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Politik Mit dem Atomdeal platzt auch die Hoffnung junger Iraner
Nachrichten Politik Mit dem Atomdeal platzt auch die Hoffnung junger Iraner
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13:59 09.05.2018
Junge Leute wie Parisa, Shima und Bahar stehen für ein neues, modernes Bild vom Iran. Jetzt fürchten sie um die Zukunft. Quelle: Mark Daniel
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Shiraz

Auf den ersten Blick wirkt das Vorhaben illusorisch. „Bis morgen sollen die ersten Räume für Gäste fertig sein“, verkündet Mahmoud Naghibi. Die Fliesenlandschaft im Innenhof des Gebäudes ist vor Schutt und Staub nur zu erahnen, in den Zimmern spielt das Baumaterial Mikado. Dennoch halten er und seine Frau Mehrane Lazemkhani an dem Plan fest: Möglichst schnell soll es losgehen im „Friendly Hostel“ im Herzen von Shiraz im Süden Irans.

Das Entstehen einer Herberge hat Symbolkraft: Vor allem die Jungen im Land streben spürbar nach Öffnung, nach Erneuerung. Seit Dienstagabend, seit der Eilmeldung zu Donald Trumps Aufkündigung des Atomabkommens, hat der Optimismus einen heftigen Dämpfer bekommen.

Mahmoud Naghibi und Mehrane Lazemkhani hoffen auf Gäste für ihr „Friendly Hostel“. Quelle: Mark Daniel

Es ist gegen 22.30 Uhr Ortszeit in Kashan, einer Stadt im Zentrum des Iran, als die Nachricht eintrifft. Mehrere Einheimische sitzen zusammen und diskutieren, die Stimmung ist gedrückt. Angst und Sorgen gehen um. „Jetzt hat Israel beste Voraussetzungen für einen Krieg gegen uns“, befürchtet einer.

Hoffnung bis zuletzt

Bis zuletzt haben die Menschen in der islamischen Republik am Persischen Golf auf eine Verlängerung des Abkommens gehofft - die Verbesserung von Handel und Diplomatie bedeutete für sie Anschluss an die Welt.

Seit 2015 die USA und Europa mit dem Iran das schrittweise Reduzieren der Wirtschaftssanktionen und im Gegenzug das massive Zurückfahren des Atomprogramms vereinbart haben, erlebte das Land einen deutlichen Zuwachs an Gästen. Iran, das neue Muss unter Backpackern und Freunden exotischer Rundreisen. Zwei Jahre lang blühte der Tourismus auf - bis sich Trump für sein Bedrohungs-Monopoly auf Präsident Rohani als neuen Gegner konzentrierte.

Mehr zum Thema

Die aktuellen Entwicklungen nach dem Rückzug der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran lesen sie im NEWSBLOG:

Tourismus bricht ein

Trotz Einschätzung unabhängiger Beobachter, der Iran halte sich an das Abkommen, schürt der US-Präsident seit Monaten Misstrauen und Verdächtigungen, unterstützt vom israelischen Kollegen Benjamin Netanjahu und dessen umstrittenen Belegen einer Aufrüstung des Erzfeindes. Als Folge brachen zuletzt die Buchungen ein. „Wir haben dieses Frühjahr 70 Prozent weniger Gäste als 2017“, beklagt der Chef eines Hostels in Isfahan.

„Nach Shiraz kommen einige Touristen, doch auch hier sind es weniger geworden“, berichtet Reza Ameli. Der 25-Jährige liebt es, als Fahrer und Reiseführer sein Land zu präsentieren, am liebsten die imposanten Reste der 2500 Jahre alten Stadt Persepolis. Durch witzige Kurzvideos mit Touristen ist er inzwischen sogar zu einer Berühmtheit auf Instagram geworden (#Rezaameli93).

Es sind Leute wie Reza, Mehrane und Mahmoud, die dazu beitragen, das Image Irans zu korrigieren. Der wenig informierte Europäer verbindet das Land noch immer mit Hasspredigten des Ajatollah Khomeini und religiös verblendeter Kriegstreiberei.

Hassan Rohani ist beim Volk wegen ausbleibender Reformen zwar unbeliebt, gibt sich aber gemäßigt und gegenüber der westlichen Welt bereit zu Verhandlungen. Auch das ist ein Grund für das wachsende Interesse der Reiseindustrie am Iran.

Unfassbare Pracht

Lotfollah-Moschee in Isfahan. Quelle: Mark Daniel

Wer durch die Republik - viermal so groß wie Deutschland bei gleicher Einwohnerzahl - reist, wird nicht anders können als überwältigt zu sein. Von der schier unfassbaren Pracht der Lotfollah-Moschee in der Märchenstadt Isfahan zum Beispiel. Vom Golestan-Palast in Teheran, dessen Inneres aus Milliarden kleiner Spiegel die visuelle Wahrnehmung zersplittert. Shiraz ist gerühmt als Stadt der Blumen und der Poesie, in der man den Dichter Hafez wie einen Heiligen verehrt. Und wer auf einer Dachterrasse in der uralten Wüstenstadt Yazd die Sonne über den Häusern aus Lehm zerfließen sieht, dem wird das Herz weich wie die beliebte Süßigkeit Bâghlavâ.

Die Basare mit ihren kunstvollen Teppichen und großen Leinensäcken voller betörend duftender Gewürze komplettieren das Gefühl von 1001 Nacht.

Herzlich und kontaktfreudig

Und dann sind da noch die Menschen - umwerfend herzlich und kontaktfreudig, ohne sich dabei aufzudrängen. Die in Isfahan lebenden Parisa (19), Shima (24) und Bahar (24) laden spontan zu einer Besichtigung des Imam-Platzes ein. Ein Atemräuber, ein Wunder aus Moscheen, Basaren, Cafés und Palästen. Die drei jungen Frauen erzählen von ihrem gemeinsamen Traum: Sie möchten Flugbegleiterinnen werden. Die Ausbildung soll demnächst beginnen. „Wir wollen raus aus der Enge, fremde Menschen und die Welt kennenlernen“, sagt Shima.

Immer wieder spürbar: Gerade den jungen Iranern ist es wichtig, sich von den Konservativen, die sie regieren, abzugrenzen, sich nicht mehr gängeln zu lassen.

Kleine Widerstände

Hostel-Betreiberin Mehrane nimmt zu Hause stets ihr Kopftuch ab. Im Fernsehen laufen auch unerlaubte Kanäle. „Offiziell sind Satellitenschüsseln untersagt, trotzdem hat jeder eine auf dem Dach.“ Bekommt die Polizei das mit, montiert sie sie ab - kurz darauf besorgen sich die Anwohner neue. Es sind kleine Widerstände, die zusammen ein Großes ergeben können, auch wenn die Demonstrationen Ende 2017 niedergeschlagen wurden.

Spektakulär die Aktion von fünf weiblichen Fußballfans Ende April: Um das für Frauen seit der Islamischen Revolution geltende Stadionverbot zu umgehen und beim Spiel ihres Lieblingsvereins Persepolis gegen Sepidrood Rasht dabei zu sein, schmuggelten sie sich als Männer mit Perücken und angeklebten Bärten ins Teheraner Azadi-Stadion. Fotos und Videos dazu gehen noch immer um den Globus.

Hoffnung auf Europa

Fremdenführer Reza liebt es, sein Land zu präsentieren. Doch im Moment überwiegt die Sorge. Quelle: Mark Daniel

Wird sich der Drang nach Freiheit durchsetzen? Fremdenführer Reza hat keine klare Antwort darauf. Und seit der Nachricht über Trumps Nein halten ohnehin alle inne, fürchten Rückentwicklung, Konflikte. „Wir machen uns große Sorgen“, so Reza via WhatsApp. „Aber ich will nicht glauben, dass es einen Krieg geben kann.“ Parisa schreibt: „Eine sehr schlechte Situation für uns.“ Auch der persönliche Traum vom Fliegen wankt nun.

Bleibt nur, den Blick nach vorn zu richten, weiterzumachen. Das „Friendly Hostel“ hat nach einem enormen Kraftakt tatsächlich eröffnet und erste Gäste empfangen. Eigentlich könnte es jetzt richtig losgehen. Wären da nicht diese anderen Bauarbeiten, dieses Hämmern und Schrauben an Drohkulissen. Die jüngste Nachricht von Mehrane: „Wir hoffen, dass Europa an unserer Seite bleibt.“

Von Mark Daniel/LVZ

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