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06:31 23.03.2018
Auf der Flucht vor den türkischen Besatzern: Zehntausende von Kurden retten sich aus Angst vor der neuen Herrschaft aus der Stadt Afrin ins Umland. Quelle: AFP
Afrin

In Afrin war bis vor Kurzem alles anders als im Rest des Staates Syrien. Während anderswo der Bürgerkrieg tobte, blieb Afrin, der vor allem von Kurden bewohnte Kanton hoch im Norden, ein verblüffend friedliches Gebiet.

Manche Einwohner sprachen sogar von einem Paradies.

Tatsächlich wachsen auf den Hügeln rund um die Stadt Millionen von Olivenbäumen. In den Tälern nahe dem Fluss, der ebenfalls Afrin heißt, blühen Zitronen. Die örtlichen Märkte bieten Melonen, Trauben und Feigen, alles ebenfalls aus der Region. Hinzu kam eine gelassene Stimmung, die sich auf den Gedanken der kurdischen Selbstverwaltung gründete: Damaskus war fern – und sollte auch fern bleiben.

„Wir haben keinem etwas getan, uns hat keiner etwas getan“, so erklärte ein kurdischer Einwohner dieser Tage einem Reporterteam aus Großbritannien das Prinzip des Lebens und Lebenlassens in Afrin. Sieben Jahre lang sei das gut gegangen.

„Aber dann“, sagt er, „kamen die Türken.“

Eigentlich gab es schon genug Spieler, die in Syrien ihre Macht erprobten. Russen, Amerikaner, Iraner, Israelis. Seit Beginn dieses Jahres aber wurde immer deutlicher, dass unbedingt auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seinen Fuß in der Tür haben will.

Am 20. Januar ließ Ankara die Panzer rollen und startete die „Operation Olivenzweig“, ein höhnischer Name für einen neuen Kriegsakt in der ohnehin leidgeprüften Region. Die türkische Armee rückte im Nachbarstaat Syrien ein – mit der Begründung, man wolle dort bei der Terrorbekämpfung helfen.

Ein „barbarischer Akt“

Genau das allerdings hatten zuvor die kurdischen Milizen als Verbündete der USA erfolgreich getan – und die Kämpfer des „Islamischen Staats“ zurückgeschlagen. Schnell war klar: Einmal mehr ging es Erdogan vor allem darum, die Kurden in Schach zu halten.

Arabische Hilfstruppen der längst zersplitterten „Freien Syrischen Armee“ unterstützten den Vormarsch der Türken. Mitte März standen Erdogans Truppen vor Afrin, seine Luftwaffe bombardierte Stellungen der kurdischen „Volksschutzeinheiten“ (YPG). Auch Hunderte Zivilisten starben. Als auch ein Krankenhaus getroffen wurde, sprachen Kurden von einem „barbarischen Akt“.

Andere ethnische Gruppen dagegen, junge Araber etwa, denen die Türkei durchaus sympathisch ist, sagten, die Bombardierung des Krankenhauses sei nur ein Versehen gewesen.

Geschlagen jedenfalls überließen die Kurden den Türken die Stadt – zumal sie, anders als in früheren Konflikten, nicht mit der Unterstützung der USA rechnen konnten. Seit dem 18. März wehen nun die roten Flaggen der Türkei auf Gebäuden in der Kantonshauptstadt Afrin – und ringsherum herrscht ein Chaos wie noch nie, das Paradies wurde zur Hölle.

Zehntausende kurdische Einwohner Afrins sind auf der Flucht. Ihnen fehlen Unterkunft, Nahrung und medizinische Versorgung. Die Vereinten Nationen sprechen von einer dramatischen Addition diverser Notlagen: Allein in Nordsyrien seien schon seit Längerem rund 100 000 Menschen auf der Flucht, durch die Eskalation in Afrin seien in den vergangenen Tagen rund 50 000 weitere hinzugekommen.

Weitere Zehntausende Kurden, darunter viele Alte und Kranke, leben noch in Afrin, müssen aber mit Lebensmitteln versorgt werden.

Warum die Türkei Afrin besetzt hat

Das ewig unterdrückte Volk der Kurden träumt einen uralten Traum: den von einem eigenen demokratischen Staat zwischen Syrien, der Türkei, dem Iran und dem Irak. Nur: Keines dieser Länder ist bereit, den Kurden bei der Erfüllung dieses Traums auch nur einen Millimeter entgegenzukommen. Und ganz besonders nicht die Türkei. Sie riskiert, um ein zusammenhängendes Autonomiegebiet zu verhindern, sogar einen Konflikt mit den Nato-Partnern.

Die Kurdenmiliz YPG hat nach der Vertreibung des IS fast lückenlos das an die Türkei grenzende Gebiet zwischen der iranischen Grenze im Osten und dem Euphrat im Westen kontrolliert. Für die Türkei eine Provokation; sie fürchtet, dass eine kurdische Selbstverwaltungszone im Norden Syriens Autonomiebestrebungen der eigenen kurdischen Minderheit beflügeln könnte. Deshalb der gnadenlose – und von Experten als völkerrechtlich zweifelhaft eingestufte – Angriff auf Afrin. Die Enklave, die weit in die Türkei hineinreicht, ist der wichtigste westliche Brückenkopf der Kurdenmilizen. Mit dessen Besetzung hat die Türkei die Expansionspläne der Kurden für den Moment gestoppt.

In der Stadt wächst die Angst vor einem „Bevölkerungsaustausch". Die Türken, so heißt es, wollten die Kurden aus Afrin verdrängen, auch jene, die noch nicht gehen wollen. Es häufen sich Berichte über Übergriffe bewaffneter protürkischer Banden auf Häuser und Geschäfte von Kurden. Die Regierung in Ankara sagte inzwischen zu, jedem Hinweis auf Plünderungen oder andere Gesetzesübertretungen nachzugehen.

Helfer des Roten Kreuzes kritisieren, ihnen werde der Zutritt zur Krisenregion erschwert. Der türkische Rote Halbmond konterte, man arbeite bereits sehr gut mit der kurdischen Bevölkerung in Afrin zusammen. Die Glaubwürdigkeit dieser Aussage aber ist nach Einschätzung von Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, „nahezu null“. Die Kurden seien nun mal viel zu misstrauisch gegenüber den Türken.

Peter Maurer ist eigentlich kein Mensch, der sich schnell entmutigen lässt. Sonst hätte er seinen Job gar nicht erst angenommen. Jetzt aber schrieb er, gerade zurückgekehrt von einer Syrien-Reise, einen ebenso bitteren wie wütenden öffentlichen Brief. Über das Leid und die grenzenlose Erschöpfung der Zivilbevölkerung, vor allem aber darüber, dass „dieses Leiden noch verstärkt wird dadurch, dass humanitäre Helfer daran gehindert werden, ihre Arbeit zu machen“. Humanitäre Helfer würden in Syrien zum Spielball degradiert. Oft werde so getan, als seien humanitäre Hilfe, Schutz von Zivilisten und menschenwürdige Behandlung von Gefangenen Dinge aus der Abteilung „nice to have“: schön, wenn wir’s haben. In Wahrheit aber gebe es für all dies nicht nur eine moralische, sondern auch eine klareölkerrechtliche Verpflichtung.

„Es ist uns bis jetzt nicht möglich gewesen, eine Erlaubnis für die Versorgung der Menschen im monatelang belagerten Afrin auszuhandeln“, sagt Anastasia Isyuk vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes in Genf. Seit Kurzem dürfen Helfer vom Roten Kreuz Zehntausende von Afrin-Flüchtlingen zumindest in einem ausgewählten schmalen Tal versorgen, mit Wasser, Nahrung, Zelten, Medizin.

Mit jeder Kriegspartei, mit jeder lokalen Autorität müssen die Helfer verhandeln, „und kaum haben wir mit der einen Gruppe den Zugang zu dem von ihr kontrollierten Gebiet vereinbart, werden wir schon wieder von der Realität und neuen Machtverhältnissen eingeholt“, berichtet Isyuk. Ein Helfer vor Ort, der anonym bleiben will, um seinen Einsatz nicht zu gefährden, übt scharfe Kritik an der Regierung in Ankara: „Die Türkei verhindert eine groß angelegte Hilfsaktion.“

Geschichten, die Erdogan hasst

Auch türkische Armeeangehörige verteilen derzeit Wasser und Lebensmittel in Nordsyrien. Doch Erdogan will Beteiligte von außen offenbar unbedingt ausschließen. Westliche Helfer werden oft von westlichen Medien begleitet – die könnten dann wieder Geschichten verbreiten, wie Erdogan sie hasst: die Kurden als ewige Opfer der Geschichte.

Tatsächlich war in jüngster Zeit in der europäischen und amerikanischen Öffentlichkeit ein beeindruckendes neues Bild der Kurden entstanden. Da sah man Frauen mit offenem Haar und Turnschuhen, die Kalaschnikow lässig über die Schultern geschwungen: Kämpferinnen, die im Norden Syriens die Extremisten vom „Islamischen Staat“ bekämpften. In der von Männern dominierten nahöstlich-islamischen Gesellschaft symbolisierte die kurdische Frauen-Miliz plötzlich eine Art Gegenwehr. Revolutionsromantik umgab die YPJ-Soldatinnen, die in Interviews seelenruhig erklärten: „Wenn ich einen Dschihadisten sehe, erschieße ich ihn.“

Gleichberechtigung von Mann und Frau, Achtung der Menschenrechte: Nur die Kurden schienen all dies ernst zu nehmen. Die Chefinnen der weiblichen kurdischen Milizen, Salih Muslim und Asya Abdullah, wurden bei Auftritten in Europa gefeiert. In Nordsyrien, verkündeten sie, beginne jetzt nichts Geringeres als eine neue Zeit: Dort habe sich eine Koalition aus Kurden, Arabern und Christen vom Joch des Regimes des syrischen Staatschefs Baschar al-Assad befreit.

Dies alles alarmierte Erdogan. Aus den Trümmern des Syrienkriegs könnte sich am Ende, so seine Sorge, mit Unterstützung von EU und USA genau das erheben, was die Türkei jahrzehntelang systematisch verhindert hat: ein eigener Staat der Kurden.

Visionen wurden plattgewalzt

So ging es in diesen Tagen beim türkischen Einmarsch in Afrin weniger um akute Sicherheitsinteressen Ankaras. Gezielt plattgewalzt wurden dagegen Träume, Fantasien, Visionen.

Nun wird es Zeit für eine Rückbesinnung auf die Realitäten, auch auf kurdischer Seite. Zur Wahrheit gehört, dass sie nicht etwa sämtlich Krieger für Toleranz sind. Viele ihrer Kämpfer sehen sich immer noch als Ableger der linksextremen Terrororganisation PKK. In Nordsyrien unterdrücken kurdische Milizen auch Andersdenkende in den eigenen Reihen. Amnesty International warf der Kurdenmiliz YPG zudem die Vertreibung von Arabern und Turkmenen vor; hinzu kommen Klagen von Christen, Kurden nähmen ihnen das Ackerland weg.

Gibt es für die Kurden einen Weg zurück von der Hölle ins Paradies? Niemand weiß derzeit genau, was Erdogan im Norden Syriens plant. Eine Annexion? Ein Protektorat? Das Völkerrecht hat er so oder so nicht auf seiner Seite, die Machtdemonstration könnte sich als zeitlich begrenzt erweisen.

Was dann? Die diversen kurdischen Gruppen müssen sich einig werden über ihren Kurs. Und dann müssen sie nach Partnern suchen. EU und USA werden ihre Unterstützung davon abhängig machen, dass die Kurden nicht ihrerseits in Radikalität und Gewalt abdriften.

Die Kurden müssen vorbereitet sein auf ein ernüchterndes Schlusskapitel der Geschichte. Irgendwann werden Diplomaten jene, die soeben aus Afrin vertrieben wurden, bitten, Frieden zu schließen mit jenen, die sie vertrieben haben. Man ahnt: Das kann dauern.

Erdogan verstärkt Kontrolle der Medien

Gleichgeschaltet: Die größte unabhängige Mediengruppe der Türkei steht vor dem Verkauf – an einen regierungsnahen Unternehmer. Damit bringt Staatschef Recep Tayyip Erdogan einflussreiche Medien wie die Tageszeitung „Hürriyet“ und den TV-Sender CNN Türk auf seine Linie.

Lange hat sich Aydin Dogan gewehrt. Jetzt kapituliert der Tycoon und verhandelt über den Verkauf der Dogan Yayin Holding, des größten Medienkonzerns des Landes, an die Demirören-Gruppe. Der Konzern gilt als regierungsnah, Erdogan Demirören hat enge Beziehungen zum allmächtigen Staatschef. Rund 1,1 Milliarden Dollar will Demirören dem Vernehmen nach für das Paket zahlen – und dann neun von zehn der publikumsstärksten TV-Sender und Zeitungen beherrschen. Bereits 2011 hatte Dogan unter dem Druck der Regierung „Milliyet“ und „Vatan“ an Demirören verkauft. Dieser brachte die liberalen Zeitungen auf Regierungskurs.

Der Springer-Konzern, der mit 7 Prozent als Investor an der Dogan TV Holding beteiligt ist, will sich aus dem Unternehmen zurückziehen. Der ehemalige „Bild“-Chef Kai Diekmann sitzt derzeit noch im „Hürriyet“-Aufsichtsrat. Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er, dass das ein „privates Engagement“ sei. Wie es weitergehe, müsse er sich überlegen.

Von Susanne Iden und Susanne Güsten/RND

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Das türkische Vorgehen in Afrin sei „inakzeptabel“, sagte die Bundeskanzlerin in ihrer Regierungserklärung. Angela Merkel verurteilte die türkische Militäroffensive „auf das Schärfste“. Die deutschkurdische Gemeinde begrüßt die klaren Worte der Kanzlerin. Es sei aber nur ein Anfang.

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