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Politik Auftragsmord-Vergleich: Viel Gegenwind für den Papst
Nachrichten Politik Auftragsmord-Vergleich: Viel Gegenwind für den Papst
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18:31 11.10.2018
Papst Franziskus hält seine Botschaft anlässlich seiner wöchentlichen Generalaudienz auf dem Petersplatz im Vatikan. Er hat Abtreibungen mit einem Auftragsmord gleichgestellt. Quelle: Gregorio Borgia/AP/dpa
Berlin

Als ein Vatikansprecher am Dienstagabend erklärte, dem Papst gehe es gut nachdem er auf einer Treppenstufe gestolpert und gefallen war, hatte die katholische Welt aufgeatmet. Einen halben Tag später, am frühen Nachmittag, stockte nicht nur den Besuchern der Generalaudienz von Papst Franziskus in Rom erneut der Atem.

Mit der Keule gegen Abtreibung

Der nette Argentinier, von dem bekannt ist, dass er Abtreibungen ablehnt, war derart vom Sturz genesen, dass er mit der Keule gegen Schwangerschaftsabbrüche ausholte: Der 81-Jährige stellte sie mit einem Auftragsmord gleich. „Ist es gerecht, jemanden umzubringen, um ein Problem zu lösen?“, hatte der Pontifex gefragt. „Das kann man nicht machen, es ist nicht gerecht, einen Menschen umzubringen, auch wenn er klein ist.“ Und Franziskus fuhr, abweichend vom Redemanuskript, fort: „Es ist, wie einen Auftragsmörder zu mieten, um ein Problem zu lösen.“

Wenn Eltern die Diagnose einer schweren Behinderung ihres ungeborenen Kindes bekämen, brauchten sie „wahre Nähe“ und Solidarität, um ihre Ängste zu überwinden. „Stattdessen bekommen sie hastige Ratschläge, die Schwangerschaft abzubrechen“, sagte das Oberhaupt der Katholiken bei derAudienz am Petersplatz, die das Gebot „Du sollst nicht töten“ zum Thema hatte. „Das sagt man so: die Schwangerschaft unterbrechen. Aber das bedeutet, jemanden direkt um die Ecke zu bringen.“

Große Empörung bei Frauenärzten

Die Empörung bei deutschen Frauenärzten ist groß. Der Präsident des Berufsverbands, Christian Albring, sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) , der Papst hätte somit „Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, mit Auftragsmördern verglichen“. Richtig sei stattdessen, „dass Frauenärztinnen und -ärzte, die Schwangerschaften nach den gesetzlichen Vorgaben abbrechen, dies tun, weil sich die Frauen in einer Notlage befinden, sei dies wegen medizinischer oder psychischer Gefährdung, einer sozialen Krise oder nach einem gewaltsam herbeigeführten Geschlechtsverkehr“, stellte der in Hannover niedergelassene Frauenarzt klar.

Albring: „Sie sehen die Frauen, die durch ihre Schwangerschaft in einer ausweglosen Situation sind und ärztliche Hilfe benötigen. Sie führen nicht etwa Schwangerschaftsabbrüche durch, weil sie gewissenlos sind, sondern weil sie sich gerade aus Gewissensgründen zu dieser Hilfe verpflichtet fühlen.“

Schwere Sünde für die Kirche

Für die katholische Kirche ist Abtreibung in jedem Fall eine schwere Sünde. Die Kirche sieht eigentlich sogar die Exkommunikation für jene vor, die eine Abtreibung vorgenommen haben: Nicht nur die Frau selbst, sondern auch der Abtreibungsarzt und der Partner, wenn er die Frau zur Abtreibung gedrängt hat, sind automatisch vom Empfang der Sakramente - auch des Bußsakraments - ausgeschlossen.

Franziskus setzt seine harte Linie fort. Erst im Juni hatte der Argentinier Abtreibung behinderter Kinder mit den Euthanasie-Morden der Nationalsozialisten verglichen. Im vergangenen Jahrhundert habe sich die ganze Welt über die Euthanasie der Nazis empört. Heute mache man „dasselbe mit weißen Handschuhen“, hatte er gesagt.

Papst geringe Sensibilität vorgeworfen

Der Vergleich zwischen einem Auftragsmord und einem Schwangerschaftsabbruch „beleidigt sowohl die Opfer eines Mordes als auch die Gewissensentscheidung einer Frau im Schwangerschaftskonflikt“, erklärte nun der katholische Verein Frauenwürde, der Schwangerschaftskonfliktberatung anbietet. „Die geringe Sensibilität gegenüber schwangeren Frauen, die sich aus vielerlei und unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sehen, für das Kind, das sie erwarten, eine Zukunft aufzubauen, reiht sich ein in die vielen abstrusen Gedanken der Päpste der römisch-katholischen Kirche zur Lebenswirklichkeit von Frauen.“

Giffey hält Stigmatisierung für inakzeptabel

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bezeichnete die Stigmatisierung von Frauen in Not und helfenden Ärzten als „absolut inakzeptabel“. Keine Frau mache sich eine solche Entscheidung leicht. „Darum müssen Frauen alle Informationen bekommen, die sie in einer solchen Situation brauchen. Es geht um Beratung, Hilfe und Unterstützung. Anschuldigungen und Beleidigungen sind der falsche Weg. Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Frauen wirklich helfen. Dazu gehören Menschen, die kompetent Rat geben, zu Wegen aus der Krise.“

CDU-Politikerin: Zu hart und verletzend

Yvonne Magwas, Vorsitzende der Gruppe der Frauen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, ist erschrocken über die Wortwahl des Papstes. „Ich finde sie zu hart und verletzend gegenüber betroffenen Eltern. Frauen, die sich mit einer Abtreibung auseinandersetzen müssen, sind in einer emotionalen Ausnahmesituation, in einem schweren Gewissenskonflikt. Diese Lebenswirklichkeit in die Betrachtung mit einzubeziehen, hätte ich mir vom Papst gewünscht“, so die aus dem Vogtland stammende Magwas, die selbst Katholikin ist.

Die CDU-Politikerin verweist jedoch auch auf Lebensrecht des Ungeborenen. „Ist ein Kind gezeugt, geht es nicht nur um die Eltern. Jedes Kind hat ein Recht auf Leben, auch schwerstbehinderte Kinder.“ Die Diskussion zeige, wie wichtig das verpflichtende Beratungsgespräch in solch schweren Entscheidungsprozessen sei. „Denn es geht darum, auch Wege und Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen, wie ein Leben mit Kind, auch in schwierigen Situationen möglich ist. Jedes Kind bereichert die Welt!“

SPD-Landeschefin: Ort der Weltfremdheit

Die SPD-Landeschefin von Baden-Württemberg, Leni Breymaier, sagt: „Auftragsmord? Die Härte in der Formulierung und deren sprachliche Nähe zum organisierten Verbrechen erschreckt mich und sicher viele Frauen auf der ganzen Welt. Der Vatikan ist halt – trotz mancher Lichtblicke – immer noch ein Ort der Weltfremdheit.“

Breymaier, die sich im Bundestag für Familienpolitik engagiert, meint, es sei spürbar, „dass mit dem allgemeinen Rechtsruck auch die so lange und so hart erkämpften Kompromisse zum Abtreibungsrecht mehr und mehr unter Beschuss“ gerieten. „Wir müssen wachsam sein und immer wieder daran erinnern, dass es um die Gesundheit und das Leben der Frauen geht. Ein Verbot von Abtreibungen zerstört Leben. Das Selbstbestimmungsrecht bleibt das Ziel.“

Kritik in der internationalen Presse

Auch in der Presse kommt Franziskus nicht gut weg. Die französische Regionalzeitung „Le Journal de la Haute-Marne“ weist darauf hin, dass in Frankreich seit 1974 Abtreibungen legal seien. „Ärgerlicher ist aber der Kontext, in dem sich der Papst zu der Frage geäußert hat. Während die Kirche in der Pädophilie-Affäre festhängt, ist es schwer zu verstehen, dass sie sich zu dieser Art von moralischer Lektion hinreißen lassen kann.“

Die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ bemerkt, die Äußerung des Papstes sei einzigartig in seinem Pontifikat – „auch wenn die Härte bei der Abtreibung sein Lehramt von Beginn an begleitet hat. (...) Wer Franziskus gut kennt, weiß, dass seine Position zur Abtreibung schon zu seinen Zeiten in Buenos Aires klar war.“

Die „Badische Zeitung“ fragt: „Was will das Oberhaupt der katholischen Kirche mit solch himmelschreienden Unsinn erreichen und welchen Menschen in Seelennot steht er damit bei? Ganz sicher nicht denjenigen Frauen, die sich - in aller Regel nicht leichtfertig - gegen das Austragen eines Kindes entscheiden. Wohl auch nicht Menschen, die Frauen in dieser für sie oftmals dramatischen Lebenssituation helfen. Im Gegenteil.“

Von Thoralf Cleven / RND

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