Überwachung von Zulieferern, aber keine Vorteile gegenüber Konkurrenten, die nicht mitmachen.

Müller will jetzt den Grünen Knopf einführen, ein Siegel, das nachhaltig produzierte Textilien kenntlich macht.

Die Gefahr ist groß, dass die Politik mit diesem Siegel bloße Augenwischerei betreibt. Alles deutet darauf hin, dass das Siegel nur das Nähen der Kleidung berücksichtigen soll. Es würde damit eine ökologische und faire Produktion vorspiegeln, lässt dabei aber in Wirklichkeit wesentliche Schritte der Produktion außer Acht. Da besteht die Gefahr, dass ein solches Siegel die Standards eher verwässert statt sie anzuheben.

Wie ist die soziale Situation der Näherinnen und Näher heute?

Schlecht. Nach einer Erhebung reicht der Lohn einer Näherin in Kambodscha für den Erwerb von Nahrung mit rund 1000 Kilokalorien am Tag – das reicht aber nicht zum Leben. In anderen Ländern ist die Situation ähnlich.

Von Thorsten Fuchs

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