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Politik Wie ein Hardliner zum Friedensnobelpreisträger wurde
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15:14 07.10.2016
Vom Hardliner zum Vorkämpfer für den Frieden: Juan Manuel Santos. Quelle: EFE FILE
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Bogotá

Vor einigen Jahren rechnete noch niemand damit, dass Juan Manuel Santos einmal den Bürgerkrieg in Kolumbien beenden würde. Umso überraschter waren Freund und Feind, als der ehemalige Hardliner 2010 zum Präsidenten gewählt wurde und sich anschließend für einen Frieden mit den Farc-Rebellen einsetzte. Doch dahinter stecke eine langfristige Strategie, wie Mauricio Rodriguez versichert. Der Frieden sei schon „seit Beginn seiner Karriere“ Santos’ Ziel gewesen, sagt der Schwager und Berater des Präsidenten.

Der 65-Jährige Santos stammt aus einer reichen und einflussreichen Familie Kolumbiens, sein Großonkel Eduardo Santos war von 1938 bis 1942 kolumbianischer Präsident. Der konservative Politiker studierte Wirtschaftswissenschaften an der US-Eliteuniversität und der London School of Economics. Später übernahm er mehrere Ministerposten. Als Verteidigungsminister führte er in den Jahren 2006 bis 2009 den militärischen Kampf gegen die Farc-Rebellen an.

Santos ließ Rebellenlager bombardieren

International wurde Santos im Juli 2008 durch eine spektakuläre Geiselbefreiung bekannt. In einer abenteuerlichen Aktion befreite die kolumbianische Armee damals 15 Geiseln aus der Gewalt der Farc, unter ihnen die frühere kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt. Wenige Monate zuvor ließ Santos ein Rebellenlager in Ecuador bombardieren.

Der Angriff, bei dem der damalige Vize-Kommandeur der Farc, Raúl Reyes, getötet wurde, hatte eine Eiszeit zwischen Kolumbien und Ecuador zur Folge. Ecuadors Staatschef Rafael Correa brach für mehr als eineinhalb Jahre die diplomatischen Beziehungen zu Kolumbien ab. „Er hat Krieg geführt, um Frieden zu erreichen“, sagt sein Schwager Rodríguez. „Er schwächte die Farc, um sie an den Verhandlungstisch zu zwingen.“

Frieden war eines seiner Wahlversprechen

Anders als sein Vorgänger Álvaro Uribe, der Verhandlungen mit den Rebellen kategorisch ablehnte, setzte sich Santos seit seinem Amtsantritt im Jahr 2010 für Gespräche mit der Guerilla ein. Auch bei seiner Wiederwahl zum Staatschef 2014 war die friedliche Beilegung des Konflikts eines seiner zentralen Versprechen.

„Mein ganzes Leben lang (...) war ich ein unerbittlicher Gegner der Farc“, sagte Santos kürzlich bei der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens mit Farc-Chef Timochenko. Nun werde er sich aber mit der gleichen Entschlossenheit für das Recht der Rebellen einsetzen, „ihren politischen Kampf mit legalen Mitteln fortzusetzen, auch wenn wir niemals einer Meinung sein werden“.

Gegner nennen Santos „kalt und berechnend“

Und noch am Sonntag verkündete der dreifache Vater nach seiner Niederlage beim Referendum, er werde „bis zur letzten Minute meines Mandats“ um den Frieden kämpfen. Dies sei der einzige Weg, „unseren Kindern ein besseres Land zu hinterlassen“.

Seine Gegner stellen Santos gern als „kalt und berechnend“ dar. Darauf entgegnete der Bewunderer von Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Nelson Mandela einmal in einem AFP-Interview: „Ich will keinen Beifall, ich will nur das Richtige tun.“ Beifall bekam er trotzdem, diesmal aus Oslo: Am Freitag wurde ihm der Friedensnobelpreis zuerkannt. Schon der hartnäckige Versuch, den über 50 Jahre alten Konflikt zu lösen, war dem Nobelpreiskomitee die Auszeichnung wert.

Ausdrücklich würdigte das Komitee in seiner Erklärung den Wunsch des 65-jährigen kolumbianischen Staatschefs, die Bevölkerung in den Prozess mit einzubeziehen, obwohl „er wusste, dass der Vertrag umstritten ist“. Mit dem Nobelpreis will das Komitee Santos und alle anderen Parteien ermutigen, den Prozess fortzusetzen – denn mit dem Nein hätten die Kolumbianer nicht den Frieden abgelehnt, sondern „ein spezifisches Friedensabkommen“. Und wie kaum ein anderer Politiker Kolumbiens hat Santos das Zeug dazu, doch noch zu dem erhofften Abkommen zu kommen.

Von afp/RND

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