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„Wie im Horrorfilm“ - Busunglück mit 28 Toten in der Schweiz traumatisiert viele

„Wie im Horrorfilm“ - Busunglück mit 28 Toten in der Schweiz traumatisiert viele

Siders. Mit zitternden Fingern wählt Marielle die Notrufnummer 144. Gerade ist sie durch den Siders-Tunnel auf der Autobahn A9 gefahren und hat die Hölle gesehen: einen zerstörten Bus mit Kindern, offenbar eben erst mit voller Wucht gegen eine Wand geprallt, qualmend noch.

Aus ihrem Auto sieht sie blutüberströmte Mädchen und Jungen. Sie sieht Kinder, die verzweifelt gestikulieren, nach Hilfe rufen. „Da war noch niemand, keine Polizei, keine Feuerwehr“, berichtet die Walliserin Reportern der Lokalzeitung „Le Nouvelliste“. „Ich konnte doch nichts tun, außer gleich den Notdienst anzurufen.“

Die Frau, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen will, steht Stunden später noch unter Schock. In dem Tunnel, den sie auf dem Weg zur Nachtschicht durchfuhr, sind 28 Menschen getötet worden - 22 von ihnen Kinder im Alter von etwa zwölf Jahren, die meisten aus Belgien, einige wohl auch aus Holland. Was sie gesehen habe, sagt Marielle, seien Bilder - „wie aus einem Horrorfilm“ gewesen, „völlig unfassbar“.

Das Wort hört man an diesem Tag immer wieder. Auch vom belgischen Ministerpräsidenten Elio Di Rupo. Er ist aus Brüssel gekommen, um sich am Ort des Schreckens vor den Toten zu verneigen. Während Di Rupo auf einer Pressekonferenz im Wallis-Hauptort Sitten spricht, identifizieren angereiste Eltern die Leichen ihrer Kinder. Andere besuchen ihre verletzten Töchter oder Söhne in Krankenhäusern.

Warum das Unglück wirklich geschehen ist, weiß Mittwochabend noch niemand. Technisches Versagen werde nicht ausgeschlossen, sagt die Polizei bei einer Pressekonferenz mit Di Rupo. Menschliches auch nicht. Ein Herzinfarkt des Fahrers? Ja, auch das sei möglich. Aber man wisse es eben noch nicht. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir das erst noch genau ermitteln müssen.“

Unfassbar bleibt daher wohl noch länger das am meisten benutzte Wort, wenn es um das Drama im Siders-Tunnel geht. Man hört es immer wieder in Sitten, in Siders und überall in den Ferienorten des Val d’Anniviers, dieser so paradiesischen Landschaft. Schweizer mögen für ihre sachliche, unaufgeregte Art bekannt sein. Doch hier und heute ist jeder betroffen und voller Mitleid.

Menschen haben Tränen in den Augen, als sie auf Tablet-PCs, Smartphones oder TV-Monitoren an Bahnhöfen lesen, was die meist 12-jährigen Mädchen und Jungen aus der Grundschule ’Stekske im belgischen Lommel in ihrem Internet-Tagebuch notierten: Wie toll der Luxus-Bus der Firma „Top Tours“ sei. Wie schön, dass es endlich losgehe, ab in die schneebedeckten Berge, wie es sie nirgendwo in Belgien gibt. „Tuuut klang es und weg waren wir!“

Traumhafte Erlebnisse beim Wintersport zwischendurch, so mancher Daheimgebliebene ist neidisch. Dann der letzte, ein wenig betrübt anmutende Eintrag vom 13. März: „Kaffee und Duschen (wenn noch Zeit ist?) Aushändigung Skizeugnisse, Verladen des Gepäcks, Abendessen und Einpacken des Lunchpakets, Abreise nach Belgien“.

Nur rund 30 Minuten liegen zwischen der Abfahrt vom Hotel „Du Cervin“ im malerischen Bergferienort Saint-Luc und dem A9-Tunnel bei Siders, zwischen Leben und Tod für 22 Mädchen und Jungen, zwei Busfahrer und vier erwachsene Betreuer.

Minuten nach dem Aufprall im Tunnel klingeln überall in der Region Notruftelefone. In kürzester Zeit sind 200 Helfer, viele von ihnen freiwillige Rettungssanitäter, am Unglücksort. Notrettungsaktionen in den Alpen sind sie gewohnt. Doch was sie im Tunnel erleben, schockt viele, wird sie womöglich noch nach Jahren immer wieder einholen. Retter berichten von eingeklemmten, schreienden, blutenden Mädchen und Jungen. Von entsetzten, verängstigten Kindern, die erlebt haben, wie Klassenkameraden starben.

„Das ist etwas ganz anderes, als Verschüttete nach einer Lawine aus dem Schnee zu schaufeln“, sagt einer. „Das geht dir viel, viel näher.“ Der Schock sei enorm, sagt Einsatzleiter Christian Varone. „Wir haben hier im Wallis schon so manches Unglück erlebt, aber das jetzt, es war wie Krieg“, sagt der Kommandant der Walliser Kantonspolizei.

Etwa um 21.15 Uhr prallte der Bus - „ungebremst“, wie immer wieder zu hören ist - auf die Tunnelwand. Um 21.59 Uhr geht bei den Rettungsfliegern von Air Zermatt der Alarm an. Wenig später sind die Hubschrauber in der Luft. Die Piloten warten vor dem Tunnel, Feuerwehrleute und Sanitäter bringen immer wieder verletzte Kinder zu den Helikoptern, die sie - so rasch es geht - in Krankenhäuser der Umgebung fliegen.

„Die Art der Verletzung und die Tatsache, dass so viele Kinder unter den Opfern sind, lässt erahnen, was für ein unvorstellbar schreckliches Bild sich den Feuerwehrleuten, die vorne beim Bus im Einsatz standen, geboten haben muss“, sagt Gerold Biner von der Air Zermatt später dem Schweizer Nachrichtenportal „20 Minuten Online“.

Biner selbst wirkt mitgenommen, ja erschüttert. An Bord eines der Hubschrauber sei ein Mädchen seinen Verletzungen erlegen. Nach zehn Minuten Flugzeit habe ihm der Arzt an Bord resigniert mitgeteilt, die junge Patientin sei verstorben.

Solche Erlebnisse seien traumatisch für alle, sagt der Nothilfe-Psychiater Rafael Romano. Sehr viele Menschen bräuchten jetzt Beistand. Man müsse „einfach bei ihnen sein und versuchen, ihre Fragen so offen und genau wie möglich zu beantworten“. Aber man müsse sie zugleich ihren Schmerz zeigen lassen. Das schöne Tal von Anniviers, es ist an diesem Tag im wahrsten Sinne des Wortes ein Tal der Tränen.

Thomas Burmeister, dpa

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