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09:02 08.02.2018
Für viele Menschen ein Problem: Im Frühjahr werden die Uhren um eine Stunde vorgestellt, im Herbst eine zurück. Quelle: dpa
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Brüssel

Es ist wohl einer der kürzesten Anträge in der Geschichte des Europäischen Parlamentes – die Entschließung 2017/2968(RSP) passt auf eine DIN-A4-Seite. Ziel des Vorstoßes, über den die 751 Abgeordneten aus 28 Mitgliedstaaten am heutigen Donnerstag abstimmen werden: „Das Europäische Parlament fordert die Kommission auf, die derzeitige halbjährliche Zeitumstellung abzuschaffen.“

Mehrheit sicher?

Eine überwältigende Mehrheit scheint sicher. Zu groß sind die Verärgerung und das Unverständnis über die Zeitmanipulation im Frühjahr und im Herbst.

Nach einigen Versuchen vor und nach den beiden Weltkriegen war es Frankreich, das 1973 zum ersten Mal die Uhren anders stellte. Im Zeichen der Ölkrise glaubte man daran, dass sich Energie einsparen lasse, wenn die Menschen in der hellen Jahreszeit später aufstehen und abends länger wach bleiben würden.

Kein Energiespareffekt

Schon ein Jahr später wiederlegten deutsche Studien diesen Effekt: Um gerade mal zwei Promille ging der Energieverbrauch zurück. Dafür häuften sich jene Fälle, in denen Menschen über Beschwerden klagten, weil sie aus dem Tritt gerieten, nicht mehr richtig schlafen konnten und es sogar zu Herz-Kreislauf-Problemen kam.

Als die Europäische Union 1981 dann nachzog und die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) einführte, ging es denn auch gar nicht mehr ums Öl- oder Stromsparen, sondern um eine einheitliche Regelung für den Binnenmarkt. Dabei ist die EU eigentlich gar nicht zuständig, sondern koordiniert lediglich die Mitgliedstaaten.

Was Sie zur Sommerzeit wissen müssen

Welche Länder wenden eigentlich die Sommerzeit an?

Es sind vor allem jene Länder, die in den gemäßigten Zonen der Nord- und Südhalbkugel liegen – also zwischen den Subtropen und der jeweiligen kalten Zone. Dazu gehören alle EU-Staaten. Die Balearen wollten zwar vor Jahren mal die Sommerzeit auf das ganze Jahr ausdehnen, mussten aber zurückrudern.

Wie lange dauert es nach der Zeitumstellung, bis sich der menschliche Organismus umgestellt hat?

Mediziner sprechen von acht Tagen. In dieser Zeit klagen viele Menschen über innere Unruhe, schlechten Schlaf (sogar bei der Umstellung auf die Winterzeit), über Veränderung der Herzfrequenz und Verdauungsbeschwerden. Kinder tun sich nach Angaben von Ärzten besonders schwer, einen neuen Rhythmus zu finden.

Stimmt es, dass nach dem Start der neuen Zeit zu mehr Verkehrsunfällen kommt?

Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) spricht von bis zu acht Prozent mehr Unfällen im Straßenverkehr. Auch der Auto Club Europa (ACE) hat anhand von Daten des Statistischen Bundesamtes herausgefunden, dass sich in der Woche nach der Zeitumstellung schwere Unfälle häufen.

Gibt es denn überhaupt einen guten Grund für die Umstellung der Zeit?

Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung des Bundestages hat vor zwei Jahren gemeinsam mit externen Gutachtern mehrere Untersuchungen ausgewertet. Das Ergebnis ist ziemlich deutlich: Es fanden sich weder gesundheitliche noch ökonomische Effekte, die man positiv nennen könnte. Die Energieersparnis sei „allenfalls minimal“.

Gibt es schon Hinweise darauf, wie sich die EU-Kommission entscheiden wird?

Nein, bisher nicht. In Brüssel wird nur immer wieder darauf verwiesen, dass eine gemeinsame Zeit nötig ist, weil sich sowohl die Unternehmen wie auch die Bürger schwertun, auf einem gemeinsamen Markt mit unterschiedlichen Zeitzonen klarzukommen.

In Deutschland liegt die Verantwortung beim Ministerium für Wirtschaft, die Umsetzung nimmt die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig vor. Doch nun soll Schluss sein, fordern die Abgeordneten, nachdem sich auch immer mehr Bürger bei der Kommission für eine einheitliche Zeit stark gemacht hatten.

„Biorhythmus wird empfindlich gestört“

„Unser Biorhythmus wird durch die Zeitumstellung empfindlich gestört und sowohl Menschen als auch Tiere haben Schwierigkeiten, sich dem geänderten Rhythmus anzupassen“, erklärte die CDU-Europapolitikerin Sabine Verheyen gegenüber unserer Zeitung. „Ich halte es daher für richtig, dass wir uns sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene für ein Ende der Umstellung einsetzen.“

Ihre sozialdemokratische Kollegin Kerstin Westphal drängte ebenfalls auf eine gemeinsame Lösung: „Ein Flickenteppich, bei dem Österreich für ein paar Wochen eine andere Uhrzeit gilt als in Deutschland oder Frankreich wäre verheerend für den Binnenmarkt, aber auch für Reisende, die sich mit wechselnden Fahr- und Flugplänen rumärgern müssen.“ Doch welche Zeit soll denn dann gelten?

Für immer Sommerzeit – oder doch Winterzeit?

Der Entschließungsantrag der Abgeordneten vermeidet es wohlweislich, sich für die Sommer- oder die Winterzeit stark zu machen, wobei es Letztere eigentlich gar nicht gibt. Wenn in diesen Monaten die Uhr schlägt, handelt es sich um die Normalzeit.

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Als in Polen Ende vergangenen Jahres ein ähnliche Initiative an Zustimmung gewann, schien die Stoßrichtung klar: Die Winterzeit muss weg. Sommerzeit für das ganze Jahr, lautete die Forderung. Russland hatte sich dagegen schon vor vier Jahren von der Sommerzeit verabschiedet.

EU-Kommission hält sich bedeckt

In den öffentlichen Diskussionsforen schwärmen die Gegner der Zeitumstellung von einer dauerhaften Sommer-Uhrzeit – meist mit Hinweis auf die schönen langen Abende zwischen Mai und September.

Initiativen wie das Portal „Zeitumstellung Abschaffen“ sprechen sich andererseits für ein Ende der Sommerzeit aus. Nur die Brüsseler Kommission lässt sich bisher nicht in die Karten sehen.

Nächste Umstellungen wohl noch nicht von Entscheidung betroffen

Der heutige Entschließungsantrag aus Straßburg soll den Bemühungen des europäischen Gesetzgebers, der schon seit Oktober 2017 die Frage prüft, bestärken.

Entscheidet das Parlament tatsächlich für eine Abschaffung der Zeitumstellung, wird es aber wohl noch eine Weile dauern, bis der Wechsel tatsächlich nicht mehr Teil des Alltags ist. Zunächst ist dann erst einmal die EU-Kommission am Zug, anschließend folgen noch Verhandlungen mit den Mitgliedsstaaten.

Ob unsere Uhren aber demnächst sommerlich oder winterlich eingestellt werden, scheint noch völlig offen. Übrigens: Am frühen Morgen des 25. März 2018 ist es wieder so weit.

Von Detlef Drewes/RND

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