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Prozess um Ex-Terroristen: Schlusswort „Carlos" - Konfuser Auftritt eines Terror-Söldners

Prozess um Ex-Terroristen: Schlusswort „Carlos" - Konfuser Auftritt eines Terror-Söldners

Grauer Rollkragenpulli, Winterjacke, Jeans und Notizblock: Der einst meistgesuchte Terrorist der Welt hatte am Donnerstag im Pariser Justizpalast seinen großen Auftritt.

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Bei einem Bombenanschlag auf einen Zug am 29.03.1982 in Höhe von Ambazac nahe Limoges wurden fünf Menschen getötet und mindestens 38 verletzt. Drahtzieher des Anschlags soll der Topterrorist "Carlos" gewesen sien.

Quelle: dpa

Paris. „Carlos" zelebrierte seine Schlussrede Stunden vor der Urteilsverkündung im spektakulären Terrorismusprozess um eine knapp drei Jahrzehnte zurückliegende Attentatsserie in Frankreich.

Theatralisch gestikulierend, aber mit nur schwer verständlichem Akzent präsentierte sich der Venezolaner auf Französisch noch einmal als der Mann, der sich selbst zum Prozessauftakt vor sechs Wochen als Berufsrevolutionär bezeichnet hatte. „Ich bin nicht für das verantwortlich, was man mir vorwirft", betonte er diesmal jedoch.

Als megalomanischen, eiskalten Killer hatte ihn ein einstiger Weggefährte in dem Verfahren bezeichnet, als selbstverliebten und größenwahnsinnigen Söldner des Terrors. Carlos - mit bürgerlichem Namen Ilich Ramirez Sanchez - bemühte sich am Donnerstagabend jedoch, noch einmal den erfolgreichen Widerstandskämpfer zu geben.

Vom palästinensischen Kampf sei er überzeugt gewesen, ihm habe er sich verschrieben: „Wir hatten tonnenweise Waffenmaterial, wir hatten überall Waffen, auch im Quartier Latin." Eine direkte Antwort auf die Frage, ob er die ihm zur Last gelegten Anschläge zu verantworten habe, vermied er jedoch. Das sei auch nicht das Material gewesen, das bei den Anschlägen 1982/1983 eingesetzt worden sei.

Der Ex-Terrorist zeigte sich zu Prozessende fahrig und vergesslich. Immer wieder musste er seine Anwälte bitten, ihm mit Namen oder Stichwörtern auszuhelfen. Zudem präsentierte er sich als Opfer: „Es gibt hunderte von Kameraden, die der französischen Polizei bekannt sind, doch keiner wurde festgenommen und ist hinter Gittern." Er selbst sitze wegen einer verjährten Tat illegal in Haft. „Ich bin ein lebender Märtyrer", behauptete der ergraute einstige Staatsfeind Nummer eins vor einem nicht mal ganz gefüllten Zuschauer-Saal.

Seit rund 17 Jahren sitzt der Anwaltssohn im Gefängnis - er wurde 1994 von Agenten aus dem Sudan nach Paris verschleppt und dort drei Jahre später wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Diesmal stand er erstmals wegen Terrorismus vor Gericht - es ging um vier Anschläge in Frankreich aus den Jahren 1982/1983 mit elf Toten und 150 Verletzten. Carlos wird Mittäterschaft zur Last gelegt: Er soll versucht haben, die Freilassung zweier Weggefährten zu erzwingen.

Die letzte große Rede des Angeklagten in seiner verglasten Box wirkte auf Prozessbeobachter eher konfus. Er sprach zusammenhanglos, sprang in seinem Diskurs von einem Thema zum anderen. Selbst die Anwälte wirkten gelangweilt. Immer wieder verschob Carlos bei seinem wilden Gestikulieren das Mikrofon. Einige Zuschauer verließen schon nach einer Viertelstunde den Saal, andere blätterten in Unterlagen. Der Angeklagte war schwer zu verstehen - in vielfacher Hinsicht. Er glaube an Gott und die islamische Enthüllung, sei aber Kommunist, betonte er.

Dann unvermittelt, nach einem Blättern in seinem Notizbuch: Seine in Berliner Haft einsitzende einstige rechte Hand Johannes Weinrich sei unschuldig. Mit Blick auf ihn belastende Stasi-Unterlagen - sie spielten eine zentrale Rolle - mokierte er sich: „Das sind Sachen, die Ostdeutschland betreffen, aber deswegen bin ich nicht hier."

Seine Anwältin Isabelle Coutant-Peyre hatte zuvor vor allem rechtliche Bedenken gegen Akten aus Beständen von Ostblock-Geheimdiensten geäußert. Mangels Originalen habe man mit fotokopierten Dokumenten versucht, ein Monstrum aus einem Revolutionär zu machen, betonte Coutant-Peyre. Sie hatte den einstigen Top-Terroristen 2001 in einer islamischen Zeremonie ohne Rechtskraft „geheiratet".

Sabine Glaubitz und Ralf E. Krüger, dpa

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