Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Politik Die Schuldsuche im Diesel-Desaster nimmt bizarre Züge an
Nachrichten Politik Die Schuldsuche im Diesel-Desaster nimmt bizarre Züge an
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:53 14.02.2019
09.02.2019, Baden-Württemberg, Stuttgart: Zahlreiche Menschen nehmen am Neckartor bei einem Gelbwesten-Protest gegen Diesel-Fahrverbote teil. Quelle: Christoph Schmidt/dpa
Berlin

In Stuttgart soll es am 1. April so weit sein: In der Stadt sollen dann keine alten Diesel mehr fahren dürfen – zum Ärger vieler Einwohner. Einer von ihnen saß am Mittwochabend in der ARD-Talkrunde bei Sandra Maischberger. Marin Ivankovic, dreifacher Familienvater, lässt seinem Frust freien Lauf: „Wir brauchen ein großes Auto!“ Ein Verkauf seines Diesel-Mercedes würde ihn und seine Familie schwer belasten, sagt er. Und: „Wir dürfen die Suppe auslöffeln, die uns Politik und Autokonzerne eingebrockt haben!“

Verständnis für Dieselfahrer

Eine Mitschuld gibt er auch der Deutschen Umwelthilfe. Schließlich führt die Organisation Klagen in zahlreichen Städten an, die die von der EU festgelegten Grenzwerte an Stickoxidausstoß nicht einhalten. Barbara Metz, Vertreterin der Umwelthilfe, versuchte in der Sendung zu beschwichtigen – und die Verantwortung weiter zu geben: „Das kann nicht sein, dass das auf Ihrem Rücken ausgetragen wird“, sagt sie.

Doch man müsse auch berücksichtigen, dass der Ausstoß von Schadstoffen die Schwächsten in der Gesellschaft belaste: Alte Menschen, Kinder und Kranke. Metz verweist darauf, dass die Automobilkonzerne in der Lage sein müssten, Hardwarenachrüstungen auf eigene Kosten durchzuführen.

Porschefahrer Poschardt verteidigt Automobilindustrie

Diese Position ruft den passionierten Autofahrer und Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt auf den Plan. Die Automobilindustrie setze laut Porschefahrer Poschardt alles daran, die Luftqualität zu verbessern. Indirekt wirbt er dann auch noch für den Kauf fabrikneuer Modelle: „Jedes neu zugelassene Fahrzeug macht die Luft sauberer.“ Der Umwelthilfe ginge es in der Debatte lediglich darum, „individuelle Mobilität kaputt zu machen.“

Lesen Sie auch den Faktencheck: Dicke Luft in deutschen Städten – ist der Diesel wirklich Schuld?

Der Journalist Fritz Alt hält die Arbeit der Umwelthilfe für wichtig. Schließlich zeige die Klage in Wiesbaden, im Verlauf dessen sich die Organisation mit der Stadt einigte, dass das Vorgehen der Umwelthilfe effektiv sei. Stattdessen gibt er der Politik die Schuld: „Wir brauchen eine Verkehrspolitik und einen Verkehrsminister. Derzeit haben wir nur eine Autopolitik und einen Autominister.“ Im Laufe der Sendung plädiert er immer wieder für eine radikale Verkehrswende zugunsten des Öffentlichen Nahverkehrs.

Ist das Dieselverbot sinnvoll?

Für eine wissenschaftliche Einordnung sorgt die ARD-Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim. Dass Stickoxidaustoß für den Menschen schädlich ist, sei unbestritten. Doch sie gibt zu Bedenken: „Selbst wenn wir alle Dieselfahrzeuge loswerden würden, würden wir nicht unter 40 Mikrogramm kommen.“ Das ist der Grenzwert, den die EU vorschreibt, bei dem Sie Deutschland aber einen Spielraum bei der Entscheidung über Fahrverbote einräumen will.

Die Grafik zeigt alle Messstationen in Deutschland, für die bereits Daten ausgewertet sind (rosa/rot = über Grenzwert, grün = unter Grenzwert):

Und wer trägt die Verantwortung, wenn die Diesel in Stuttgart demnächst nicht mehr auf die Straße dürfen? FDP-Politiker Wolfgang Kubicki betont: „Der Bund hat Dieselfahrzeuge noch bis 2015 gefördert.“ Der Stuttgarter Marin Ivankovic gibt zu Bedenken: „Wenn jetzt alle auf Benziner umsteigen und der CO2-Ausstoß dadurch steigt, wissen wir nicht, was dann kommt.“ Dass Politik und Autohersteller in großem Stil haften könnte, schließt die Runde mehr oder weniger aus.

Lesen Sie auch: Dicke Luft in Deutschland: Diese Städte haben 2018 den Stickoxid-Grenzwert gerissen

Ulf Poschardt rührte stattdessen fleißig weiter die Werbetrommel. Erst vor kurzem habe er sich die Modellpalette von VW zeigen lassen: „Die Produkte sehen gut aus:“ Deutsche Autos würden „von internationalen Automobiljournalisten gefeiert“ werden. Die Mobilitätswende müsse angesichts der Bedeutung der Autoindustrie behutsam umgesetzt werden.

Diese Tabelle zeigt alle Werte der Städte, die 2017 auf dem Grenzwert von 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft lagen oder darüber:

Was von der langen Suche nach einem Schuldigen im Diesel-Desaster hängen bleibt, ist eine Aussage von Nguyen-Kim: „Um die Klimaziele zu erreichen, bräuchten wir noch drastischere Maßnahmen als Dieselfahrverbote“, sagt die Wissenschaftsjournalistin. Bloß ein Verbot von Dieseln hätte laut wissenschaftlichen Erkenntnissen kaum Auswirkungen auf die Luftqualität.

Mehr zum Thema

Stickstoffdioxide oder Stickoxide heißen die zahlreichen gasförmigen Oxide des Stickstoffs. Eine der Hauptquellen in der Atmosphäre sind durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle oder Öl entstehende Abgase. Aber auch Blitze tragen erheblich zur Erzeugung von Stickoxiden in der Atmosphäre bei, haben Wissenschaftler nachgewiesen. Studien belegen Gesundheitsgefahren. Nach einer Studie des Münchener Helmholtz Zentrums wurden für Jahr 2014 rund 6000 vorzeitige Todesfälle aufgrund von Herzkreislauferkrankungen ermittelt, die auf eine Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid (NO2) zurückgeführt werden können.

Für NO2 gilt aktuell ein Jahresmittelgrenzwert für die Außenluft von 40 µg/m3. Dieser ist im Jahr 1999 auf Vorschlag der Europäischen Kommission aus dem Jahr 1997 von den EU-Mitgliedstaaten beschlossen worden. 2008 wurde er noch einmal bestätigt. Zugleich setzte man einen 1-Stunden-Mittelwert von 200 µg/m3 in Kraft, der höchstens 18-mal pro Jahr überschritten werden darf. Die EU-Kommission stützte sich bei ihren Grenzwert-Vorschlägen auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Von Janik Marx/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Im deutschen Bundestag wollen weibliche Abgeordnete die Fraktionsgrenzen durchbrechen und gemeinsam für einen paritätischen Anteil von Frauen im Parlament kämpfen. Die Initiative könnte ein Problem beheben, an dem sich vor allem die Herren der Schöpfung schon lange die Zähne ausbeißen.

14.02.2019

Torpedos, TNT, Nervengift: Noch immer liegen fast zwei Millionen Tonnen hochgefährlicher Kampfstoffe aus dem Zweiten Weltkrieg direkt vor deutschen Küsten. Schleswig-Holsteins Innenminister sieht in der Beseitigung der Munition eine „Aufgabe von nationaler Bedeutung“.

14.02.2019

Die Kompetenzen des Bonner Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik werden demnächst erweitert. Dabei geht es unter anderem um Fakenews und Social Bots – und die Angst vor Manipulationen.

14.02.2019