Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Polizeiticker Weltweit Amokläufer von Dossenheim erschießt Nachbarn wegen Streit um Nebenkosten
Nachrichten Polizeiticker Weltweit Amokläufer von Dossenheim erschießt Nachbarn wegen Streit um Nebenkosten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:50 21.08.2013
Ein Beamter der Spurensicherung untersucht am Tatort auf einer Veranda ein Einschussloch in einem Fenster. Quelle: dpa
Anzeige
Dossenheim/Heidelberg

Der Rentner hatte am Dienstagabend mit den Worten „Ich bring’ Euch alle um“ eine Eigentümerversammlung gestürmt und sofort das Feuer eröffnet.

Zwei 82 und 54 Jahre alte Männer starben, wie die Staatsanwaltschaft am Mittwoch mitteilte. Unter den fünf verletzten Opfern ist auch die 70-jährige Ehefrau des Rentners und Familienvaters.

Der Amokläufer sei seit Jahrzehnten Mitglied in Schützenvereinen gewesen, ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen, sagte der Einsatzleiter der Polizei, Siegfried Kollmar. „Er hat bisher völlig unauffällig gelebt.“

Bei der Versammlung im Vereinshaus der TSG Germania 1889 Dossenheim hatte es den Angaben zufolge Streit über die Nebenkosten-Abrechnung 2012 gegeben. Schließlich verwies der Verwalter der Eigentümergemeinschaft den aufgebrachten Mann des Raumes. Zeugen berichteten, dass er sich an der Theke noch etwas zu trinken bestellte und sichtlich nervös wirkte.

Eine Viertelstunde später stürmte er mit einer Neun-Millimeter-Pistole in die Versammlung im Nebenraum. Nach Angaben der Polizei gab der Rentner insgesamt 17 Schüsse auf die acht Anwesenden ab. Eine Person habe der Mann sogar bis auf die Terrasse der Sportgaststätte verfolgt. Danach tötete sich der Täter mit einem Schuss in die rechte Schläfe selbst.

Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) sprach von einem „schrecklichen Vorfall“. Er forderte wie Grünen-Bundeschef Cem Özdemir erneut das Verbot großkalibriger Waffen. Diese benötigten Sportschützen nicht, sagte der Minister. Menschen, die Schießsport betrieben, müssten „intensiv kontrolliert“ werden. Er könne nicht glauben, dass so ein Mann nicht vorher schon einmal aufgefallen sei, hatte er vor der Pressekonferenz der Polizei gesagt.

Zum Tatzeitpunkt waren auf dem großen Areal insgesamt 50 Vereinsmitglieder und Gäste, darunter auch Kinder. Die beiden erschossenen Männer hatten in dem Dossenheimer Mehrfamilienhaus mit acht Wohnungen unter einem Dach mit dem Amokläufer gelebt. Der 71-Jährige hinterlässt eine Tochter und zwei Enkelkinder.

Alexander Schwarz (l), Leiter der Heidelberger Staatsanwaltschaft, und der Leiter der Kriminalpolizei, Siegfried Kollmar. Quelle: dpa

Die Tatwaffe habe der Mann schon 1992 in Heidelberg gekauft, sagte Einsatzleiter Kollmar. Außerdem habe der Amokläufer sechs weitere Schusswaffen legal besessen.

Sportschützen haben in Deutschland bereits mehrfach mit ihren Waffen ein Blutbad angerichtet. So hatte im September 2010 eine Sportschützin im südbadischen Lörrach ihren Ehemann, den fünfjährigen Sohn sowie den Pfleger eines Krankenhauses getötet. Sie hatte mehr als 300 Schuss Munition dabei und schoss wild um sich. Am Ende wurde sie von der Polizei erschossen.

Dossenheim weckt auch Erinnerungen an den Amoklauf von Winnenden und Wendlingen. Am 11. März 2009 hatte der 17-jährige Tim K. an seiner ehemaligen Schule und auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst erschossen. Er hatte die Waffe von seinem Vater, einem Sportschützen. Beide Taten lösten heftige politische Debatten aus. Auch das deutsche Waffenrecht wurde seither weiter verschärft. Unter anderem sind Kontrollen von Waffenbesitzern heute leichter möglich.

Ein Beamter der Spurensicherung arbeitet am Tatort auf einer Veranda. Quelle: dpa

Das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden dringt nach der Bluttat von Dossenheim auf schärfere Waffengesetze. Die Waffen von Sportschützen müssten endlich zentral aufbewahrt und besonders gesichert werden, sagte Hardy Schober vom Aktionsbündnis. „Hätte er keinen Zugriff auf die Waffe gehabt, wäre es nicht zu der Tat gekommen.“ Bereits 2009 habe das Bündnis diese Forderung klipp und klar formuliert. Es sei ärgerlich, dass die Bundesregierung nicht endlich handle.

Özdemir sagte, gefährliche Schusswaffen müssten raus aus Privatwohnungen. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion im Landtag, Uli Sckerl, sagte: „Immer wieder werden Menschen getötet und anschließend passiert nichts, das darf einfach nicht wahr sein.“ FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke hingegen warnte vor „reflexhaften Forderungen“ nach der Verschärfung von Gesetzen und davor, Sportschützen und Jäger potenziell zu kriminalisieren.

[gallery:500-2621014139001-LVZ]

dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der US-Soldat Bradley Manning ist für die Weitergabe geheimer Kriegsdokumente an die Enthüllungsplattform Wikileaks zu 35 Jahren Haft verurteilt worden. Zudem wurde der 25-Jährige unehrenhaft aus der Armee entlassen und rückwirkend degradiert, wie das US-Militärgericht am Mittwoch in Fort Meade bei Washington bekanntgab.

21.08.2013

Eine kreativ geflickte Luftmatratze ist einem Mann aus Niedersachsen zum Verhängnis geworden. Beim Aufpumpen explodierte die Matratze und richtete einen Schaden von bis zu 150 000 Euro an.

21.08.2013

In den Räumen eines Sportvereins in Dossenheim nahe Heidelberg sind am Dienstag tödliche Schüsse gefallen - drei Menschen kamen ums Leben, fünf wurden verletzt.

20.08.2013
Anzeige