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Politik „Es steht 3:0 für Kim“
Nachrichten Politik „Es steht 3:0 für Kim“
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22:31 12.06.2018
„Neue Beziehungen schaffen“: Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump begrüßen sich mit einem Händedruck. Quelle: Foto: AP
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Singapur

Die Aufregung ist Kim Jong Un deutlich anzumerken. Sein Lächeln wirkt arg eingerostet, auch auf die Tätscheleien des US-Präsidenten an seinem Arm und seiner Schulter reagiert der Diktator aus Nordkorea eher ungelenk. Auch der US-Präsident schwitzt. Das könnte zwar auch an Singapurs schwüler Hitze liegen. Die beiden haben die 48 Minuten zuvor allerdings in einem klimatisierten Raum verbracht.

Ein „intensiver Morgen“ liege hinter ihnen, sagt Trump nach einem weiteren Spaziergang mit Kim, als beide für einen kurzen Moment vor die Kameras treten auf dem Gelände des Tagungshotels Capella in Singapur. „Es ist besser gelaufen, als alle erwartet hatten“, sagt Trump. „Spitzenklasse.“ Kim, nun sichtlich gelöster, nickt zustimmend. Beim Gehen sagt der US-Präsident: „Jetzt machen wir uns auf den Weg zur Unterzeichnung.“

„Es ist besser gelaufen, als alle erwartet hatten“: Trump und Kim in Singapur. Quelle: imago stock&people

Unterzeichnung? Der Handschlag zu Beginn der Gespräche, das erste Mal, das ein amtierender US-Präsident einen nordkoreanischen Machthaber trifft – das war für rund 2500 Journalisten aus der ganzen Welt bereits Anlass genug, nach Singapur zu kommen. Doch dass sich die beiden offenbar auf eine konkrete Vereinbarung einigen würden, übertrifft die Erwartungen.

Im Pressezentrum, in dem die Begegnung auf einem großen Bildschirm live übertragen wird, bricht in diesem Moment Hektik aus. Was könnte in dem Papier stehen? Nordkorea gibt sein Atomprogramm auf? Ein Durchbruch? Kommt es gar zu einem Friedensvertrag?

Keine zehn Minuten später findet auch schon die feierliche Unterzeichnung statt. Das Hotelmanagement hat einen großen Tisch aufgestellt, im Hintergrund sind jeweils sechs US- und sechs Nordkorea-Fahnen aufgestellt. Sie haben die gleichen Farben: Rot, Weiß, Blau. Kim und Trump unterschreiben. „Was steht drin?“, ruft ein Journalist. „Denuklearisierung?“ Trump antwortet: „Ja, und zwar komplett.“ Und sie solle „sehr, sehr schnell beginnen“. „Die Welt wird einen großen Wandel erleben“, lässt Kim von seiner Dolmetscherin übersetzen. „Wir haben beschlossen, die Vergangenheit hinter uns zu lassen.“ Etwa zur gleichen Zeit sitzt Dennis Rodman, der exzentrische Ex-Basketballstar und Kim-Vertraute, bei CNN und sagt unter Tränen der Rührung: „Kim will die Welt sehen. Er will Spaß haben.“ Wenig später kursieren Berichte, nach denen Trump mit Kim nicht nur über den Weltfrieden, sondern auch über Immobiliengeschäfte und Strandhotels in Nordkorea gesprochen habe. Es liegt viel Bizarres in diesem Tag.

„Kim will Spaß haben“: Ex-Basketball-Star Dennis Rodman. Quelle: AP

Jahrzehntelang galt eine derartige Begegnung als undenkbar. Die früheren US-Präsidenten wollten den Machthaber des international isolierten Staates nicht diplomatisch aufwerten und verweigerten ein Treffen. Auch Trump und Kim haben sich noch vor wenigen Monaten bedroht und beschimpft. Die Welt wähnte sich am Rande des Atomkrieges. Als Trump dann im März Kims Einladung zu einem Gipfel annahm, gab es auch im eigenen Lager heftige Kritik. Sollte es zu keinem Ergebnis kommen oder der Gipfel gar scheitern, könnte das verheerende Folgen haben.

Und nun das: ein Grundsatzabkommen, in dem sich Nordkorea verpflichtet, „auf eine vollständige Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel hinzuarbeiten“. Zudem verpflichten sich die beiden Staaten, „neue Beziehungen zu schaffen“. Das Abkommen ist kein Friedensvertrag, aber immerhin ist in dem Dokument von der „Schaffung eines dauerhaften und stabilen Friedensregimes“ die Rede. Kim stimmte in dem Dokument auch einer Rückführung der US-Opfer des Koreakriegs zu, die in Nordkorea seit Kriegsende 1953 begraben sind. Ist die Annäherung ein Erfolg für den US-Präsidenten? Der erste außenpolitische Erfolg seiner anderthalbjährigen Amtszeit?

Noch am Vortag hatte Trump gesagt: Es zählten die ersten 60 Sekunden des Treffens. Er würde „innerhalb der ersten Minute“ wissen, ob „etwas Positives passieren kann“, also ob es der nordkoreanische Machthaber mit einer möglichen Aufgabe seines Nukleararsenals ernst meine. „Sehr, sehr gut, exzellente Beziehung“, sagt Trump nach der Unterzeichnung und drückt Kim zweimal die Hand.

Händedruck und gute Stimmung: Nordkoreas Machthaber Kim und US-Präsident Trump. Quelle: AP POOL

Vergessen ist das Fiasko um den G-7-Gipfel in Kanada am Wochenende, auf dem Trump den traditionellen Verbündeten einen Korb gab. Im Scheinwerferlicht steht nun Trump, der Macher, der Unmögliches möglich macht.

Am Nachmittag stellt sich der US-Präsident im voll besetzten Pressezentrum den Fragen der Journalisten. Kim ist zu diesem Zeitpunkt bereits abgereist. Die anfängliche Euphorie vieler Beobachter ist der Ernüchterung gewichen. Der Wortlaut des Dokuments ist inzwischen ausgehändigt, die Details sind bekannt. Oder besser gesagt: Es ist bekannt, dass die Details fehlen. Vor allem unter den anwesenden US-Journalisten ist der Unmut groß.

„Gibt es einen konkreten Zeitplan der von Nordkorea zugesagten Denuklearisierung?“, fragt eine Journalistin der „New York Times“. Noch nicht, erklärt Trump. Kim habe ihm aber mündlich die Zerstörung von Nordkoreas „größtem Raketentestgelände“ zugesichert. Dann fügt der US-Präsident hinzu: Man werde aber sehr schnell beginnen. Schon in der kommenden Woche wolle Außenminister Mike Pompeo nach Pjöngjang reisen und die Details aushandeln. Die Denuklearisierung brauche aber Zeit, betont Trump. Er freue sich, die Sanktionen aufzuheben. Das sei der Fall, „wenn Atombomben kein Faktor mehr sind“. Er wiederum habe zugesagt, die Militärmanöver mit dem Verbündeten Südkorea zu stoppen. Diese „Kriegsspiele“ seien „teuer und provokativ“.

Diese Ankündigung wird später am Nachmittag, als Trump bereits die Air Force One auf dem Rückweg nach Washington bestiegen hat, in Peking mit Freude aufgenommen. „Wir begrüßen jede Form der Abrüstung in der Region“, heißt es. Die südkoreanische Regierung hingegen ist verwundert. An diesem Punkt gebe es Klärungsbedarf, sagte ein Sprecher des Präsidialamts in Seoul. Hat Trump seinen Verbündeten brüskiert?

Mit Unterschrift: Trump hält die Vereinbarung mit Kim in den Händen. Quelle: AP

Oliver Meier, Abrüstungsexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), sieht den Gipfel denn auch als Erfolg für Nordkorea. „Mindestens 3:0“, sagt Meier. Kim Jong Un habe drei „Treffer“ erzielt, weil er es geschafft habe, dass es einen Gipfel mit den USA, auf den Nordkorea jahrelang gedrungen hat, gab. Der amerikanische Präsident stellt dem Land zudem Sicherheitsgarantien in Aussicht. Und auch das angekündigte Ende der Manöver sei ein klares Zugeständnis an Kim. „Diese drei Aspekte sind Pluspunkte für Nordkorea“, erklärt Meier.

Gemessen am Ziel der Nichtverbreitung von Atomwaffen ist der Gipfel laut Meier denn auch eine Enttäuschung. „Nordkorea hat sich zu nichts verpflichtet, was es nicht vorher schon versprochen hatte“, sagt Meier. Die Absicht beider Länder, weiter im Gespräch zu bleiben, sei zwar wichtig. „Solange sie reden, schießen sie nicht“, sagt Meier. Trotzdem ist der Abrüstungsexperte skeptisch, ob Nordkorea seine Abrüstungsabsichten schnell konkretisieren wird. „Das Problem ist, dass die USA nur noch wenige Anreize bieten können, damit Nordkorea seinen Worten auch Taten folgen lässt“, erklärt Meier. Zudem würden durch den Gipfel multilaterale Instrumente geschwächt. Nach Singapur sei Europa nun mehr denn je in der Pflicht, das Atomabkommen mit dem Iran zu retten. „Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass man nur mit den USA ins Geschäft kommt, wenn man über Atomwaffen verfügt“, sagt Meier.

Als eine Journalistin Trump auf der Pressekonferenz auf den Tod des US-Studenten Otto Warmbier anspricht, der vor einem Jahr nach der Gefangenschaft in Nordkorea starb, erwidert Trump, Warmbier sei nicht umsonst gestorben. Sein Tod habe ein Umdenken bewirkt.

„Kim wird die richtigen Dinge tun“: Kim und Trump in Singapur. Quelle: imago stock&people

Angesprochen auf Nordkoreas Menschenrechtsverletzungen in Arbeitslagern, in denen Hunderttausende unter unwürdigen Bedingungen inhaftiert sind, sagt Trump: „Das ist angesprochen worden, und es wird in Zukunft angesprochen werden.“ Er sei aber zuversichtlich, dass Kim „die richtigen Dinge tun“ wolle. Er gibt aber zu: Im Vergleich zur atomaren Abrüstung seien die Menschenrechte nur „kurz“ Thema gewesen. Und: Er, Trump, habe Kim nach Washington eingeladen.

Als ein Journalist Trump schließlich fragt, was er mache, wenn Kim seine Versprechen nicht einhält, antwortet Trump: „Ich glaube, er wird sich daran halten. Ich könnte mich irren. Ich könnte in sechs Monaten hier stehen und sagen: ‚Hey, ich hatte Unrecht.’“ Dann scherzt Trump: „Ich weiß nicht, ob ich das zugeben werde, aber ich werde bestimmt eine Ausrede finden.“

Von Felix Lee und Julia Polley/RND

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