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Politik Starb ein Bundeswehr-Soldat durch Diätmittel?
Nachrichten Politik Starb ein Bundeswehr-Soldat durch Diätmittel?
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08:25 28.08.2017
„Wir würden unseren Jungs nie etwas antun“: Rekruten beim Marsch durch den Wald von Munster. Quelle: Foto: köpke
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Berlin/Munster

Ein schattiger Waldweg an einem einsamen Bahngleis – es ist das Letzte, das der junge Offiziersanwärter sieht, bevor er bewusstlos zusammenbricht. Zehn Tage später ist er tot. Ein Rekrut stirbt nach einem Marsch nahe des Truppenübungsplatzes im niedersächsischen Munster; keine drei Wochen, nachdem er seinen Dienst angetreten hat. Mit ihm kollabieren fünf weitere Kameraden. Einer ringt noch immer mit dem Tod. Zwei andere werden noch Wochen brauchen, ehe sie sich erholt haben.

Der Fall Munster ist eines der größten Mysterien in der jüngeren Geschichte der Bundeswehr. Auch fünf Wochen nach dem verhängnisvollen Marsch sind die Ursachen ungeklärt. Waren Drogen im Spiel? War es zu heiß – 27 Grad zeigt das Thermometer am Nachmittag an? Vielleicht eine Mischung aus beidem? Haben Ausbilder ihre Rekruten mit Strafmärschen überfordert? Die Staatsanwaltschaft Lüneburg ermittelt. In dieser Woche will die Bundeswehr den Abschlussbericht vorlegen. Die Generalität lässt zwölf Experten jeden Stein umdrehen – bislang ohne greifbare Ergebnisse. „Der Fall bleibt für mich ein Rätsel“, sagt der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels.

Die Spurensuche führt zurück nach Munster, ein Montag im August. Während Kanonendonner vom Übungsplatz in die Fußgängerzone hallt, joggen Soldaten in Trainingsanzügen vorbei. Der ganze Ort lebt mit und von der Bundeswehr. Die Geschichte ist unangenehm. Alle reden darüber, kaum einer tut es offen.

Zwei Soldaten fallen plötzlich um

Die Abläufe des Unglückstages lassen sich rekonstruieren. 44 Offiziersanwärter steigen am 19. Juli morgens um kurz nach 7 Uhr am Treffpunkt „Kohlenbissen“ aus dem Bundeswehrbus. Ihr erster Marsch steht auf dem Dienstplan. Die 2. Kompanie des Offiziersanwärterbataillons 1 soll sechs Kilometer zurück in die Kaserne laufen, so wie Dutzende Ausbildungszüge zuvor. Die Strecke ist ebenerdig und schattig. Man will die frischen Rekruten nicht überfordern.

Zwei Soldaten fallen plötzlich um. Zwei weitere sind zeitweise benommen. Ihr Puls jagt. Die Körpertemperatur steigt auf mehr als 40 Grad. Zwei Offiziersanwärter werden mit Hubschraubern in Krankenhäuser nach Hamburg geflogen, elf von 44 Rekruten kehren nach dem Marsch nicht gesund zurück in die Kaserne.

Lange dringt nichts davon an die Öffentlichkeit. Dabei durchkämmen Feldjäger der Bundeswehr noch am selben Tag die Spinde der Soldaten. Sie entdecken einen Plastikbeutel mit weißem Pulver und geben zunächst sogar eine „Intoxikation“ zu Protokoll: eine Vergiftung. Das weiße Pulver stellt sich als Kreatin heraus, ein bei Bodybuildern beliebtes Nahrungsergänzungsmittel. Es soll Muskeln besser mit Energie versorgen. Der Stoff gilt als unbedenklich.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet Mitte August dennoch von Aufputschmitteln. Das Verteidigungsministerium dementiert, spricht von einem Energydrink, den einer der Soldaten getrunken haben soll. Die Theorie von Aufputschmitteln ist damit elegant vom Tisch gewischt, erst recht, als fast zeitgleich ein vertraulicher Bericht an den Verteidigungsausschuss des Bundestages durchsickert. 29 der 44 Offiziersanwärter sollen Ausrüstungsgegenstände in der Unterkunft vergessen haben. Laut Bericht schicken die Vorgesetzten die Untergebenen teils im Laufschritt zurück in die Kaserne. Einige müssen Liegestütze absolvieren. Fortan ist von einem „Strafmarsch“ die Rede, dem die Soldaten zum Opfer gefallen sein sollen.

„Wir würden unseren Jungs nie etwas antun“

Doch ist das wirklich die Erklärung für die Zusammenbrüche? Vor dem Rückmarsch dürfen die säumigen Rekruten ihr gesamtes Gepäck ablegen. Es ist morgens um kurz nach acht. Außentemperatur: 17 Grad. 150 Meter vor der Kaserne bricht der erste Soldat zusammen – nach nicht einmal drei Kilometern. Es ist der Rekrut, der später stirbt.

„Wir würden unseren Jungs nie etwas antun“, sagt ein ranghoher Offizier aus Munster.

Als ein Sprecher von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) am 14. August die Geschichte vom Energy Drink vorträgt, wird der aus Nordrhein-Westfalen stammende Offiziersanwärter gerade beigesetzt. Sechs Soldaten tragen ihn zu Grabe. Ein Trompeter der Bundeswehr spielt. Fast der komplette Zug erweist dem jungen Mann die letzte Ehre.

Die Soldaten, die zusammengebrochen sind, hätten alle in einer Stube geschlafen, sagt ein ermittelnder Polizist. Sie hätten illegale Diätpillen mit dem gefährlichen Wirkstoff Dinitrophenol (DNP) geschluckt, meint er. In Munster wisse doch jeder, dass die Stadt ein großer Umschlagplatz für Drogen sei. Und für Diätpillen.

War es eine fatale Wechselwirkung verschiedener Mittel?

Einer der Ausbilder bestätigt später, der gestorbene Soldat sei leicht übergewichtig gewesen. Er habe unter Asthma gelitten, hatte vor Dienstbeginn die Auflage, einige Kilo abzunehmen. Seine Kameraden seien ausnahmslos schlank. Die Frage liegt deshalb nahe: Nahm er Diätmittel, um nicht als Außenseiter zu gelten?

Für Professor Fritz Pragst, Toxikologe an der Berliner Charité, sprechen viele Symptome für eine Vergiftung mit DNP. Herzrasen, Dehydration und Überhitzung seien typisch. Eine Überdosis führe zu multiplem Organversagen. Wenn die körpereigene Abwehr erst einmal außer Kontrolle gerate, sei eine Rettung kaum noch möglich. Man habe alle Substanzen sowie Blut und Urin des gestorbenen Soldaten untersucht, sagt dagegen ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Es gebe „keine Anzeichen“, dass dies eine entscheidende Rolle bei dem Tod des Rekruten gespielt habe.

War es also eine fatale Wechselwirkung verschiedener Mittel? Kreatin und Koffein sind wie Feuer und Wasser. Kreatin fördert Asthma, eine chronische Entzündung der Bronchien, die in Extremfällen eine Blutvergiftung auslösen kann. Diese fatale Mischung könnte zumindest die Erklärung für den Tod des an Asthma erkrankten Rekruten sein – nicht jedoch für das Kollabieren so vieler weiterer Soldaten.

Von der Leyen unter Druck

Für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist der Fall unangenehm. Die Missbrauchsfälle von Pfullendorf, fragwürdige Rituale bei den Spezialkräften, Nazi-Relikte in den Stuben, der Vertrauensverlust bei der Truppe. Die Krisen reihen sich im Wahljahr aneinander. Nun die kollabierten Rekruten aus Munster.

Mit dem Abschlussbericht wird von der Leyen erklären müssen, ob die Bundeswehr eine Mitschuld am Tod des Soldaten trifft. Ob die Truppe ein Drogenproblem hat, ob der Druck zu hoch ist oder die Gesundheitschecks zu lasch. Eine wirklich angenehme Erklärung ist nicht dabei.

Von Jörg Köpke

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