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Knox nach Freispruch in die USA - Staatsanwälte wollen Berufung

Knox nach Freispruch in die USA - Staatsanwälte wollen Berufung

Nach dem spektakulären Freispruch der US-Studentin Amanda Knox wollen italienische Staatsanwälte das Urteil gegen den „Engel mit den Eisaugen“ anfechten. Sie kündigten an, den Fall vor den Kassationsgerichtshof in Rom zu bringen - die höchste Gerichtsinstanz in Italien.

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Müde und blass wirkte Amanda Knox bei ihrer Ausreise aus Italien in die USA.

Quelle: dpa

Perugia/Rom. Die 24 Jahre alte Knox war nach vier Jahren im Gefängnis in Perugia am Dienstag in ihre Heimat gereist. In den USA könnte sie nach Einschätzung von Beobachtern kaum gezwungen werden, für einen weiteren  Prozess um den Mord an der britischen Studentin Meredith Kercher nach Italien zurückzukehren.

Sehr müde und blass wirkte die Amerikanerin auf die Journalisten, die sie auf dem römischen Flughafen Fiumicino mittags vor dem Abflug beobachteten. Die junge Frau aus dem US-Bundesstaat Washington trug schwarze Leggins und eine graue Strickjacke, während sie abgeschirmt und ohne ein Lächeln auf den Abflug zunächst nach London wartete, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Bei ihrer Ankunft in Seattle am späten Nachmittag (Ortszeit) sei eine Art Pressekonferenz oder Begrüßungszeremonie geplant, berichtete der US-Nachrichtensender CNN. Der aufsehenerregende Prozess hatte Knox zum Medienstar gemacht.

Ein Geschworenengericht in Perugia hatte die aus Seattle stammende Frau und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito am Montagabend in der umbrischen Stadt in zweiter Instanz freigesprochen. Knox war 2009 wegen Mordes an Kercher in einem Indizienprozess zu 26 Jahren Haft verurteilt worden, Sollecito zu 25 Jahren. Der Verteidigung war es im Berufungsverfahren gelungen, Lücken und Widersprüche der Ermittlungen aufzudecken, vor allem bei angeblichen DNA-Beweisen. Begleitet wurden die Prozesse beider Instanzen von enormem Medieninteresse weltweit.

Die Staatsanwälte Giuliano Mignini und Manuela Comodi wollen die Freisprüche nicht hinnehmen und vor das oberste Gericht in Rom als dritte und letzte Instanz ziehen. „Ich habe noch nie einen solchen Mediendruck erlebt, so kann man nicht vorankommen“, erklärte Mignini. „Das Urteil von Montagabend ist falsch und widersprüchlich. Also muss das Kassationsgericht entscheiden, wer Recht hat“, verwies er auf die hohe Haftstrafe für beide in erster Instanz. Diese war vor allem von US-Medien mit erheblicher Kritik an Italiens Justiz bedacht worden.

Ein Kassationsgericht kann rechtskräftige Urteile wieder aufheben, wenn diese als falsch eingestuft werden, ohne selbst in der Sache zu entscheiden. Der Vater des freigesprochenen Italieners meinte, der Gerichtshof werde ihnen das Urteil vom Montagabend bestätigen: Die Kassationsrichter würden ihnen dann „ein für alle Mal recht geben“. „Wir haben die Schlacht gewonnen, aber noch nicht den Krieg“, äußerte sich der Knox-Verteidiger Luciano Ghirga dagegen weit vorsichtiger.

Tränenüberströmt hatte Knox, wegen ihres Aussehens „Engel mit den Eisaugen“ genannt, den Freispruch entgegengenommen. Die Angeklagten hätten die Tat nicht begangen, erklärte das Gericht. Vor Mitternacht verließ die Studentin das Gefängnis von Perugia, in dem sie rund vier Jahre war. „Ich habe das Unerträgliche ertragen“, sagte sie nach Angaben von Corrado Maria Daclon, Generalsekretär einer amerikanisch-italienischen Stiftung, die sich in dem juristischen Tauziehen für Knox eingesetzt hatte. Sie wolle „einfach nur nach Hause, sich wieder mit ihrer Familie vereinen, ihr Leben wieder in Besitz nehmen und ihre Fröhlichkeit zurückgewinnen“, sagte Daclon.

„Viele haben meinen Schmerz geteilt und haben mir geholfen, hoffnungsvoll zu überleben“, heißt es in einem öffentlichen Brief der 24-Jährigen. „Ich werde immer dankbar sein: Allen, die mir geschrieben haben, allen, die mich verteidigt haben, allen, die für mich gebetet haben.“

Die Familie des Opfers reagierte dagegen geschockt auf das Urteil. Vater John Kercher sagte, es sei nicht zu verstehen: „Meredith’ Körper wies 47 Wunden auf, zwei Messer wurden benutzt. Eine einzige Person konnte das nicht anrichten.“ Und auch Lyle, der Bruder der Getöteten fragte: „Wer ist noch verantwortlich?“

Für Beihilfe an dem Mord während einer angeblichen Sex- und Drogenparty sitzt der in zweiter Instanz verurteilte Ivorer Rudy Guede im Gefängnis. Er war in einem Schnellverfahren verurteilt worden. Wem er geholfen hat, ist nach dem Urteil wieder völlig offen, die Suche nach Schuldigen müsste damit neu beginnen. Guedes Anwälte äußerten sich am Dienstag nicht zu dem Freispruch, könnten aber nach Medienberichten versuchen, einen Rekurs durchzubringen.

Seinen Anfang nahm der Fall im November 2007: Die britische Austauschstudentin Kercher wurde mit durchschnittener Kehle, vergewaltigt, halbnackt und von Messerstichen übersät in ihrer und Knox’ gemeinsamer Wohnung in Perugia gefunden. Nach Auffassung der ersten Instanz hatten Knox und Sollecito sie bei Sexspielen getötet.

Vor dem Gerichtssaal spielten sich nach dem Freispruch in Perugia tumultartige Szenen ab. Für das Urteil gab es Buh-Rufe und Jubel zugleich. Rund 400 Journalisten aus aller Welt waren angereist und hatten vor dem Gebäude ausgeharrt. Mehr als zehn Stunden berieten die zwei Richter und sechs Geschworenen, ehe sie das Urteil verkündeten.

Wegen Verleumdung des kongolesischen Barmannes Patrick Lumumba, den Knox kurz nach ihrer Festnahme zu Unrecht des Mordes beschuldigt hatte, bestätigte das Gericht das betreffende Urteil der ersten Instanz: Die Haftstrafe von drei Jahren hat die Amerikanerin aber bereits abgesessen. Eine Schadensersatzzahlung und die Erstattung der Gerichtskosten Lumumbas stehen jedoch noch aus.

dpa

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