Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Politik Bessere Betreuung für Eltern wichtiger als niedrige Kosten
Nachrichten Politik Bessere Betreuung für Eltern wichtiger als niedrige Kosten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:06 28.05.2018
Eltern sind oft bereit, mehr für die Betreuung ihrer Kinder zu zahlen, wenn diese sich dadurch auch qualitativ steigert. Quelle: dpa
Gütersloh

Mehr Kinderbetreuer, schönere Spielsachen, gesünderes Essen: Die meisten Eltern, die zurzeit für den Kindergartenplatz bezahlen, sind bereit sogar noch mehr Geld für bessere Kitas auszugeben. Das fand die Studie „Eltern-Zoom“ der Bertelsmann-Stiftung heraus. 56 Prozent der zahlenden Eltern aus Niedersachsen und 55 Prozent der Eltern aus Bremen sind demnach zu höheren Investitionen in die Kita bereit. Qualität vor Beitragsfreiheit - diese Präferenz haben laut der Befragung die meisten zahlenden Eltern in Deutschland - egal ob sie arm oder reich sind.

In Saarland und Hessen zahlen 92 Prozent Kitagebühr

Eltern in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland wären ebenfalls bereit, mehr Geld für einen Kita-Platz zu zahlen, wenn sich die Qualität verbessern würde. In allen drei Bundesländern gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, für mehr Personal und eine bessere Ausstattung mehr Geld in die Hand nehmen zu wollen. In Rheinland-Pfalz etwa würden 77 Prozent der Eltern einen höheren Beitrag zahlen.

In Hessen und dem Saarland zahlen derzeit fast alle, nämlich 92 Prozent der Eltern einen Kita-Beitrag. Das waren für die Eltern in Hessen im Schnitt 6,9 Prozent ihres Einkommens, im Saarland 7,5 Prozent. In Rheinland-Pfalz müssen nur 36 Prozent für einen Kita-Platz zahlen. Dort gibt es nach einem entsprechenden stufenweisen Abbau der Beiträge schon seit 2010 für Kinder ab zwei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen gebührenfreien Betreuungsplatz.

Qualitätsausbau in Kitas würde Staat jährlich 15 Milliarden extra kosten

Für Projektleiterin Kathrin Bock-Famulla ist daher klar: „Politiker in Niedersachsen und Bremen politisieren am Wunsch der Eltern vorbei.“ Denn ab August dieses Jahres sollen alle Eltern in Niedersachsen nichts mehr für den Kindergarten-Besuch ihrer drei- bis sechsjährigen Töchter und Söhne bezahlen müssen. In Bremen wird dies ein Jahr später der Fall sein.

In Rheinland-Pfalz setzt das Jugendamt die Elternbeiträge fest. Wer sein Kind in einer privaten Kita unterbringt, muss also weiterhin zahlen. Auch Hessen hat angekündigt, die Gebühren ab Sommer weitgehend abzuschaffen. In wieder anderen Bundesländern wird darüber diskutiert.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass eine bundesweite Beitragsfreiheit mit gleichzeitigem Qualitätsausbau der Kindertagesstätten den Staat jährlich 15 Milliarden Euro zusätzlich kosten würde. Dem gegenüber hat der Bund nach Angaben der Stiftung bislang 3,5 Milliarden Euro für die aktuelle Legislaturperiode zugesagt. Zuletzt hat die neue Familienministerin Franziska Giffey ihre Kita-Pläne vorgestellt.

Nur armutsgefährdete Eltern von Gebühren befreien

„Dem politischen Versprechen der Beitragsfreiheit fehlt die finanzielle Substanz“, sagte das Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, Jörg Dräger. Aktuell sei zu befürchten, dass die Qualität auf der Strecke bleibe. Dräger plädierte dafür, dass nur armutsgefährdete Eltern von den Kita- und Zusatzgebühren wie für Ausflüge, Mittagessen und Bastelmaterial befreit werden sollten.

Noch vor der Frage nach den Finanzen müssten Bund und Länder einheitliche Qualitätsstandards umsetzen, forderte Dräger. Aktuell gebe es zwischen den Bundesländern deutliche Unterschiede bei den Kosten für einen Kita-Platz und der Qualität der Einrichtung. In Berlin etwa gebe es im Gegensatz zu Baden-Württemberg viel zu wenig Personal.

Mehr Betreuer für eine bessere Kita

Die Kosten belasten vor allem ärmere Familien überproportional. Eltern, die über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens verfügen, zahlen pro Monat im Mittelwert 118 Euro - 10 Prozent des Haushaltsnettos. Bei den übrigen Familien sind es im Mittelwert 178 Euro. Bock-Famulla sagt: „Für eine bessere Betreuung sind Eltern bereit bis an ihre Belastungsgrenze zu gehen.“ Um Kindergärten zu verbessern, schlägt die Bertelsmann-Stiftung vor, mehr Kinderbetreuer anzustellen.

Große Differenzen im Bundesgebiet

Wie sehr Eltern durch hohe Kita-Gebühren belastet sind, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich stark ausgeprägt. Am meisten geben Eltern in Schleswig-Holstein mit 8,9 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Kita aus, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (7,8), Niedersachsen (7,3) und dem Saarland (7,2). Besonders wenig zahlen Familien in Berlin (2,0), Rheinland-Pfalz (4,0) und Hamburg (4,3). Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen liegt - wie Bremen - mit 6,6 Prozent leicht über dem Bundesschnitt. Ähnlich sieht es in Hessen (6,7), Baden-Württemberg (6,5), Brandenburg (6,2), Thüringen (6,1) und Bayern (5,9) aus.

Die Ergebnisse beruhen laut Bertelsmann auf zwei bundesweit teilweise in Kooperation mit Infratest-dimap erhobenen separaten Befragungen von insgesamt rund 10 490 Eltern.

Von RND/dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Politik Bayerischer Wahlkampf - Bayerns Antwort auf die AfD

Der CSU droht bei der Landtagswahl im Herbst der Verlust der absoluten Mehrheit, auch wegen der starken Konkurrenz von rechts. Ministerpräsident Markus Söder setzt auf Heimat, Glauben und Grenzen als Rezept für den Machterhalt. Feuer mit Feuer bekämpfen – kann das funktionieren?

28.05.2018

Eine ideologisch aufgeheizte Stimmung, eine CSU, die den Staatsapparat und einen Großteil der Zivilgesellschaft im Griff hat – und eine Sozialdemokratie, die weiter unter der 20-Prozent-Marke dümpelt. Ein Gespräch mit Christian Ude, 21 Jahre lang SPD-Oberbürgermeister von München, über die Chancen von Opposition im Freistaat.

28.05.2018

Wenn der Mittelschicht ein Thema unter den Nägeln brennt, dann sind es steigende Mieten und knapper Wohnraum. Grünen-Chef Habeck erklärt im Interview, warum ein Maßnahmenpaket bitter nötig ist.

28.05.2018