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06:33 11.11.2016
Nach dem Anschlag auf das deutscher Generalkonsulat in Masar-i-Scharif (Afghanistan) beginnt das Aufräumen. Quelle: afp
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Masar-i-Scharif

Angreifer haben einen Anschlag auf das deutsche Generalkonsulat in der nordafghanischen Stadt Masar-i-Sharif verübt. Die radikalislamischen Taliban zündeten eine Autobombe vor dem Gebäude gezündet, sagte Provinzsprecher Munir Farhad am Donnerstag. das Auswärtige Amt erklärte den Angriff am frühen Freitagmorgen für beendet.

Das Gebäude des Konsulats sei „erheblich beschädigt“ worden, erklärte ein Ministeriumssprecher. „Die schwer bewaffneten Angreifer sind vom Sicherheitspersonal des Generalkonsulats, von afghanischen Sicherheitskräften und Sondereinsatzkräften von “Resolute Support’ aus Camp Marmal zurückgeschlagen worden“, teilte er mit. Es sei „noch nicht abschließend geklärt, wieviel afghanische Zivilisten und Sicherheitspersonal bei dem Angriff ums Leben gekommen oder verletzt worden“ seien. „Unser Mitgefühl ist mit den afghanischen Verletzten und Angehörigen der Opfer“, erklärte der Außenamtssprecher.

Deutsche Mitarbeiter unversehrt

Die Zahl der Toten ist bis Freitagmorgen auf mindestens sechs angestiegen. Der Chef des Zivilkrankenhauses der Stadt, Nur Mohammed Fais, sagte, bisher seien fünf Leichen in das Krankenhaus eingeliefert worden. Zunächst war von zwei Toten die Rede gewesen. Die Zahl der Verletzten stieg inzwischen auf 110. Alle deutschen Mitarbeiter sind unversehrt geblieben.

Das Einsatzführungskommando der Bundeswehr bestätigte eine Explosion am Donnerstagabend gegen 23.05 Uhr Ortszeit in der Nähe des Konsulats. Die Vertretung befindet sich im Zentrum der Stadt, unweit der berühmten Blauen Moschee. Sie ist streng gesichert. Aus dem Lager Camp Marmal – etwa zehn Kilometer entfernt – seien sofort Kräfte der Schnellen Eingreiftruppe zum Konsulat entsandt worden, teilte das Einsatzführungskommando mit. In dem Lager sind derzeit noch etwa 1000 deutsche Soldaten stationiert.

Soldaten durchsuchen das Konsulat

Nach Auskunft der afghanischen Polizei wurde das Konsulat wohl nur von einem Taliban angegriffen und nicht von mehreren. Die Lage sei unter Kontrolle, sagte der Polizeichef der Provinz, Saied Kamal Sadat. Deutsche Truppen hatten das Konsulat Zimmer für Zimmer durchkämmten, seien aber nicht auf weiteren Widerstand gestoßen.

Die Nationalität der Getöteten war zunächst unklar. Es soll sich um Afghanen handeln. Deutsche dürfen das Konsulat nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen verlassen. Zunächst gab es auch keine Hinweise auf deutsche Todesopfer. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) berief den Krisenstab seines Hauses ein. Dies verlautete am Donnerstagabend aus dem Auswärtigen Amt.

Taliban sprechen von „Lastwagenbombe“

Die Taliban veröffentlichten im Internet eine Stellungnahme und bekannten sich zu der Tat. Sie hätten „Dutzende Ausländer getötet und verwundet“. Der Angriff sei die Rache für ein Bombardement in Kundus gewesen, bei dem viele Zivilisten getötet worden waren. Der Sprecher der Taliban, Sabiullah Mudschahid bestätigte diese Informationen am Freitagmorgen. Bei dem Luftangriff in der Nacht des 3. Novembers waren mehr als 30 Zivilisten ums Leben gekommen. Die Deutschen hätten den US-Streitkräften die notwendigen nachrichtendienstlichen Informationen zukommen lassen. Deshalb sei in der Nacht das Generalkonsulat angegriffen worden.

Nach Angaben der Taliban wurden mehrere Gebäude zerstört. Der oder die Angreifer hätten begonnen, Menschen zu erschießen, nachdem sie sich mit einer „riesigen Explosion durch eine Lastwagenbombe“ Einlass verschafft hätten. Allerdings gelten die Berichte der Taliban grundsätzlich als übertrieben.

Fahrzeug in Außenwand gerammt

Ein Provinzsprecher sagte, dass die Taliban ein großes Fahrzeug in eine Wand des Konsulatsgeländes gerammt hätten. Es habe sich um einen Kohlelaster gehandelt. Die Sprengstoffe seien unter Kohlebrocken verborgen gewesen.

Die Explosion sei so schwer gewesen, dass viele Fenster in Gebäuden im Umkreis zerbrochen seien. Dutzende Verletzte seien in das örtliche Krankenhaus eingeliefert worden, sagte Chefarzt Noor Mohammad. In der unmittelbaren Gegend sei nach der Explosion der Strom ausgefallen. Der Rest der Stadt habe aber Strom.

Augenzeuge berichtet von Schüssen

Mirza Mohammad, ein Anwohner in der Nachbarschaft, sagte, einige Minuten nach der Explosion seien Schüsse gefallen. Er habe die Rufe „Allah-u Akbar“ (Gott ist groß) gehört. Dann sei es still geworden. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts bestätigte am Abend, dass es auch zu „Kampfhandlungen“ gekommen sei.

Vor einer Woche waren in der Provinz Kundus bei einem mutmaßlichen Nato-Luftangriff auf radikalislamische Taliban mehr als 30 Zivilisten getötet worden. 19 weitere wurden verletzt. Der Angriff löste international Kritik aus. Der Tod von Zivilisten sei nicht hinnehmbar und untergrabe die Bemühungen zum Aufbau von Frieden und Stabilität in dem Land, sagte der UN-Beauftragte für Afghanistan, Tadamichi Yamamoto.

Zweifel an Polizei und Armee

Die Nato hatte ihren Kampfeinsatz in Afghanistan Ende 2014 offiziell beendet und den afghanischen Sicherheitskräften die Verantwortung für die Sicherheit übergeben. Die verbleibenden Nato-Truppen konzentrierten sich seitdem auf Ausbildung, Beratung und Unterstützung von Anti-Terror-Einsätzen.

Mehrere Rückschläge im Kampf gegen die Taliban ließen aber Zweifel an der Schlagkraft der afghanischen Polizei und Armee aufkommen.

Die nordafghanische Stadt Masar-i-Scharif

Die nordafghanische Stadt Masar-i-Scharif ist von großer strategischer Bedeutung. Bis 1998 war die Hauptstadt der Provinz Balch eine Hochburg der sogenannten Nordallianz, die gegen die radikal-islamischen Taliban kämpfte. Nachdem die Stadt von den Taliban eingenommen wurde, sollen hunderte Einwohner bei Massakern ums Leben gekommen sein.

2001 eroberte die Nordallianz Masar-i-Scharif zurück. 2006 errichtete die Bundeswehr dort ihr damals größtes Feldlager außerhalb Deutschlands. Nach dem Ende des Kampfeinsatzes der Bundeswehr in Afghanistan vor knapp zwei Jahren wurde die Truppenstärke deutlich reduziert. Nach Angaben der Bundeswehr sind in Masar-i-Scharif aktuell etwa 1000 deutsche Soldaten im Einsatz.

Das deutsche Generalkonsulat befindet sich ganz in der Nähe des Wahrzeichens der Stadt, der Blauen Grabmoschee des Kalifen Ali, des Schwiegersohns des Propheten Mohammed. Die Vertretung wurde erst im Juni 2013 vom damaligen Außenminister Guido Westerwelle eröffnet. Das Konsulat wird aus Furcht vor Anschlägen streng gesichert.

Masar-i-Scharif gehört mit mehreren Hunderttausend Einwohnern zu den wichtigsten schiitischen Wallfahrtsorten Afghanistans. Dort kreuzen sich wichtige Versorgungsrouten nach Usbekistan und Turkmenistan. Mit der Hauptstadt Kabul verbindet die an den nördlichen Ausläufern des Hindukusch gelegene „Stadt des Heiligen“ eine Passstraße.

Von afp/dpa/RND/wer

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