Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Wirtschaft Leipziger Händlerin: „DaWanda-Aus ist eine Katastrophe.“
Nachrichten Wirtschaft Leipziger Händlerin: „DaWanda-Aus ist eine Katastrophe.“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 15.07.2018
Katharina Biehl aus Leipzig verkauft seit neun Jahren ihre selbstgenähte Klamotten im DaWanda-Onlineshop. Ende August ist damit Schluss. Quelle: André Kempner
Anzeige
Leipzig

Der Online-Marktplatz für Kreative muss sich neu orientieren: Katharina Biehl ist stinksauer. Vor einer Woche erfuhr die Leipziger Unternehmerin, die mit ihrem Ehemann Sascha das Modelabel „Fux and Friends“ betreibt, dass das Internet-Portal DaWanda seinen Marktplatz zum 30. August schließt. Ein Freund hatte sie angerufen, der die Nachricht in den Medien gehört hatte. „Anfänglich dachten wir, es wäre ein Witz. Am Abend flatterte das Kündigungsschreiben per E-Mail in unser Postfach“, berichtet die 31-Jährige.

Mode aus Connewitz

Das Familienunternehmen wurde 2009 gegründet und betreibt eine 50 Quadratmeter große Schneiderwerkstatt mit einer festangestellten und einer freien Mitarbeiterin in Connewitz. Begonnen hat alles damit, dass die junge Mutter nach der Geburt ihres Sohnes vor neun Jahren keine schönen Kindersachen in den Leipziger Läden und Kaufhäusern fand. Kurzerhand entwarf die damalige Studentin für Wirtschaftsmathematik und Erziehungswissenschaften ihre eigene Kinderkleidung. Später holte sie sich ihren Mann ins Boot, der sich hauptsächlich um die Organisation und das Online-Geschäft kümmert. „Unser Ziel war es, mehrere Standbeine aufzubauen. Wir belieferten kleinere regionale Läden, fuhren deutschlandweit auf Messen und Märkte. Inzwischen haben wir zum Glück auch unseren eigenen Online-Shop, den unser Dienstleister vor kurzem überarbeitet hat“, erklärt die inzwischen dreifache Mutter.

Die Kündigung kam für sie so überraschend und mit solch fadenscheiniger Floskel, dass DaWanda die Händler am Herzen liegen würde. Für Katharina Biehl ist es „eine Katastrophe“ und einfach nicht machbar, sich in weniger als acht Wochen neue Absatzkanäle zu suchen. Derzeit bietet das Modelabel „Fux and Friends“ 1400 Artikel zum Online-Verkauf an. Damit zählten sie bei DaWanda zu den Topsellern, den Verkaufsschlagern schlechthin.

Marktplatz für Unikate, Geschenke und Accessoires

Der Online-Shop für Selbstgemachtes hat nach eigenen Angaben rund 70 000 Verkäufer. Klamotten- und Schmuckdesigner verkaufen ihre Produkte in einem DaWanda-Online-Shop und zahlen dem Unternehmen dafür eine Provision. Bis Ende August, dann gehört dieser Vertriebsweg der Vergangenheit an.

Die Digitalisierung hat in den zurückliegenden Jahren zu strukturellen Veränderungen im Einzelhandel geführt, aber auch neuen Logistik- und Vertriebswegen weltweit den Weg geebnet. „Im IHK-Bezirk Leipzig nutzt aktuell etwa jeder dritte Einzelhändler digitale Vertriebsformen“, so die Einschätzung von Thomas Hofmann, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Leipzig.

Aus DaWanda wird Etsy

An einen entspannten Sommer sei nach der Hiobsbotschaft des Online-Marktplatzes, der zwölf Jahre lang in Deutschland, Österreich und der Schweiz selbstgefertigte Produkte vertrieben hatte, nun nicht mehr zu denken. Noch vor ein paar Monaten hatte DaWanda verkündet, dass die Zeit der roten Zahlen endgültig vorbei sei. Nun sollen die Verkäufer mit ihren Online-Shops auf die amerikanische Handelsplattform Etsy umziehen – und mit ihnen hoffentlich auch die Käufer. Ob das aufgeht, daran zweifelt Katharina Biehl. „Die Plattformen sprießen wie Pilze aus dem Boden. Die Frage ist, wo sich die Kunden orientieren. In einschlägigen Foren ist zu lesen, dass vielen der neue Anbieter zu groß und zu international ist“, gibt sie zu bedenken. Das Ehepaar Biehl macht erst einmal weiter – mit Nachtschichten und der Hoffnung, dass es fürs Geschäftsüberleben reicht. Denn der nächste Herbst steht schon vor der Tür. Und mit ihm hoffentlich viele kaufinteressierte Online-Kunden.

Von Regina Katzer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Dolce&Gabbana darf weiter Latschen mit Fellbezug verkaufen, die einem Modell von Puma sehr ähneln. Das hat das Münchner Oberlandesgericht entschieden.

12.07.2018

Atomkraft, nein danke? Das sieht das Gericht der Europäischen Union anders. Subventionen seien in Ordnung, urteilten sie im Fall des britischen AKWs Hinkley Point C. Jedes Land müsse selbst entscheiden, auf welche Energie es setze. Das Urteil ist umstritten.

12.07.2018

Die Gehaltsschere geht weiter auseinander: Im vergangenen Jahr verdienten die Vorstände der 30 Dax-Unternehmen im Schnitt 52 mal so viel wie ihre Mitarbeiter. Der Spitzenverdiener schlechthin kommt mal wieder aus der IT.

12.07.2018
Anzeige