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17:19 29.03.2017
Die Briten wagen den nächsten Schritt. Quelle: iStock/RND-Montage
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London

Alles ist auf die Minute genau geplant. Zumindest am Mittwoch, an diesem für die Geschichte Großbritanniens so bedeutungsvollen 29. März 2017, soll sich, so wünscht es London, das politische Geschehen vollständig auf genau vorbedachten Bahnen bewegen.

Um Punkt 13.30 Uhr ist Theresa May ans Rednerpult im Londoner Parlament getreten. Sie hat den Briten erläutert, warum sie in diesem Moment Artikel 50 des Lissabonner EU-Vertrages aktiviert – und damit die Austrittsverhandlungen in Gang setzt. Zeitgleich hat in Brüssel ein britischer Diplomat einen von May persönlich unterschriebenen Brief dem EU-Ratspräsidenten Donald Tusk übergeben. Damit ist, nach neun langen Monaten seit dem Referendum im Juni 2016, die Scheidung eingereicht zwischen London und dem Kontinent.

Für alles aber, was nach dieser ersten Szene kommt, gibt es kein Drehbuch. Im Gegenteil: Woche für Woche schafft derzeit der Brexit-Beschluss der Briten immer neue Unsicherheiten – quer durch Europa, aber auch in London selbst.

Bricht bald ein „globalisiertes Britannien“ (May) im Alleingang auf in eine glänzende neue Zukunft? Oder gibt es, nach langen harten Verhandlungen, am Ende einen „Exit vom Brexit“? Der Ökonom Thomas Straubhaar etwa, langjähriger Direktor des Weltwirtschaftsinstituts in Hamburg, sieht darin eine mögliche gesichtswahrende Lösung.

Zwei Jahre haben die EU und Großbritannien Zeit, sich über die Ausstiegsbedingungen und die zukünftigen Beziehungen in einem neuen Vertragswerk zu verständigen. Es geht um einen neuen Freihandelsvertrag mit dem Kontinent und um die zukünftigen Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien und Briten in der EU.

Martin Knight, Brückenbauer

Martin Knight baut beruflich Brücken. Der 49-jährige britische Architekt hat Briefe an Abgeordnete geschrieben, er hat protestiert und diskutiert gegen den Austritt aus der EU. Vergebens. Durch das Austrittsgesuch sieht er sein Geschäft in Gefahr. Sein Architektenbüro Knight Architects liegt in High Wycombe, eine halbe Zugstunde von London entfernt. Er plant Brücken quer durch Europa. In Opladen und Ulm stehen seine Bauwerke, in Helsinki und Stockholm plant er gerade. Die Ingenieure und Beratungsunternehmen sitzen auf dem Kontinent, die Beziehungen sind über Jahre gewachsen. Was wird der Brexit anrichten? „Zurzeit sind wir vorsichtig mit internationalen Wettbewerben“, sagt Knight. Die Ungewissheit sei einfach zu hoch. Er denke darüber nach, schnell eine Zweigstelle auf dem Festland zu eröffnen. „Wir können nicht warten, bis die Politik eine Entscheidung trifft.“ Es bleibt unsicher, was aus den Architekten in seinem Büro wird. „Es ist äußerst wichtig, Menschen aus ganz Europa hier zu haben“, sagt er und zeigt in das Großraumbüro, wo in der Ecke 3-D-Modelle von Brücken stehen. Vor den Bildschirmen sitzen die kreativen Köpfe. Darunter: zwei Deutsche, drei Spanier, zwei Franzosen. Ein Italiener. Bis vor kurzem gehörte eine Polin zum Team. Sie alle machen sich Sorgen um ihren künftigen Status im Königreich. Dürfen sie bleiben? Niemand weiß es.

Martin Knight, Brückenbauer Quelle: RND

Werden EU-Arbeitnehmer in London künftig ein Visum und eine teure Arbeitserlaubnis brauchen? Müssen sie alle kündigen? Das alles wird Teil der Verhandlungen werden, die nun beginnen. Niemand weiß, was am Ende stehen wird. Es gibt kein Vorbild für diesen Prozess.

Wenn es nach den Verhandlungsstrategen der EU geht, soll Großbritannien erst einmal den Deckel bezahlen. Experten gehen von einem Betrag in Höhe von etwa 60 Milliarden Euro aus, den die EU von Großbritannien verlangen könnte. Dabei geht es um Verpflichtungen, die das Land als Teil der Gemeinschaft mit eingegangen ist, zum Beispiel Pensionsansprüche britischer EU-Beamter. Erst im Anschluss daran soll es darum gehen, wie die zukünftige Zusammenarbeit geregelt werden kann. Paare ließen sich ja auch erst scheiden und zögen auseinander, bevor sie überlegen, ob sie noch Freunde sein wollten, hört man aus der EU-Kommission. Die Briten wollen den Poker am liebsten nicht mitmachen. Sie wissen: Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft.

Stefan Franzke, der Abwerber

Gerade hat Stefan Franzke eine Wirtschaftsdelegation aus London in Berlin begleitet. Zu Gast war der Vizebürgermeister Rajesh Agrawal. Er erzählte, wie er 2001 als indischer Einwanderer in die britische Hauptstadt kam und in kürzester Zeit ein Multi-Millionen-Pfund-Unternehmen am Finanzmarkt aufbaute. In Berlin sind solche Geschichten bislang rar. Franzke, Chef der Berliner Wirtschaftsförderungsgesellschaft BerlinPartner, würde sie gerne öfter hören. Der Brexit soll ihm dabei helfen. Franzke wirbt bei britischen Unternehmen für den Standort Berlin. „Ich will keine andere Stadt schlechtreden“, sagt Franzke, Berlins oberster Wirtschaftsförderer. Für die heißen Firmen der Finanztechnologie braucht es Software-Entwickler und Menschen mit Gründergeist. Die gebe es in Frankfurt nun mal nicht, sagt Franzke. „Alle schauen nach Berlin.“ Fünf größere Unternehmen aus London hätten sich bereits in Berlin angesiedelt, mit 40 sei man in konkreten Gesprächen. Seit September hat die Berliner Wirtschaftsförderung ein Londoner Büro. Und bereits einen Tag nach dem Brexit hat er eine „Brexit Task Force“ mit zehn Mitarbeitern gegründet.

Stefan Franzke, der Abwerber Quelle: fotostudio charlottenburg

Die Briten stehen unter Druck. Sie müssen wirtschaftspolitische Trennungslösungen mit Brüssel aushandeln, „sonst fallen sie handelspolitisch ins Nichts“, wie Ökonom Straubhaar warnt. May weiß, dass schon eine bloße Eintrübung der Stimmung zum Exodus internationaler Firmen aus London führen könnte.

Thomas Schneider, Brexit-Flüchtling

Manchmal fühlen sich drei Jahre im Rückblick an wie eine kleine Ewigkeit. Thomas Schneider erlebt das gerade. Als der Finanzökonom im Frühjahr 2014 zusammen mit zwei Partnern die Immobilien-Finanzierungsplattform Brickvest gründete, war London der Standort der Wahl. Brickvest ist ein sogenanntes Fintech, ein junges Unternehmen im Finanzbereich, das etablierten Geldhäusern Konkurrenz macht. „Nahezu alle wichtigen Fintechs und alle klugen Köpfe waren damals in London“, sagt Schneider.

Damals, das heißt vor Entscheidung für den Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Was sich seither am Standort London abspielt, beschreibt Schneider mit zwei Worten: „ein Drama“. Die Unsicherheit sei allgegenwärtig, viele internationale Mitarbeiter wüssten nicht, wie sich der Brexit auf ihre Aufenthaltstitel auswirken werde. Der Zustrom an neuen Fachleuten sei praktisch zum Erliegen gekommen. „Im Fintech-Bereich bekommt man in London kaum noch Personal“, sagt Schneider. Zu den rechtlichen Problemen kommen die atmosphärischen. „Kreative Leute wollen in einem kreativen Umfeld arbeiten“, sagt Schneider. „Mit protektionistischen Tendenzen verträgt sich das nicht.“

Thomas Schneider, Brexit-Flüchtling Quelle: RND

Schneider hat deshalb bereits vor einem halben Jahr Konsequenzen gezogen, und ist mit einem Teil seiner Firma nach Berlin umgezogen. Am Anfang waren es vier Mitarbeiter, inzwischen arbeiten 14 in der deutschen Hauptstadt. Eine Sache allerdings stört Schneider gewaltig. Die deutsche Bürokratie. Berlin fehle die Aufgeschlossenheit für alles Neue. „Das fängt damit an, dass unsere Mitarbeiter ihre Anträge nur auf Deutsch stellen können“, sagt Schneider. „Der Finanzstandort Deutschland“, sagt Schneider, „verpasst gerade eine große Chance.“

Großbritannien befindet sich in einer schwachen Verhandlungsposition. Zwei Jahre sieht der EU-Vertrag für die Austrittsverhandlungen vor. Ab einreichen der Scheidungspapiere. Allerdings glaubt kaum jemand, dass die Zeit reichen wird. Es geht um 21 000 Gesetze – eine Fristverlängerung scheint wahrscheinlich. Zumal die Gespräche hart werden. Michel Barnier, der ehemalige französische EU-Kommissar, führt die Verhandlungen. Das Abkommen muss am Ende noch mindestens vom EU-Parlament, dem Europäischen Rat und dem Parlament in Westminster abgesegnet werden. Wenn es kein Abkommen gibt, steht Großbritannien von einem Tag auf den anderen in nahezu allen wirtschaftlichen Bereichen ohne bilaterale Verträge mit der EU, aber auch mit allen Nicht-EU-Ländern wie den USA da.

Oder, auch diese Theorie gibt es, die Briten sagen den Brexit doch noch ab, wenn sie den ausgehandelten Vertrag erst einmal in den Händen halten und merken, dass sie dabei schlecht wegkommen. Rechtlich möglich wäre das wohl.

Aber bisher ist ein solches Einlenken Londons nicht zu erkennen. Als einen der Trümpfe in der Hand betrachten die Briten die mehr als drei Millionen EU-Bürger. May hatte zwar wiederholt erklärt, sie werde sich für einen Verbleib der auf der Insel lebenden Menschen aus anderen Mitgliedsstaaten einsetzen. Garantien lehnte sie jedoch bisher ab.

Anna Hájková, Akademikerin

„Ich will und werde bleiben“, sagt Anna Hájková. Die Historikerin aus Prag lehrt im vierten Jahr an der University of Warwick in Mittelengland. Sie ist begeistert von ihrem Institut und ihren Kollegen, von der „fantastischen und radikalen“ Forschung, die hier möglich ist. Hájková kennt die akademische Welt gut, sie hat in Berlin und Amsterdam studiert, in USA und Kanada promoviert, in Israel geforscht. Sie kann also vergleichen, auch den Alltag als Ausländerin. „Man erlebt schon beträchtlich viel Rassismus in England“, sagt sie, „auf alle Fälle mehr als in Deutschland, USA oder Kanada. Brexit machte einiges sagbar und legitim, was schon davor da war.“ Ihr Akzent fällt auf – und ständig wird sie darauf angesprochen: „Wo kommen Sie her? Was machen Sie hier?“ Manchmal hört sie solche Sätze tagtäglich, statt einer Antwort auf die Frage „Entschuldigen Sie, wissen, Sie, wann der Bus kommt?“ Und immer schwingt etwas mit: „Was haben Sie überhaupt für ein Recht, hier zu sein?“ Großbritannien ist nicht mehr offen und international.- London und die Universitäten sind in diesen Belangen so etwas wie Inseln auf der Insel. Außerhalb davon ist Hájková für viele Briten nicht die Forscherin und immer die Fremde.

Anna Hájková, Akademikerin Quelle: RND

Andere „ausländische“ Kollegen, sei es aus Indien, Polen oder Ungarn berichten Ähnliches. Und manche Studenten fragen jetzt nach der Vorlesung: „Wo kommen Sie denn her? Wieso arbeiten sie hier?“ Harmlos ist nichts mehr seit den tödlichen Übergriffen auf Einwanderer aus Mitteleuropa, seit nun auch die zweite und dritte Generation der südasiatischen Einwanderer bespuckt und angegriffen wird. Seit Premierministerin Theresa May auf dem Tory-Parteitag Einwanderer als „citizens of nowhere“ bezeichnete, als Heimatlose. „Für uns „Ausländer“ gibt es keine Stimme in der britischen Debatte“, sagt Hájková. „Der Rassismus ist bei Politikern aller Couleur hoffähig geworden.“ Kürzlich hat sie mit zwei Kollegen einen Aufruf verfasst, den fast alle Dozenten ihres Instituts unterschrieben haben. Er endet mit dem Satz: „Wir müssen dafür kämpfen, dass Großbritanniens offene und multikulturelle Gesellschaft erhalten bleibt. Zugleich weiß sie nicht, wie es weitergeht. Ob sie als EU-Bürgerin ein Arbeitsvisum beantragen muss wie die Kollegen aus USA und Kanada, die dafür Tausende Pfund bezahlen müssen. Ob ihre Uni von europäischen Fördertöpfen ausgeschlossen wird, welcher Austausch von Studierenden in Zukunft noch möglich sein wird. Und dennoch sagt sie: „Ich will und werde bleiben. Meine Familie ist hier, und vergleichbare akademische Jobs gäbe es für mich nicht auf dem Kontinent, höchstens in Nordamerika, wo es aber seit Trump schwierig wäre hinzugehen. Vor allem sehe ich es als Historikerin als meine Pflicht, Studierende zu bilden und gegen Rassismus anzukämpfen, zu schreiben und zu reden.“

Jon Worth, der Auswanderer

Jon Worth ist ein halbes Jahr zu spät nach Berlin gezogen, am 26. Oktober 2013. Das halbe Jahr könnte den Unterschied machen, ob er bald beide Pässe haben darf, den britischen und den deutschen. Nach sechs Jahren in Berlin darf er Deutscher werden. Und so lange Großbritannien zur Europäischen Union gehört, darf er dann auch Brite bleiben. Aber wann tritt der Brexit in Kraft? Schon in zwei Jahren, also im März 2019, wie es der Fahrplan vorsieht? Jon hofft auf Verzögerungen. Und er befürchtet, dass alles sehr dreckig und unüberschaubar wird. „Ich mache mir Sorgen um Großbritannien, dass dieser ganze Prozess noch total schiefgeht“, sagt er.

Jon Worth, der Auswanderer Quelle: RND

Um seine eigene Zukunft ist der 36-Jährige weniger besorgt. Er ist Freiberufler, gerade auf dem Sprung von Maastricht nach Italien. Halb gepackte Taschen stehen in seiner Kreuzberger Mietwohnung mit Blick auf den Marheinekeplatz. „Ich brauche die europäische Freizügigkeit für meine Arbeit, und um die abzusichern, brauche ich den deutschen Pass“, sagt er. Jon organisiert lose Gesprächsrunden unter den 20.000 Briten in Berlin, daher hat er einen ganz guten Überblick. „Es gibt mit Sicherheit schon Mehrere tausend Anträge auf einen deutschen Pass“, sagt er. Am ruhigsten sind noch die Briten, die seit Jahrzehnten in Berlin ansässig sind und oft deutsche Partner haben. „Die warten erst einmal ab.“ Viele andere entscheiden sich für die Sicherheit, weiter zu Europa gehören zu können. Es ist der einfachste Weg, das wissen sie „Aber die Stimmung ist nicht mehr kämpferisch bei uns, sie ist nur noch traurig“, sagt Jon. Er schüttelt den Kopf über die anscheinende Unfähigkeit der May-Regierung, mit der EU in Verhandlungen zu treten. Und gleichzeitig würde er sich freuen, wenn alles ins Stocken kommt. Nur ein halbes Jahr.

Von Andreas Niesmann, Jan Sternberg und Katrin Pribyl/RND

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