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Wirtschaft „Das Amt will meinen Diesel stilllegen“
Nachrichten Wirtschaft „Das Amt will meinen Diesel stilllegen“
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08:32 13.07.2018
Audi-Fahrer Sebastian Stengel mit seinen Anwältinnen Desanka Žugić (l.) und Janine Kaepernick-Ziegler in Berlin. Quelle: Julian Stähle
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Berlin

Große Enttäuschungen kommen manchmal im bürokratischen Gewand daher: „Der Betrieb des Fahrzeuges im öffentlichen Verkehr wird mit sofortiger Wirkung (…) untersagt“, schrieb am 30. März ein Sachbearbeiter der Zulassungsstelle des Landkreises Teltow-Fläming in Brandenburg. Sebastian Stengel, 29, hat diesen Satz immer im Kopf, bevor er in seinen Audi A6 steigt. „Ich gehe ums Auto und freue mich, wenn ich sehe: Die Plakette ist noch dran – juhu, ich kann noch fahren!“

Post vom Gericht

Stengel ist der erste Brandenburger, dessen Dieselfahrzeug jetzt auch per Gerichtsbeschluss offiziell stillgelegt werden soll – als Folge der Dieselaffäre. Der Grund: Der junge Mann aus Blankenfelde-Mahlow an der Stadtgrenze Berlins weigert sich, seinen Kombi mit einem vom Hersteller angebotenen Software-Update nachrüsten zu lassen. Diese Umprogrammierung der Motor-Elektronik würde den Schadstoffausstoß nach Angaben des Herstellers verringern – und damit die Schummel-Einstellung, die Anlass für den ganzen Dieselskandal ist, rückgängig machen. Wer den Eingriff zulässt, behält seine Betriebserlaubnis. Tausende VW-Kunden haben das für den Fahrzeughalter kostenlose Update mittlerweile in Anspruch genommen.

Aber viele Kunden von Volkswagen und Volkswagen-Tochterunternehmen wie Audi, Porsche, Škoda und Seat haben ein mulmiges Gefühl angesichts der unklaren Langzeitfolgen dieser behördlich angewiesenen Fummelei am Hirn des Motors. Und es gibt eine harte Fraktion der Verweigerer. Das sind laut Kraftfahrtbundesamt 15.000 Dieselfahrer bundesweit, was 0,6 Prozent der 2,46 Millionen umrüstungspflichtigen Dieselfahrer entspricht. Laut Brandenburger Umweltministerium hatten neun Zulassungsbezirke gestern 97 Verfahren gegen Verweigerer gemeldet. In 20 Fällen hatten die Angemahnten schnell nachgerüstet.

Stengel befürchtet „zehn Prozent weniger Leistung“

Sebastian Stengel gehört zu den VW-Kunden, die es im Streit mit dem Unternehmen drauf ankommen lassen. „Warum soll ich umrüsten, nur damit der Staat Ruhe gibt? Meine Eltern haben ein ähnliches Fahrzeug. Nach dem Software-Update hat es, wie ihnen der TÜV mitteilte, etwa zehn Prozent weniger Leistung.“ Bei 177 PS Motorleistung für ein 5-Meter-Auto würden knapp 18 PS Leistungsverlust durchaus einen Unterschied machen, sagt Stengel.

Die Dieselkrise hat drastische Folgen: Dieser etwa zehn Jahre alte Audi steht auf einem Schrottplatz in Ost-Brandenburg und wartet auf die Schrottpresse. Er wurde im Rahmen eines Prämienprogramms bei einem Händler abgegeben und muss jetzt vernichtet werden. Quelle: Julian Stähle

Weil sich Stengel der Umrüstung verweigert, bekam er nun Post vom Amt. „Ich soll zur Zulassungsstelle und müsste alle Nummernschilder mitbringen. Die TÜV-Plaketten würden abgekratzt, meine Zulassungsbescheinigung würde abgestempelt, der Fahrzeugbrief auch.“ Natürlich dürfte er auch nicht mit seinem Auto zum Amt fahren, denn es ist ja aus Sicht der Behörde stillgelegt. „Damit wäre mein Wagen vielleicht noch zum Bepflanzen im Garten geeignet“, sagt der Audi-Fahrer.

„Mein rollendes Wohnzimmer“

Der Vertriebsmitarbeiter einer deutschlandweit tätigen Reinigungsfirma hatte sich im Jahr 2014 – vor Bekanntwerden des Manipulationsskandals – bewusst für Turbodiesel entscheiden. „Ich bin täglich auf das Auto angewiesen, fahre 50.000 Kilometer im Jahr – das Auto ist mein zweites Wohnzimmer“, sagt Stengel. Deshalb habe er ein großes, bequemes, relativ sparsames und langlebiges Auto ausgewählt, auf dessen 2,40 Meter langer Ladefläche man bequem schlafen kann. „Ich habe Wechselsachen im Auto und im Handschuhfach eine Zahnbürste“, sagt Stengel.

Dunkle Wolken über einem Audi-Autohaus. Wegen des Skandals war sogar Audi-Chef Stadler festgenommen worden. Quelle: dpa

Stengel verklagt VW jetzt auf Rückzahlung des Kaufpreises – das sind etwa 26.000 Euro, weil es sich um einen Gebrauchtwagen handelt. Neupreis damals: 60.000 Euro. Heute bekäme Stengel nach eigenen Angaben nur noch 10.000 Euro für den mit Business-Paket ausgestatten Wagen (Euro-5-Norm). Das sind 6000 Euro weniger, als Gebrauchte des Typs wert waren, bevor sie das Skandal-Stigma traf.

Im Landkreis Teltow-Fläming laufen nach Angaben der Verwaltung derzeit 14 Stilllegungsverfahren. Was Hartleibigen wie Stengel droht, ist drastisch. Laut Kreissprecherin Heike Lehmann versuchen Vollzugsmitarbeiter auf der letzten Eskalationsstufe, „den Halter des Fahrzeuges zu erreichen und den Standort des Fahrzeuges festzustellen. Dies geschieht zu unterschiedlichen Tageszeiten, bis der Standort festgestellt wurde.“ Finden sie das Auto, werde das Kennzeichen „zwangsweise entstempelt“ – ein Grund, weshalb Sebastian Stengel seinen Audi nicht in Gänze für die MAZ fotografieren lassen will. Ein Versteckspiel.

Ein Volkswagen Tamaroc in der Werkstatt bei der Abgasprüfung. Quelle: dpa

Das Paradoxe an der Beziehung der Dieselskandal-Opfer zu ihren Fahrzeugen ist: Oft trägt sie Züge einer enttäuschten, aber noch nicht aufgekündigten Liebe. Allen Scherereien zum Trotz. „Ganz ehrlich: Ich würde mir immer wieder einen Audi kaufen“, sagt Sebastian Stengel. „Fahrverhalten und Fahrspaß sind trotzdem da.“ Schon als Kind habe er von einem Audi geträumt, sich nach der Lehre einen A4 geleistet. Diesen etwas kleineren Audi verkaufte Stengel später mit einem Tachostand von 380.000 Kilometern.

Anwälte halten Klageaussichten für gut

Und angesichts der Kreise, die der Skandal nun auch in anderen Konzernen zieht, ergänzt der Vielfahrer: „Soll ich zu BMW oder Mercedes gehen und in einem Jahr das gleiche erleben?“ „VW und Audi hat es nur hart getroffen. Andere tun es geschickter.“

Juristisch wehrt sich Stengel, der eine Rechtsschutzversicherung hat, gegen jede amtliche oder gerichtliche Anordnung. Die Berliner Rechtsanwältin Desanka Žugić von der Kanzlei ŽSKS, die Stengel vertritt, schätzt die Erfolgsaussichten als hoch ein. „Spätestens in der zweiten Instanz zahlt der Konzern. Volkswagen will keine Entscheidung von Oberlandesgerichten haben, die den Betroffenen Recht geben.“

Die Kosten für den Rechtsweg sind hoch

Von 150 Akten, die ihre Kanzlei und Partner bearbeiteten, seien mittlerweile rund zehn Prozent entschieden – bis auf eine alle im Sinne der Autofahrer. Die Anwältin rechnet mit einer anschwellenden Klagewelle. Denn auch die Besitzer von Autos mit Software-Update könnten gegen Volkswagen vorgehen: „Die Täuschung bei der Produktion des Autos und beim Erlass der Typengenehmigung fällt ja nicht weg, auch wenn die Besitzer nachgerüstet haben.“

Žugić weist aber auch auf die hohen finanziellen Belastungen eines Rechtsstreits hin. Die Prozesskostenrisiken bei einem Gang durch alle Instanzen lägen im ungünstigsten Fall bei 25.000 Euro. So viel etwa hatte Sebastian Stengel 2014 für seinen A6 gezahlt.

Von Ulrich Wangemann/MAZ/RND

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