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Trio außer Kontrolle tritt Mann fast tot - Opfer geht kaum noch aus

Trio außer Kontrolle tritt Mann fast tot - Opfer geht kaum noch aus

Was wie eine gewöhnliche Heimfahrt mit dem Nachtbus begann, endete für Martin H. Anfang November 2010 in der Bewusstlosigkeit. Ein halbes Jahr und viele Reha-Maßnahmen später kann er sich noch nicht wieder daran erinnern, was damals am Rande des Problembezirks Kinderhaus in Münster geschah.

Münster. Als er im Bus zwischen zwei Jugendlichen saß, entfachte ein Streit, der Martin H. die schlimmste Nacht seines Lebens bescheren sollte. „Mach dich nicht so breit, Pisser“, soll der heute 31-Jährige zu dem 17-jährigen Karolis S. gesagt haben. So geben es die drei Beschuldigten in dem Prozess zu Protokoll, der am Donnerstag in Münster begonnen hat.

Obwohl zwei der drei Jungen auf der Anklagebank noch minderjährig sind, findet das Verfahren wegen versuchten Mordes öffentlich statt. Die 16, 17 und 19 Jahre alten Teenager sollen aus der harmlosen Auseinandersetzung im Bus heraus geplant haben, Martin H. „abzuziehen“. Als er ausstieg, begann eine Verfolgungsjagd und Schlägerei, die hinter einer Musikschule in einem kleinen Gewerbegebiet endete. Es regnete und war stockfinster.

Als Martin H. schließlich blutend und bewusstlos am Boden lag, habe Karolis S. noch auf ihn eingetreten, gibt der 17-Jährige in Münster zu: „Ich konnte mich nicht kontrollieren.“ Wenn er betrunken in eine Schlägerei gerate, werde er „sehr schnell aggressiv“. Stunden vor der Attacke hatte er sich eine Flasche Wodka und ein paar Bier mit seinem Freund Andreas S. (16) geteilt. Von den 80 Euro, die die Jungen dem 30-Jährigen abnahmen, kauften sie später noch mehr Bier.

Martin H. war wehrlos gegen den 100-Kilogramm-Typ Karolis S., der früher in seiner Freizeit geboxt hat. Der Fremde habe geröchelt, die Beine bewegt, sagt Karolis S. vor Gericht. Nur, weil ihn Passanten Minuten nach der Prügelei fanden, überlebte Martin H. Die Diagnose:

schwerste Kopfverletzungen, Nasenbein- und Kieferfraktur, Hirnblutungen. Martin H. lag tagelang im Koma.

Jugendliche prügeln nahe einer Bushaltestelle aus nichtigen Gründen auf einen Fremden ein, treten dem Unterlegenen gegen den Kopf, bis er sich nicht mehr regt. Die Szene ruft Bilder von anderen Übergriffen an U-Bahn- und Bus-Stationen im Land ins Gedächtnis. Erst im April hat ein 18-Jähriger in einem Berliner U-Bahnhof auf den Kopf eines Mannes eingetreten. Im März haben Unbekannte einen 23-Jährigen an einer Haltestelle in Berlin krankenhausreif geschlagen. Meist rasteten die Täter aus, weil die späteren Opfer ihnen eine Zigarette oder etwas Kleingeld verweigerten.

Was Jugendliche zu solchen Gewaltausbrüchen veranlasst, wird nach Vorfällen wie denen in Berlin, München oder Münster viel diskutiert. Den Opfern schlägt nach den Attacken dagegen häufig Desinteresse entgegen. Martin H. macht nach Monaten im Krankenhaus und einer Reha-Klinik wieder erste Schritte in seinem Beruf als Großhandelskaufmann. Aber der Mann mit der kahlen Stelle am Kopf, die seine Platzwunde hinterlassen hat, ist unsicherer als früher. „Ich gehe jetzt abends nicht mehr so lange weg“, sagt er. Die Entschuldigungen der drei Jungen im Gerichtssaal nimmt er mit gesenktem Kopf entgegen. „Ich weiß nicht, wie ernst das gemeint ist.“

Auf die, mit denen Martin H. in der trüben Novembernacht im Bus N81 aufeinandertraf, warten im härtesten Fall zehn Jahre Haft nach Jugendstrafrecht. Nach der Verhandlung am Donnerstag geht es für die drei Jungen bis zum nächsten Termin zurück in die U-Haft. Unter Tränen verabschiedet sich der 16-jährige Andreas S. von seiner Mutter, eine kleine Frau mit dunklem Zopf. Die beiden liegen sich noch minutenlang in den Armen.

Julia Wäschenbach, dpa

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