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Nachrichten Wirtschaft Ermittlung gegen VW-Aufsichtsratschef Pötsch
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14:44 06.11.2016
Im Visier der Staatsanwaltschaft: Hans Dieter Pötsch. Quelle: dpa
Wolfsburg

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach Angaben des VW-Konzerns nun auch gegen Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch wegen des Verdachts der Marktmanipulation im Zusammenhang mit dem Abgasskandal. VW sei weiter der Auffassung, dass der Vorstand den Kapitalmarkt ordnungsgemäß informiert habe, teilte das Unternehmen am Sonntag mit. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Braunschweig wollte sich am Sonntag nicht dazu äußern.

Im Abgas-Skandal bei Volkswagen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen möglicher Marktmanipulation bereits gegen Ex-VW-Boss Martin Winterkorn und den amtierenden VW-Markenchef Herbert Diess. Gegen die Manager liegt ein Anfangsverdacht vor, die Finanzwelt zu spät über den aufgeflogenen Abgas-Skandal informiert und so wichtige Informationen für Anleger unterdrückt zu haben. Die VW-Aktie hatte nach Bekanntwerden der Manipulationsvorwürfe im vergangenen Jahr massiv an Wert verloren.

Pötsch will Ermittlungen in vollem Umfang unterstützen

Bei Pötsch beziehe sich das Ermittlungsverfahren auf die Zeit, als er Finanzvorstand des Konzerns war, hieß es bei VW. Pötsch und der Konzern wollten die Ermittler „in vollem Umfang unterstützen.“

Stolzes Mitglied der VW-Familie: Hans Dieter Pötsch (l.) im Gespräch mit Andreas Renschler (Mitglied des Vorstandes der Volkswagen AG, Geschäftsbereich Nutzfahrzeuge), Eckhard Scholz (Vorsitzender des Markenvorstands von VWN) und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Quelle: dpa

Auslöser des Ermittlungsverfahrens ist eine Strafanzeige der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Sie wacht über die Pflicht von börsennotierten Unternehmen, die Finanzwelt mit sogenannten Adhoc-Mitteilungen rechtzeitig über wichtige Themen zu informieren.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, Mitglied des VW-Aufsichtsrates, will sich aus Respekt vor den Ermittlungen inhaltlich nicht positionieren. Es sei Aufgabe der Gerichte, die strafrechtliche Relevanz zu bewerten. „Auch für Herrn Pötsch gilt die Unschuldsvermutung. Der endgültige Abschluss der Ermittlungen bleibt abzuwarten, vorschnelle Schlussfolgerungen verbieten sich“, ließ Weil verlautbaren.

Ankläger sehen genügend Anhaltspunkte

Die Staatsanwaltschaft sieht mit ihren Ermittlungen genügend Anhaltspunkte dafür, dass der Autobauer womöglich zu spät „über die zu erwartenden erheblichen finanziellen Verluste des Konzerns“ informiert haben könnte.

Der Anfangsverdacht der Marktmanipulation geht allerdings über den bloßen Zeitverzug hinaus: Laut Wertpapierhandelsgesetz ist eine Marktmanipulation unter anderem dann gegeben, wenn „unrichtige oder irreführende Angaben“ gemacht oder Umstände verschwiegen werden, die zum Beispiel den Kurs einer Aktie erheblich beeinflussen können. Wird die Öffentlichkeit also bewusst nicht informiert, kann laut Gesetz eine Marktmanipulation vorliegen. „Eine Marktmanipulation im Sinne dieser Strafnorm des Wertpapierhandelsgesetzes kann nur vorsätzlich begangen werden“, hatte Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe Mitte des Jahres betont.

Wer ist Hans Dieter Pötsch?

Als Finanzchef lieferte er jahrelang Rekordergebnisse ab und machte sich im Konzern viele Freunde. Seit 2003 gehört Hans Dieter Pötsch zur großen VW-Familie, zwölf Jahre als Finanzvorstand und seit Herbst vergangenen Jahres als Chef an der Spitze des Kontrollgremiums. Spätestens mit diesem Wechsel geriet der 65-Jährige in die Kritik.

Der Vorwurf steht im Raum, Volkswagen habe die Finanzmärkte im September 2015 zu spät über die Manipulation von elf Millionen Diesel-Fahrzeugen informiert. Und Pötsch war zu dieser Zeit Finanzchef. Jetzt rückt auch er in den Blickpunkt der Ermittler.

Sein Renommee als Kapitalmarkt- und Automobil-Kenner ist bei vielen Branchenexperten unbestritten. Kritiker sehen ihn aber als Fehlbesetzung bei der Aufklärung der Hintergründe der Diesel-Affäre, bei der ein kleines Computerprogramm die Stickoxidwerte auf den Prüfständen illegal nach unten korrigierte.

Trotzdem hat der Aufsichtsrat vergangenes Jahr nach langen Debatten Pötsch als Nachfolger für den einstigen Patriarchen Ferdinand Piëch an die Spitze des Gremiums gewählt. Nicht wenige Kontrolleure hatten dabei Bauchgrummeln.

Pötsch präsentierte sich umgehend als Aufklärer. „Alles kommt auf den Tisch, nichts wird unter den Teppich gekehrt“, lässt er sich kurz nach Amtsantritt zitieren. Und er sieht sich als Mittler: „Ich bin seit Monaten im Dialog mit Investoren. Ich versuche, ihre Anliegen und die Unternehmensinteressen zu Corporate-Governance-Aspekten übereinanderzulegen und Schnittmengen auszuloten.“

Von RND/dpa

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