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Verkehrsminister Dobrindt: Dritte Blackbox aus Unglückszug noch nicht geborgen

Bad Aibling Verkehrsminister Dobrindt: Dritte Blackbox aus Unglückszug noch nicht geborgen

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) rechnet damit, dass die dritte sogenannte Blackbox aus den bei Bad Aibling verunglückten Zügen noch am Mittwochnachmittag geborgen werden könnte. Ohne eine Analyse der Daten sei eine Klärung des Hergangs schwierig.

Nach dem Zugunglück bei Bad Aibling gehen am Mittwoch die Bergungsarbeiten weiter.

Quelle: dpa

Bad Aibling. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) rechnet damit, dass die dritte sogenannte Blackbox aus den bei Bad Aibling verunglückten Zügen noch am Mittwoch geborgen werden könnte. Ohne eine Analyse der Daten dieses Fahrtenschreibers, der ähnlich wie in Flugzeugen Informationen über das Fahrzeug sammelt, sei eine Klärung des Hergangs schwierig. Zwei dieser Boxen seien bereits geborgen worden. Nach der bisherigen Auswertung gebe es keine Hinweise auf einen technischen Fehler oder Fehler bei der Signalbedienung durch einen der Lokführer, sagte Dobrindt am Mittwoch in Bad Aibling im Sender n-tv vor einer Pressekonferenz. „Das sagt aber noch nichts darüber aus, was am Ende der Untersuchung stehen wird“, sagte Dobrindt. Bisher sei die Ursache noch unklar.

"Es wird niemand mehr vermisst"

Nach dem schweren Zugunglück in Oberbayern mit zehn Toten am Dienstag rechnet die Polizei nach neuesten Erkenntnissen nicht mit weiteren Todesopfern. „Es wird niemand mehr vermisst“, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd am Mittwochvormittag. Nachdem alle Personalien abgeglichen worden seien, dürfte sich kein Opfer mehr in den beiden Zügen befinden. „Es wird keine elfte Leiche geben.“ Der Sprecher war zudem optimistisch, dass alle Verletzten überleben werden. „Wir dürfen optimistisch sein.“ Die Einsatzzentrale hatte am Morgen berichtet, dass die sterblichen Überreste des Vermissten gefunden worden seien. Dies wurde später dementiert.

Ein behandelnder Arzt hat sich über die Art der Verletzungen der Opfer geäußert. „Es war das ganze Spektrum vorhanden, Knochenbrüche, innere Verletzungen, alles.“ Auch schwere Schädel-Hirn-Traumata seien bei solch schweren Unfällen üblich. Mit Rücksicht auf den Schutz der Betroffenen wollte sich das Krankenhaus Agatharied in Hausham am Mittwoch nicht konkret zu den Verletzungen der bei ihnen behandelten Patienten äußern. Generell gelte mit Blick auf die Dauer des Krankenhausaufenthaltes bei vergleichbaren Verletzungen: „Zwei Wochen aufwärts, da ist aber keine Grenze gesetzt - je nach Verlauf.“

Die Bergungsarbeiten waren in der Nacht unterbrochen worden. Ein erster Spezialkran der Deutschen Bahn sei am Mittwochvormittag am Unfallort eingetroffen, wie das Unternehmen mitteilte. Der Kran aus Fulda habe eine Tragkraft von 160 Tonnen. Zudem gehörten fünf Module inklusive Werkstatt und Aufenthaltsmöglichkeiten für die Einsatzkräfte zu dem Gerät. Ein weiterer Kran aus Leipzig mit einer Tragkraft von 75 Tonnen steht auf Abruf bereit. Nach Einschätzung der Rettungskräfte wird die Bergung noch etwa zwei Tage dauern.

Bahnchef Rüdiger Grube reist am Mittwoch nach Bad Aiblingen und will sich gemeinsam mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) ein Bild von der Lage machen, teilte die Deutsche Bahn mit. Die eingleisige Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim ist weiterhin gesperrt.

Bei dem Unglück waren am Dienstagmorgen zwei Züge frontal zusammengestoßen. Neben den zehn Toten gab es etwa 80 Verletzte. Es war das schlimmste Zugunglück in Bayern seit mehr als 40 Jahren.

Dienstagfrüh, gegen 6.45 Uhr. In voller Fahrt rasen zwei Regionalzüge im oberbayerischen Bad Aibling direkt aufeinander zu. Die Züge knallen frontal zusammen. Ein Triebwagen wird aus dem Gleis geworfen, der entgegenkommende bohrt sich in einen Waggon des anderen Zuges, schlitzt ihn auf. Ein Zugteil hat sich zur Seite geneigt, Blechteile ragen in die Höhe. Für zehn Menschen gibt es keine Rettung. Sie können nur noch tot aus den Wracks geborgen werden. Eine Person erliegt im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Es ist eines der bundesweit schwersten Zugunglücke der vergangenen Jahre. Und es hat Folgen: Erstmals seit Menschengedenken fällt der Politische Aschermittwoch in Bayern wegen der Katastrophe aus.

Das Ringen um das Leben der Verletzten

Als die ersten Helfer an der Unglücksstelle eintreffen, wartet eine Herkulesaufgabe auf sie. Rund 80 Insassen sind verletzt, fast 20 von ihnen schwer. Die Unfallstelle nahe einem Klärwerk ist nur schwer zugänglich: Auf der einen Seite ist ein Berghang, auf der anderen liegt der Mangfallkanal. Die Rettungsfahrzeuge kommen nur auf einem schmalen Weg zum Unfallort. Deshalb fliegen Hubschrauber die Verletzten aus. Am schwierigsten gestaltet sich die Bergung der Schwerverletzten aus den vorderen Zugteilen. Teilweise muss schweres Gerät eingesetzt werden.

Der Leitende Notarzt Michael Riffelmacher schildert, dass der Zusammenstoß der beiden Züge enorme Kräfte freigesetzt habe. Dadurch sei es zu extremen Verformungen in den Waggons gekommen. „Ich will Ihnen Einzelheiten ersparen“, sagt Riffelmacher, doch von einem Schwerverletzten seien für die Retter zunächst lediglich Gesicht und eine Hand zugänglich gewesen. Feuerwehrmänner befreien die teils eingeklemmten Opfer in einem mehrstündigen dramatischen Rettungseinsatz. Behutsam beugen sich Notärzte und Sanitäter auch noch mittags über ein Loch an einer der Lokomotiven, arbeiten sich zu einem der Opfer vor. Dass sie eine Decke darüberbreiten, lässt Schlimmes ahnen.

In Bad Aibling bei München hat sich ein schweres Zugunglück mit mindestens vier Toten ereignet.

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An der Unfallstelle herrscht fast andächtige Stille, die nur vom Lärm der Rotorblätter der Hubschrauber unterbrochen wird. Feuerwehrmänner stehen in Zweierreihen auf dem Damm des Mangfallkanals und warten auf ihren Einsatz. Vor ihnen stehen Kisten mit medizinischem Gerät. Die Schwerverletzten werden direkt in umliegende Kliniken geflogen, die Leichtverletzten zu einer Sammelstelle gebracht, wo sie mit Rettungswagen in die Krankenhäuser gefahren werden. Etliche Verletzte werden in Rettungsbooten auf die andere Seite des Mangfallkanals gebracht und von dort weitertransportiert.

Die Toten werden derweil in Metallsärgen zu eigens hergebrachten kleinen Schienenwagen auf dem Gleis gebracht. Christian Schreyer von der Transdev, die den Meridian auf der Nahverkehrsstrecke betreibt, muss am Mittag mitteilen, dass auch die beiden Lokführer unter den Toten sind. Am Mittwoch soll damit begonnen werden, die Zugwracks mit schwerem Gerät zu entfernen.

Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung

Die verhängnisvolle Fehlentscheidung eines Fahrdienstleiters im Stellwerk von Bad Aibling ist offenbar der Grund für das Zugunglück mit mindestens zehn Toten. Entsprechende Informationen liegen dem RedaktionsNetzwerks Deutschland, dem auch die LVZ angehört, aus Ermittlerkreisen vor. Danach hat ein Bahnbediensteter das automatische Signalsystem ausnahmsweise außer Kraft gesetzt, um einen verspäteten Triebwagen noch „quasi von Hand durchzuwinken“. Der Triebwagen hätte, um dem entgegenkommenden Zug auszuweichen, rechtzeitig einen sogenannten Begegnungspunkt erreichen müssen: Dort ist die ansonsten eingleisige Strecke zweigleisig ausgebaut. Doch der Triebwagen schaffte es nicht rechtzeitig bis zu diesem Punkt. Dennoch bekam der entgegenkommende Zug grünes Licht. „Der fuhr auf Ersatzsignal“, formulierte es ein Ermittler. Das bedeute: Auf Weisung aus dem Stellwerk habe der Lokführer weiter fahren dürfen, obwohl das reguläre Signalsystem auf Rot stand. Nichtsahnend sei der Lokführer dann aus dem zwei- wieder in den eingleisigen Streckenabschnitt gefahren – und geradewegs in die Katastrophe gesteuert.

Sowohl Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) als auch Klaus-Dieter Josel von der Deutschen Bahn (DB) versichern am Dienstag, dass auf der Strecke das seit 2011 bundesweit installierte sogenannte Punktförmige Zugbeeinflussungssystem PZB 90 angebracht sei. Dieses soll verhindern, dass zwei Züge zusammenstoßen. Laut Josel waren erst vergangene Woche alle signaltechnischen Anlagen auf der Strecke überprüft worden. Es habe keine Beanstandungen gegeben. Bis die Bahnlinie wieder freigegeben wird, werden Tage vergehen. „Die Bergung wird schwierig, weil die Triebköpfe ineinander verkeilt sind“, erläutert Josel.

Eine detaillierte Übersicht zum Unfallgeschehen finden Sie in unserem Ticker

Zwar spricht Dobrindt von einem der bundesweit schwersten Zugunglücke der vergangenen Jahre: „Es ist eine schwere Stunde in der Geschichte des Zugverkehrs in Deutschland.“ Die CSU sagt „aus Respekt vor den Opfern“ ihren traditionellen Politischen Aschermittwoch ab. Die anderen Parteien folgen ihr. Aber trotz der Toten und vielen Verletzten sendet Polizeipräsident Robert Kopp ein tröstliches Signal aus. In Bayern ist in dieser Woche schulfrei. „Insofern war es ein Glücksfall, dass Faschingsferien sind“, sagt Kopp, „sonst wären wesentlich mehr Fahrgäste in den Zügen gesessen“.

Paul Winterer/LVZ

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