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Hannover reagiert gelassen: Bier und Würstchen statt Chaos und Panik

Nach Spielabsage Hannover reagiert gelassen: Bier und Würstchen statt Chaos und Panik

Überall Polizeisirenen, Blaulicht, Polizisten mit Maschinenpistolen und Tausende Menschen, die durch die Stadt marschieren – Hannover glich am Dienstagabend einer Stadt im Kriegszustand. Doch in all dem Durcheinander behalten die Fußballfans den Kopf, holen sich an der Bude Bier und Würstchen.

Fußballfans ziehen in Hannover ab

Quelle: dpa

Hannover. Überall Polizeisirenen, Blaulicht, Polizisten mit Maschinenpistolen und Tausende Menschen, die durch die Stadt marschieren – Hannover glich am Dienstagabend einer Stadt im Kriegszustand. Ein Fanal gegen den Terror sollte das Fußballspiel Deutschland gegen die Niederlande werden, aber am Ende des Tages hatte das Böse gesiegt: Das Spiel wurde abgesagt, das Stadion evakuiert und die ganze Stadt zur Gefahrenzone erklärt.

Und warum? „Hinweise auf die Gefährdung des heutigen Fußballspiels haben sich so verdichtet, dass die Sicherheitsbehörden des Bundes und ich empfohlen haben, die Veranstaltung abzusagen“, sagte am Abend Innenminister Thomas de Maizière. Konkreter wurde er nicht – Hannovers Polizeipräsident Volker Kluwe hingegen sprach von einem geplanten Sprengstoffanschlag, der das Stadion treffen sollte. SEK-Kräfte durchkämmten erst das geräumte Stadion und danach die gesamte Umgebung. „Es ist nicht klar, was mögliche Terroristen nach der Absage des Spiels nun alternativ tun“, sagte Polizeichef Kluwe.

Schon am Nachmittag war die Stimmung rund um die HDI-Arena und in der gesamten Stadt nervös. Zu frisch sind noch die Eindrücke der Bilder aus Paris, wo die Sprengung einer Bombe im Stade de France während des Spiels der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nur um Haaresbreite verhindert wurde. In Hannover kontrollieren Polizisten rund ums Stadion intensiv Passanten, sogar Journalisten mit Presseausweisen werden gefilzt – wer kann schon sagen, in welcher Verkleidung Attentäter auftreten. Beamte mit Maschinenpistolen prägen auch das Bild am Hauptbahnhof und flankieren die Straßen auf dem Weg zum Stadion. Eine Weile ist es noch hin bis zum Spiel, da wird plötzlich ein herrenloser Koffer nahe der HDI-Arena entdeckt. Für einen Moment ist die Aufregung groß, bis irgendwann die erlösende Meldung kommt: Der Koffer gehört einem harmlosen Flaschensammler. Falscher Alarm, aber die Nerven, das zeigt sich spätestens jetzt, liegen blank.

Das Spiel fällt aus

Und ein paar Stunden später wird die Bedrohung dann ganz konkret. „Das Spiel Deutschland gegen die Niederlande fällt aus“, schallt es blechern durch die Dunkelheit. Ende der Durchsage, und schon rollt der Polizeiwagen langsam weiter. Knapp zwei Stunden vor dem Anpfiff schauen sich Hunderte Menschen – gerade zu Fuß auf dem Weg zur HDI-Arena – verdutzt in die Augen. Schulterzucken. Und jetzt? „Die wollen uns doch verarschen“, ruft einer. Unmut macht sich breit, aber auch Verständnis. Schnell machen die wildesten Gerüchte die Runde: verdächtige Person vor dem Stadion, SEK-Beamte im Stadion, eine Bombe versteckt in einem Rettungswagen...

Die Unruhe steigt, und doch bahnt sich die Masse ruhig und geordnet wieder den Weg zurück Richtung Stadtbahn-Haltestelle. „Was soll man machen? Die Sicherheit geht vor“, sagt Lisbeth, ein Fan aus Hannover. Dann schwingt sie sich auf ihr Fahrrad und verschwindet in der Nacht.

Der Würstchenstand zwischen Stadtbahnstation und Stadion wird zur Anlaufstelle Nummer eins. Im Akkord reicht der Mann am Grill die Bierflaschen heraus. Von Panik keine Spur, während knapp drei Meter weiter die Polizeiautos im Sekundenabstand mit Blaulicht und Sirene vorbeirasen. „Wir sind extra angereist, und dann so was“, schimpft Lukas aus Frankfurt. „Irgendwann können wir gar keinen Fußball mehr spielen.“ Der Frust steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Leere Züge ohne Fahrgäste

Gespenstische Stimmung auch in der Stadtbahnstation. Züge stoppen zwar, aber die Türen bleiben geschlossen – so werden sie zu Geisterbahnen. Am späteren Abend trifft es dann auch noch den Hauptbahnhof. Weil ein „verdächtiger Gegenstand“ gefunden wurde, sind erst nur einige und dann immer mehr Gleise gesperrt.

Die meisten Fußballfans haben sich inzwischen auf den Heimweg gemacht, viele sind auch noch in den Kneipen der Stadt eingekehrt. An den Theken und Tischen gibt es fast nur ein Thema: Was ist da passiert? Oder vielmehr: Was wäre beinahe passiert? Der Terror von Paris, er war in dieser Nacht plötzlich ganz nah – und doch fühlte sich die ganze bizarre Situation fast unwirklich an, als sähe man einem Film zu.

„Schade, ich hätte das Spiel gern gesehen“, hat Innenminister de Maizière im Fernsehen gesagt. Das hat er mit vielen enttäuschten Fußballfreunden gemeinsam. Noch mehr aber wurmt Manfred, einen glühender Deutschland-Fan aus Hannover, die Niederlage gegen die Islamisten. „Ich bin traurig, dass es so gekommen ist, ich hätte gerne ein Zeichen gegen diesen Terror gesetzt“, sagt er. „Aber beim nächsten Mal komme ich trotzdem wieder.“

Von Stefanie Gollasch, Carsten Bergmann, Eric Zimmer und Karl Doeleke

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