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Mafia-Killer von Duisburg wird zu lebenslanger Haft verurteilt

Mafia-Killer von Duisburg wird zu lebenslanger Haft verurteilt

Vor dem Blutbad von Duisburg am Himmelfahrtstag 2007 galt Deutschland eher nicht als Schauplatz für Mafiamorde. Die sechs auf offener Straße Erschossenen vor der Pizzeria „Da Bruno“ änderten dies schlagartig.

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Knapp vier Jahre nach dem sechsfachen Mafiamord von Duisburg ist der als Drahtzieher und Schütze angeklagte Giovanni Strangio zu einer lebenslangen Haft verurteilt worden.

Quelle: dpa

Locri/Duisburg. Die Verurteilung von Giovanni Strangio (32) am Dienstag im kalabrischen Seebad Locri in Süditalien ist das Ergebnis einer jahrelangen Jagd der Ermittler auf internationaler Ebene. Gefängnis auf Lebenszeit lautete das Verdikt der Richter: Strangio wurde für schuldig befunden, der Drahtzieher und einer der Mörder zu sein. Zwei mutmaßliche Mittäter warten noch auf ihre Prozesse.

„Wir haben sehr eng und vertrauensvoll mit der italienischen Polizei zusammengearbeitet und deshalb ist dies auch ein großer Erfolg der internationalen Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der italienischen organisierten Kriminalität“, sagt Kriminaldirektor Holger Haufmann über die deutsch-italienische Zusammenarbeit am Dienstag in Duisburg. Die akribische Kleinarbeit der seinerzeit über 100 Mitglieder starken Duisburger Mordkommission habe wesentlich zur Überführung des nun Verurteilten beigetragen.

Dass in Deutschland mit so viel Druck gefahndet wurde und am Ende nun auch eine Verurteilung für die Duisburger Tat steht, könne das Land sicherer machen, hofft nicht nur der zuständige Duisburger Kriminalhauptkommissar Friedrich Siepmann. Der Schaden für die Mafia durch die Verlegung ihres Clankrieges nach Deutschland sei riesig gewesen, so Siepmann. „Das werden sie wohl so schnell nicht wieder machen.“

„Mit dem heutigen Urteil haben wir einen Schlusspunkt in der Blutfehde von San Luca gesetzt“, kommentierte Nicola Gratteri, Staatsanwalt von Reggio Calabria, den Richterspruch. Doch die Tat von Duisburg habe gezeigt, „dass die ’Ndrangheta inzwischen über die Grenzen Kalabriens und Italiens hinaus auch im Ausland präsent ist“. Die „Blutfehde von San Luca“, ein seit Jahren andauernder Streit zwischen zwei Mafia-Clans, gilt als Hintergrund des blutigen 15. August 2007.

Damals lauerten zwei Schützen vor der Duisburger Pizzeria - direkt hinter dem Hauptbahnhof der Industriestadt - in einem Renault Clio. Ihre Schnellfeuerpistolen Beretta 93-R waren mit Großraummagazinen aufgerüstet. Ein Mittäter soll sie unterstützt haben, vermutet die Polizei. Alle stammten aus einem Clan der kalabrischen ’Ndrangheta, der inzwischen mächtigsten italienischen Mafiaorganisation. Die sechs Männer zwischen 16 und 39 drinnen im Lokal gehörten zu der konkurrierenden Mafia-Familie. Beide Clans waren spätestens seit dem Mordanschlag 2006 auf Maria Strangio - die Cousine von Giovanni Strangio - in einen blutigen Familienkrieg verstrickt.

Es regnete. Um 02.10 Uhr verließen die Opfer das Lokal, die Täter ließen sie noch in ihre beiden Wagen einsteigen, dann durchsiebten sie den VW Golf und Opel Kastenwagen mit Schnellfeuer aus ihren automatischen Waffen. Keiner der sechs Insassen hatte eine Chance.

Mit der zunächst erfolgreichen Flucht der Mörder begann ein Puzzlespiel für die Fahnder. Es zeigte sich schnell, wie sehr auch international das organisierte Verbrechen verflochten ist. Der schwarze Fluchtwagen, den die Polizei auf einer Überwachungskamera entdeckt hatte, wurde in Gent in Belgien gefunden - professionell von Spuren gesäubert. DNA- und Schmauchspuren am Steuer wiesen zwar auf Giovanni Strangio hin, der dringend Verdächtige blieb aber verschwunden - bis die Fahnder sich an die Fersen seiner Schwestern und seiner Frau hefteten.

Die Spur führte nach Amsterdam. Dort nahmen die Beamten zunächst im November 2008 einen Schwager Strangios fest, den seit Jahren gesuchten Mafia-Boss Giuseppe Nirta. Er soll an der Tat beteiligt gewesen sein oder sie unterstützt haben. Als niederländische SEK-Beamte im März 2009 schließlich auch Strangio selbst festsetzten, trauten die Fahnder ihren Augen nicht: Strangio hatte sich die Haare lang wachsen und blondieren lassen. Außerdem trug er zur Tarnung stets eine Baseballkappe. „So hätten wir ihn nie erkannt“, sagt ein Duisburger Polizist.

Im Duisburger Präsidium wurde inzwischen längst Italienisch gesprochen: Mafia-Bekämpfer aus Kalabrien reisten immer wieder ins Ruhrgebiet und später - mit Beginn des Prozesses - Abordnungen von bis zu 20 deutschen Fahndern nach Kalabrien. So setzten die Ermittler auch noch den dritten Tatverdächtigen fest, Sebastiano Nirta, der ebenfalls DNA-Spuren im Fluchtauto hinterlassen hatte.

„Ein Sieg für alle, die sich gegen die Mafia engagieren“ begrüßte die Abgeordnete Laura Garavini von der Anti-Mafia-Kommission des Parlaments in Rom das Urteil. Für sie bleibt allerdings noch viel zu tun: Besonders die italienische Regierung müsse schnellstens die europäische Norm ratifizieren, wonach in Europa Besitztümer von Mafiosi grenzüberschreitend beschlagnahmt werden können. In diesem Fall wären etwa Besitztümer von Strangio in Deutschland auf der Basis des Urteils in Italien davon betroffen.

Hanns-Jochen Kaffsack und Rolf Schraa, dpa

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