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21:03 10.06.2018
Ein Foto macht Politik: Die Bundesregierung verbreitete dieses Foto von den Beratungen, das die Kanzlerin in dominanter Pose zeigt – und US-Präsident Trump als jungenhaften Zuhörer. Quelle: Jesco Denzel/Bundesregierung /dpa
La Malbaie

Als die Bundeskanzlerin am Sonntag um kurz nach 6 Uhr morgens im Airbus A 340 der Luftwaffe auf dem Flughafen Tegel landet, ist eines sicher: dass sich die Welt während ihres Nachtflugs zwischen Kanada und Deutschland grundlegend verändert hat – mal wieder, und nicht zum Besseren.

Die Papiere, die sie und ihre Mitarbeiter in Québec frisch ausgedruckt mit an Bord genommen haben: nichts mehr wert. Der Ausdruck des gemeinsamen Kommuniqués kann wieder in den Taschen verschwinden, er ist nur noch ein wertloses Zeugnis durchgearbeiteter Nächte. Die Mühe der vergangenen Tage, das Feilschen und Verhandeln: vergeblich.

Denn als Angela Merkel am Morgen landet, hat der US-Präsident bereits erklärt, die gemeinsame Abschlusserklärung des G-7-Gipfels nicht mehr mittragen zu wollen.

„Ein besonderer Ort der Hölle“

Das sei seine Entscheidung nach „falschen Behauptungen“ des kanadischen Premierministers Justin Trudeau und wegen der Zölle, die Kanada auf US-amerikanische Milchprodukte erhebe, twitterte Donald Trump. Er und seine Repu­blikaner würden nun die Beschlüsse von La Malbaie nicht mehr als bindend betrachten. Als Trump das schrieb, war er längt auf dem Weg nach Südostasien zu einer für ihn viel wichtigeren Mission, dem Nordkorea-Gipfel in Singapur.

Wenn es noch eines Beweises für die Krise der G 7, des Westens und der Weltordnung insgesamt bedurfte – am Sonntagmorgen war er erbracht. Und als hätte das alles noch nicht gereicht, legt Trumps Handelsberater Peter Navarro später im TV-Sender Fox noch nach: „Es gibt einen besonderen Ort in der Hölle für alle ausländischen Führer, die gegenüber Donald Trump arglistige Diplomatie betreiben und versuchen, ihm in den Rücken zu stechen, wenn er zur Tür geht“, sagt Navarro da über Trudeau. Das ist schon fast so etwas wie ein Fluch.

An Streitpunkten fehlte es schon vor dem Gipfel nicht

Nun gibt es kein Schönreden, kein Übertünchen, kein Buntmalen mehr. Der G-7-Gipfel in La Malbaie wird als weitere Etappe der gegenseitigen Entfremdung des Westens in die Geschichte eingehen. Er hat wieder einmal deutlich gemacht, wie schwer es die US-Amerikaner den alten Freunden aus Europa machen, weiter an ihrer Seite zu stehen. Dabei geben die sich immer wieder Mühe.

Handel, Klima, Iran – an Streitpunkten fehlte es schon vor dem Beginn in La Malbaie nicht. Man wollte trotzdem nach Gemeinsamkeiten suchen, auch wenn es nur der kleinste gemeinsame Nenner werden würde. In dem Ziel einer gemeinsamen Terrorbekämpfung sei man sich einig, hieß es etwa immer wieder in deutschen Regierungskreisen, auch den Einfluss des Iran in Syrien wollten alle Partner zurückdrängen. Nun fehlt selbst zu diesem kleinsten gemeinsamen Nenner ein gültiges Dokument der sieben großen Industrienationen des Westens.

Wie kommen wir aus dieser Krise eigentlich raus?

Der G-7-Gipfel wurde so unfreiwillig zum Gipfel der großen Fragen: Wie weiter in diesem Bündnis? Wenn man sich ohnehin nicht einig ist, kann dann nicht auch gleich Russland dabei sein, auch China? Was ist die Welthandelsorganisation noch wert, was Bündnisse im Allgemeinen? Und wie kommen wir aus dieser riesigen Weltkrise eigentlich wieder heraus?

Angela Merkel wirkt an diesem Wochenende in Kanada gelegentlich wie ein Geist, sie rauscht von Raum zu Raum. Diese Räume heißen „Richelieu total“ oder „Malbaie A“, vor ihr die Sicherheitsbeamten, die den Weg frei machen wie Schneeräumer. Hinter ihr die Delegation, ihr Sprecher Steffen Seibert, ihr Wirtschaftsberater Lars-Hendrik Röller, Sicherheitsberater Jan Hecker. Schritte stampfen, dann zieht die Gruppe vorbei. Eben kommt sie vom Gespräch mit dem italienischen Premier Giuseppe Conte, es folgen weitere „Bilaterals“, wie es in der Diplomatensprache heißt, und natürlich die Verhandlungen über das Abschlussdokument. Auf einem der vielen Großbildschirme rund um das Hotel Fairmont Le Mainoir beginnt es zu blinken: „18.10 Uhr: Merkel/Macron“. Nun also doch ein separates Gespräch mit dem französischen Präsidenten, es geht ja um viel.

„Eine Reihe von Divergenzen“

Am Freitagnachmittag nähert sich die Gruppe um die Bundeskanzlerin mal wieder, die Sicherheitsleute machen den Eingang zum Pressebereich frei, die Bundeskanzlerin steuert auf die Kameras zu, dann ein Moment der Verwunderung. „Warum steht denn hier ein Pult?“, fragt Merkel. Eigentlich spricht sie direkt in die Mikrofone.

Die Frage hallt noch durch den Raum, da beginnt Merkel ihr einstudiertes Statement. „Die Diskussionen waren bisher sehr lebhaft, im guten Sinne des Wortes“, sagt sie, „und auch sehr gut.“ Es ist ein wichtiger Zusatz, denn „lebhaft“ steht in der Diplomatensprache auch für erbitterten Streit. „Aber wir haben hier auch eine Reihe von Divergenzen und Meinungsunterschieden“, gibt Merkel zu. Das müsse nun verhandelt werden.

Freitagnachmittag, Merkels Sprache lässt vieles offen. Und tatsächlich liegen die entscheidenden Verhandlungsstunden noch vor ihr.

Harte Verhandlungen vor idyllischer Kulisse

Alles ist zäh an diesem Wochenende in La Malbaie in Québec, östliches Kanada. Kann Merkel eigentlich sehen, wie schön es draußen ist? Wie der St.-Lorenz-Strom durch die Landschaft fließt, die angenehme Wärme, 20 Grad, die Sonne und der blaue Himmel Kanadas? Wenn Merkel einmal draußen ist, dann ist alles Schöne immer nur hinter ihr, der Hintergrund für ein gemeinsames Bild.

Drinnen sieht alles anders aus. Die Verhandlungen über den Handel: kompliziert. Die Verhandlungen über das Iran-Abkommen: verloren. Die Verhandlungen um Klimapolitik: werden nicht einmal mehr begonnen. Am Sonnabendmorgen treffen sich die Staatschefs zum Showdown. Es sind die finalen Verhandlungen über ein Abschlussdokument, man wolle wenigstens nicht hinter die Einigung der vergangenen Gipfel zurückfallen, heißt es in der deutschen Delegation. Es gelingt, zunächst.

Eine PR-Schlacht um die Bilder

Bei den Verhandlungen entsteht ein ikonisches Bild, das Merkel aufgestützt und zum sitzenden Trump hinabblickend zeigt, als würde sie dem ungezogenen Jungen erklären, wie die Dinge zu laufen haben.

Ein Gipfel ist immer auch einer der Bilder. Aber es ist bezeichnend, dass gerade in diesem Jahr eine kleine PR-Schlacht um die Bilder herrscht. Selbst bei den Europäern. Wo ist eigentlich das Gemeinsame?

Dieses Foto von den Beratungen verbreitete die französische Regierung: Es zeigt Präsident Macron als großen Erklärer, dem die anderen zuhören. Quelle: Twitter

73 Sekunden Zweisamkeit

Zwischen Trump und Merkel begrenzt sich die Gemeinsamkeit an diesem Wochenende auf 73 Sekunden. Nach dem sogenannten „Familienfoto“ am Freitagnachmittag auf der Terrasse des Tagungshotels gingen die Gipfelteilnehmer zu weiteren Beratungen ins Hotel zurück. Dann blieben zwei von ihnen stehen. Kameras fingen Angela Merkel und Donald Trump im angeregten Gespräch ein. Die Kanzlerin unterstrich mit deutlichen Gesten ihre Aussagen, als wolle sie ihnen mehr Gewicht geben. Trump schien genau zuzuhören.

Dann setzten sie den kurzen Fußweg zum Hotel fort und schlossen sich den anderen an. Eine Minute und 13 Sekunden, sollte später die Analyse der Fernsehaufzeichnungen ergeben, hatten sie abseits der anderen parliert. Es waren 73 Sekunden für Autozölle, Handelspolitik, vielleicht die Frage, ob man sich nicht noch einmal getrennt unterhalten solle. Aber das Gespräch blieb Merkel verwehrt.

Ein Ausweg? Erst mal nicht in Sicht

Trump traf Macron, nicht sie. Nach außen betont Merkel stets, dass ihr diese neue Stärke Macrons nichts ausmache. Aber es war ein schwieriger Gipfel für die Bundeskanzlerin, die eigentlich zu jeder Herausforderung eine Lösung sucht und doch an diesem Wochenende zeitweilig angespannt wirkte. Vielleicht gibt es erst einmal keinen Ausweg. Vielleicht muss man einfach gucken, wie es weitergeht. Auf Sicht fahren.

Als Merkel am Sonntag gelandet ist, braust sie vom Flughafen Tegel Richtung Stadt durch ein Neubaugebiet in der ehemaligen französischen Zone. Plötzlich ist sie wieder in Berlin, noch am Sonntagabend würde sie bei der Talkshow „Anne Will“ Gast sein. Derartige Auftritte macht sie eigentlich nur, wenn es viel zu erklären gibt, wenn die Lage ernst ist. 13 Jahre ist sie jetzt im Amt. 13 Jahre der Weltkrisen hat Merkel erlebt, auch in Deutschland ein Auf- und Ab. Und immer wieder der Versuch, mit nüchternen Lösungen Weltpolitik zu machen – bei diesem G-7-Gipfel ohne Erfolg.

Von Gerd Braune und Gordon Repinski

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