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Nepal im Ausnahmezustand

Nach dem Erdbeben Nepal im Ausnahmezustand

Knapp sechs Wochen nach dem verheerenden Erdbeben in der Himalaya-Region mit über 8600 Toten befindet sich das am meisten betroffene Nepal noch immer im Ausnahmezustand. Zwar wurden in dieser Woche die ersten Schulen wieder eröffnet, von Normalität ist der Staat zwischen China und Indien aber weit entfernt.

In Nepals Hauptstadt Kathmandu herrscht auch knapp sechs Wochen nach dem verheerenden Erdbeben Ausnahmezustand.

Quelle: Martin Pelzl

Kathmandu. Bimal Lama sitzt in einem der wenigen geöffneten Cafés in Nepals Hauptstadt Kathmandu. Seit Wochen hat er viel Freizeit. Ungewollt. Denn eigentlich kellnert der 29-Jährige täglich in der bei Ausländern sehr beliebten Reggae-Bar im Herzen des touristischen Zentrums Thamel. Doch in vielerlei Hinsicht herrscht nach den großen Erdbeben vom 25. April und 12. Mai mit einer Stärke von bis zu 7,8 auf der Richterskala sowie über 8600 Toten Ausnahmezustand in dem kleinen Himalaya-Staat zwischen den beiden riesigen Nachbarn China und Indien. „Wir haben seit dem ersten Beben geschlossen", erzählt der Nepalese traurig. Doch nicht etwa, weil die Bar von den Erschütterungen in Mitleidenschaft gezogen wurde, sondern weil „praktisch die gesamte Belegschaft das Kathmandu-Tal fluchtartig verlassen hat". Hinzu kommen die fehlenden Touristen. Als Miteigentümer sieht er schwere Zeiten auf sich und seine kleine Familie zukommen.

Wie Bimal Lama geht es in diesen Tagen vielen Café-, Bar- und Restaurant-Betreibern. Nur eine Handvoll öffnet. Oft weigern sich Köche zu arbeiten, weil sie im Falle eines erneuten Bebens befürchten, zu spät aus den Küchen herauszukommen. Im geöffneten Restaurant „The Northfield Café", nur einen Steinwurf von der Reggae-Bar entfernt, ist die Anspannung zu spüren. Der Konflikt zwischen Küchenpersonal drinnen und den Kellnern draußen wird – für Nepal völlig unüblich – lautstark ausgetragen. Die Nerven liegen blank.

Kathmandu gleicht auch noch in dieser Woche einer Geisterstadt. Zwischenzeitlich hatten nach offiziellen Angaben etwa 75 Prozent der Menschen die Vier-Millionen-Einwohner-Metropolregion verlassen. Die Furcht vor weiteren Beben war zu groß. Berechtigt, denn das letzte Nachbeben mittlerer Größenordnung wurde erst am vergangenen Dienstag registriert. Zwar sind einige Einwohner bereits wieder zurückgekehrt, doch noch immer wagen sich viele nicht in ihre Häuser zurück und campieren auf freien Plätzen sowie am Straßenrand in Zelten. Die nepalesischen Zeltverkäufer dürften das Geschäft ihres Lebens gemacht haben.

„In Thamel sind noch weniger Shops geöffnet als kurz nach dem Beben und so wenig Verkehr hatten wir hier noch nie", berichtet Nabin Bhatta. Einen Touristen hat der Chef der Trekkingagentur Adventure Highpass schon seit Tagen nicht mehr gesehen – weder in der Innenstadt noch auf dem einzigen internationalen Flughafen. „Die wenigen westlichen Ausländer kommen derzeit ausnahmslos von Hilfsorganisationen", sagt der 31-Jährige, der ebenfalls zwangsweise über viel Tagesfreizeit verfügt. Nach einigen Absagen für die Herbstsaison sind zuletzt auch Stornierungen für die in der demnächst beginnenden Monsun-Saison populären Trekking-Touren zum heiligen Berg Kailash im praktisch immer trockenen Tibet hereingeflattert. Kollegen würden dasselbe berichten. „Meines Wissens sind sämtliche Treks zum Kailash und ins Hidden Valley von Tsum abgesagt", so Bhatta.

Bimal Lama bestellt noch einen weiteren Masala-Chai – schwarzer Tee mit einer speziellen Gewürzmischung, Zucker und Milch. Thema Nummer eins in den Gesprächen mit Freunden und Verwandten sind an diesem Tag die massiven Korruptionsvorwürfe gegen den nepalesischen Finanzminister Ram Sharan Mahat, die einheimische Medien aufgedeckt haben. „Sein persönlicher Assistent ist bereits vernommen worden, es scheint jetzt der ganz große Skandal zu folgen", vermutet der Nepalese. Da erscheint die Posse um 1000 von China gespendete Zelte, auf die auch Parlamentsabgeordnete aus nicht betroffenen Landesteilen Anspruch erhoben, fast schon als eine Schmonzette.

Doch es gibt auch positive Nachrichten, wie Nabin Bhatta erzählt. „Die Regierung hat bereits damit begonnen, Hotels, Restaurants und Bars zu untersuchen und entsprechende Aufkleber zu verteilen", sagt er. Rot bedeutet, die Einrichtung muss bis zu einer umfassenden Rekonstruktion geschlossen bleiben. Grün, dass das Geschäft zwar weitergehen darf, aber Maßnahmen zur Verbesserung der Erdbebensicherheit eingeleitet werden müssen. Und Gelb – hier unterscheidet sich die Farbenlehre des Landes mit lediglich vier Ampelkreuzungen in Kathmandu von der gewohnten –, dass das Objekt sicher ist und ohne Einschränkungen genutzt werden darf. „Inwieweit man sich diese Sticker auch gegen ,eine kleine Aufmerksamkeit‘ besorgen kann, ist allerdings nicht abzuschätzen", schildert Bhatta. Er hoffe aber, dass die Regierung im Sinne der Sicherheit für alle da sehr restriktiv vorgeht.

Ebenso positiv ist in dieser Woche die Meldung, dass in weiten Teilen des Landes die Schule wieder begonnen hat – auch wenn von Normalität keinesfalls die Rede sein kann. „Richtigen Unterricht soll es laut Regierung erst ab dem 15. Juni wieder geben", berichtet Ang Dawa Sherpa. Der 28-Jährige ist Lehrer an der kleinen Grundschule in Lumsa im Everest-Gebiet (Distrikt Solukhumbu). Hier hat das Erdbeben den alten Teil der Schule so weit beschädigt, dass dort kein Unterricht mehr stattfinden kann. „Wir werden mit den Kindern zunächst viel singen und tanzen", sagt Sherpa. Es gehe in erster Linie darum, den Kleinen die Furcht vor den ständigen Beben zu nehmen und Verhaltensweisen für den Wiederholungsfall zu lehren. Sherpa hofft, dass die in Dresden (www.himalaya-saxonia.de) und Halle (www.lumsa.de) gemeinsam gestartete Spendenaktion genug Geld einbringt, um nach dem Monsun mit dem Wiederaufbau der Schule beginnen zu können.

Apropos Monsun: Regierung wie Bevölkerung erwarten die spätestens Mitte Juni beginnende jährliche Regenzeit mit mehr als nur gemischten Gefühlen. Es werden weitere Erdrutsche und Lawinen befürchtet wie einkalkuliert – ausgelöst durch die Wassermassen. Deshalb ist ein zweimonatiger Baustopp verhängt worden, erst sollen die mutmaßlichen Monsun-Schäden abgewartet werden. „Nördlich von Beni – eine etwa 25.000-Einwohner-Stadt in der Touristenregion um die beiden Achttausender Annapurna und Dhaulagiri – werden weitere schwere Erdrutsche wie nach der Bebenserie prophezeit", erklärt Nabin Bhatta. Wer kann, verlasse die Stadt. Für viele Menschen gehe es in den nächsten Tagen darum, an sicherer Stelle zumindest ein halbwegs sicheres Dach über dem Kopf zu bekommen. Er selbst werde noch diese Woche mit Bekannten in die schwer getroffene Gorkha-Region fahren, um einem Freund sowie der stark beschädigten Schule in dessen Wohnort beim Aufbau einfacher Hütten mit Wellblechdach zu helfen.

Reggae-Club-Chef Bimal Lama war schon in seinem ebenfalls betroffenen Heimatdorf. Er will sich nach dem Monsun um den Wiederaufbau seines Hauses kümmern. „Vorher hat es keinen Zweck." In Kathmandu beginnt für ihn nun das große Warten – auf Touristen wie auf seine Belegschaft. Wann es wieder losgeht? Achselzucken. Mit Hilfe der Regierung rechnet er nicht. „Wenn wenige Wochen vor dem Erdbeben-Desaster praktisch das komplette Präsidium der direkt der Regierung unterstehenden nepalesischen Tourismus-Kammer der Korruption beschuldigt wird, zeigt dies doch irgendwie den Zustand dieses Landes", so Lama.

Am Samstag findet eine weitere sächsische Spendenaktion statt. Der Bergsteiger Olaf Rieck hält um 11 Uhr im kleinen Saal des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, Grimmaische Straße 6, einen Benefizvortrag für den Verein Nepalmed (www.nepalmed.de). Es folgt eine Diskussion, unter anderem mit dem nepalesischen Honorargeneralkonsul Ram Pratap Thapa.

Martin Pelzl

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Interview

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