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Politik Pete Buttigieg – ein Kleinstadt-Bürgermeister will ins Weiße Haus
Nachrichten Politik Pete Buttigieg – ein Kleinstadt-Bürgermeister will ins Weiße Haus
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16:14 15.04.2019
Pete Buttigieg in seinem Büro im Rathaus von South Bend, Indiana. Allen, die Schwierigkeiten mit der Aussprache seines Nachnamens haben, gab er einen einfachen Rat: „Nennt mich einfach Bürgermeister Pete!“ Quelle: Foto: Joshua Lott/Getty
Washington

Sie haben draußen im Regen angestanden und drinnen anderthalb Stunden Vorprogramm in der kalten Halle ertragen, in der 1963 die letzten Studebaker-Limousinen vom Band liefen. Doch als der junge Mann mit hochgekrempelten Hemdsärmeln am Sonntagnachmittag endlich ans Rednerpult tritt, ist der Jubel kaum zu bremsen. „Ich bin hier, um eine andere Geschichte zu erzählen als ‚Make America Great Again‘“, ruft Pete Buttigieg den 3000 jungen Zuhörern zu: Es ist ein Mythos, dass wir die Uhr zurückdrehen können. Die Veränderung wird kommen. Wir müssen sie gestalten.“

Das sind höchst ungewohnte Worte im heutigen Amerika. Der Mann, der sie vor den Kameras vieler Fernsehsender ausspricht, war vor drei Monaten nicht einmal den härtesten Politik-Nerds in der US-Hauptstadt Washington ein Begriff. Gerade einmal 37 Jahre alt ist der Bürgermeister der Kleinstadt South Bend im Rostgürtel von Indiana.

Doch innerhalb weniger Monate hat der bekennend schwule Harvard-Absolvent fast 800.000 Follower bei Twitter gesammelt. Das halbe Land kennt seinen fürsorglichen Ehemann Chasten und seine knuffigen Hunde Truman und Buddy. Der Late-Night-Kabarettist Trevor Noah hat für seine „Daily Show“ die Stottereien von Reportern bei der Aussprache des Nachnamens zusammengeschnitten – samt der Empfehlung des Politikers: „Nennt mich einfach Bürgermeister Pete!“

18 Interessenten haben ihren Hut in den Ring geworfen

In den ersten drei Monaten des Jahres haben 159.000 Kleinspender sieben Millionen Dollar auf das Kampagnenkonto des Lokalpolitikers überwiesen. Nun holt Buttigieg tief Luft und spricht den Satz aus, auf den alle Zuhörer gewartet haben: „Ich bin ein stolzer Sohn von South Bend und bewerbe mich als Präsident der USA.“

Tatsächlich hat der Sympathieträger aus dem Mittleren Westen keine schlechten Chancen, im Herbst 2020 gegen Donald Trump anzutreten. Sein sagenhafter Aufstieg ist die jüngste Episode einer beispiellosen politischen Castingshow: der Kür des demokratischen Kandidaten für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen.

Noch ist die Bewerbungsfrist nicht abgelaufen. Doch schon jetzt haben 18 Interessenten ihren Hut in den Ring geworfen: Prominente und Nobodys, Junge und Alte, Frauen und Männer, Weiße und Schwarze, Linke und Gemäßigte. „Die demokratischen Vorwahlen werden die wildesten in einer ganzen Generation“, sagt das Magazin „Time“ voraus.

Insgesamt 18 Kandidaten wollen bei den US-Demokraten in das Rennen um das Präsidentenamt gehen. Wir stellen die sechs aussichtsreichsten Kandidaten vor.

Zwar ist es bis zum Urnengang am 3. November 2020 noch eine ganze Weile hin. Doch das komplizierte Wahlsystem mit Vorwahlen in 50 Bundesstaaten, bei denen die Delegierten für den Parteitag im Sommer bestimmt werden, der dann über den Kandidaten entscheidet, hat das Schaulaufen schon jetzt in Gang gesetzt.

Das Dilemma der Demokraten

Es geht um viel. „Wir stehen an einer entscheidenden Wegscheide“, sagt Bernie Sanders, der Senator von Vermont, der sich schon 2016 für das Weiße Haus bewarb: „Wir treten gegen einen Präsidenten an, der ein pathologischer Lügner, ein Betrüger, ein Rassist, ein Sexist und ein Ausländerfeind ist. Jemand, der die amerikanische Demokratie untergräbt und das Land in eine autoritäre Richtung führt.“ Das erklärt den großen Andrang der Kandidaten. Doch ein Blick auf das bunte Bewerberfeld offenbart zugleich das Dilemma der Demokraten: Der narzisstische Wüterich im Weißen Haus hat viele Konkurrenten mobilisiert – doch bislang ist sich die Opposition weder über den richtigen Kurs noch über ihr Personaltableau einig.

So schält sich drei Monate nach Anmeldung der ersten Bewerbungen noch kein klarer Favorit heraus. Bei zwei aktuellen Umfragen in Iowa und New Hampshire schneidet mit Ex-Vizepräsident Joe Biden ausgerechnet der Mann am besten ab, der offiziell noch gar nicht entschieden hat, ob er antritt. Der 76-Jährige kommt auf 27 beziehungsweise 23 Prozent Unterstützung. Für den 77-jährigen Sanders sprechen sich 16 Prozent aus. Überraschend hat sich der vier Jahrzehnte jüngere Buttigieg mit neun oder elf Prozent auf den dritten Platz geschoben. Mit leichtem Abstand folgen die erfahrene linke Senatorin Elizabeth Warren, ihre jamaikanisch-indischstämmige Kollegin Kamala Harris und Beto O’Rourke, der knapp unterlegene Kandidat bei den texanischen Midterm-Wahlen.

Harvard-Absolvent und Afghanistan-Veteran

So wie im vergangenen Herbst O’Rourke über Nacht zum Shootingstar und Liebling der Medien wurde, sammelt gerade Buttigieg mächtig Punkte. Das liegt nicht nur an seiner geschickten Präsenz in den sozialen Medien, die von Ehemann Chasten, einem Lehrer, mit lustigen Tweets und Einblicken in das Privatleben gefüttert werden. Als Harvard-Absolvent, ehemaliger McKinsey-Unternehmensberater und Navy-Reservist mit einer siebenmonatigen Dienstzeit in Afghanistan kann Buttigieg einen Lebenslauf vorweisen, der durchaus auch ins bürgerliche Lager ausstrahlt.

Ein Bewerber, der Einblicke ins Privatleben gestattet: Pete Buttigieg (rechts) daheim mit Ehemann Chasten. Quelle: Joshua Lott/Getty

Als Bürgermeister von South Bend, das es 2011 auf einen wenig schmeichelhaften Topplatz unter „Amerikas sterbende Städte“ im „Newsweek“-Magazin geschafft hatte, siedelte er neue EDV- und Biotechfirmen an. In der Folge sank die Arbeitslosenquote der Stadt von einst 13 Prozent auf 4,3 Prozent. Ungewöhnlich ist auch, dass Buttigieg, dessen Vater aus Malta stammt, als gläubiger Christ seinen Kampf gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben mit seinem Glauben begründet.

Das ist für viele konservative Evangelikale in Indiana, die hinter dem einstigen Gouverneur und heutigen Vizepräsidenten Mike Pence stehen, eine Provokation, während es linke Christen mobilisiert. Dass Buttigieg bewusst die direkte Konfrontation mit Pence sucht und ihn als „Cheerleader einer Pornostarpräsidentschaft“ bezeichnete, hat seinem nationalen Bekanntheitsgrad nicht geschadet.

Verpönte Schecks

Doch noch ist alles im Fluss. Ohnehin folgt die Präsidentschaftswahl ganz eigenen Regeln. Für die Bewerber kommt es darauf an, beim Parteitag in 15 Monaten eine Mehrheit der 3800 Delegierten hinter sich zu bringen. Zunächst aber müssen sie jeweils schlappe 100 Millionen Dollar auftreiben, um es bis zu den ersten „Primaries“ im Februar in Iowa zu schaffen. Da dicke Schecks der Wirtschaft an der demokratischen Basis inzwischen verpönt sind, sind die meisten Kandidaten auf Kleinspenden angewiesen, was die Sache kaum einfacher macht. Beim Geldsammeln war bislang Bernie Sanders am erfolgreichsten, der im ersten Quartal 18,2 Millionen Dollar einsammelte.

Über allem aber schwebt die Frage, von welcher Seite die Demokraten den Amtsinhaber Trump angreifen sollen. Eine Gruppe jüngerer Kongresspolitiker um die New Yorker Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez dringt auf einen radikal linken Kurs unter dem Banner des demokratischen Sozialismus. Hingegen warnen ältere Parteifreunde wie Jack Markell, der Ex-Gouverneur von Delaware: „Die einzige Chance für Trump zu gewinnen ist, wenn unser Kandidat zu links ist.“ Tatsächlich hat der Präsident schon eine Kampagne gegen die angeblich drohende sozialistische Machtübernahme angestimmt. Die Demokraten-Fraktion im Repräsentantenhaus ist gespalten: Die eine Hälfte rechnet sich dem linken, die andere dem moderaten Flügel zu.

„Brüder und Schwestern, willkommen bei der Revolution!“

Als ein Lackmustest kristallisiert sich gerade die Gesundheitspolitik heraus. Die vom linken Senator Sanders propagierte allgemeine gesetzliche Krankenversicherung wird inzwischen von zahlreichen Demokraten unterstützt. Das steuerfinanzierte Modell ähnelt europäischen Vorbildern, käme aber für die bislang privatwirtschaftlich organisierten USA einem Systemwechsel gleich, der die Einführung einer Bürgerversicherung in Deutschland wie eine Fingerübung aussehen ließe. „Brüder und Schwestern, willkommen bei der Revolution!“, begrüßt Sanders die Zuhörer seiner Veranstaltungen, wo viele Junge ihrem weißhaarigen Idol mit „Bernie, Bernie!“-Rufen zujubeln.

Bei Umfragen unterstützen eindrucksvolle 56 Prozent aller Amerikaner grundsätzlich den Plan einer „Medicare for All“. Sobald sie aber mit den unvermeidlichen massiven Steuererhöhungen und Einschränkungen der privaten Vorsorgemöglichkeit konfrontiert werden, sackt die Zustimmung auf 26 Prozent ab. Von den möglichen Präsidentschaftskandidaten haben sich Warren und Harris klar auf die Seite der Radikalreformer geschlagen. Joe Biden sieht das Vorhaben skeptisch.

Das Schlachtfeld ist markiert

Die Differenzen bei diesem Thema haben nicht nur ideologische, sondern auch taktische Gründe. Ein Blick auf die politische Landkarte hilft beim Verständnis: Das Schlachtfeld der Präsidentschaftswahlen ist klar markiert. Es sind die Bundesstaaten, in denen Trump ganz knapp gesiegt hatte: Michigan, Wisconsin und Pennsylvania im sogenannten Rostgürtel sowie Arizona, Florida und North Carolina im südlicheren Sonnengürtel. Während es im indus­triellen Norden eher um Jobs geht, spielen im Süden Fragen der Rassendiskriminierung und der Einwanderung eine große Rolle.

Die Demokraten müssen also einen Spagat hinbekommen. Ein radikales Programm, das die Basis in den demokratischen Hochburgen begeistert, hilft gar nichts, wenn es die Wechselwähler anderswo verschreckt. Überall aber scheint es die Sehnsucht nach einem frischen Gesicht zu geben. Das könnte den derzeitigen Favoriten Biden und Sanders noch zu schaffen machen. ­Kamala Harris, Beto O’Rourke und ­Pete Buttigieg sind jünger, bunter und weniger ideologisch festgelegt.

Zumindest die Aussprache des Namens ist geklärt

Allerdings hapert es bei den Newcomern bisweilen noch mit den konkreten politischen Inhalten. Auf die Frage nach seiner Vision für Amerika antwortete der einstige Punkrocker O’Rourke kürzlich: „Niemanden zurücklassen, unabhängig davon, was man glaubt oder wen man gewählt hat.“ Und Bürgermeister Buttigieg erklärte: „Es würde uns besser gehen, wenn Washington wie eine Kleinstadt regiert würde.“ Das klang etwas nebulös. Dafür haben hartnäckige Rechercheure inzwischen die Aussprache seines Namens geklärt. Mit amerikanischem Idiom geht sie etwa so: Bood-eh-jedge.

Es kann nicht schaden, sich das zu merken.

Von Karl Doemens/RND

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