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Wirtschaft Neue Diesel reißen Grenzwerte
Nachrichten Wirtschaft Neue Diesel reißen Grenzwerte
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18:20 25.04.2017
Dicke Luft: Nach der gültigen Euro-Norm 6 dürfen Diesel nur 80 Milligramm Stickoxide pro Kilometer ausstoßen – im Fahrbetrieb kommen sie auf 507 Milligramm. Quelle: dpa
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Berlin

Peter Mock fühlt sich bestätigt. Dass das Umweltbundesamt in einer neuen Studie feststellt, moderne Diesel-Pkw rissen im Alltag die EU-Grenzwerte für gesundheitsschädliche Stickoxide um ein Vielfaches, ist für den Direktor des renommierten International Council on Clean Transportation (ICCT) ebenso wenig überraschend wie Informationen der „Süddeutschen Zeitung“, nach denen die Bundesregierung auf europäischer Ebene strengere Abgaskontrollen blockiert.

Es war Mock, der im September 2015 mit fünf Berliner Kollegen und weltweit rund 30 Mitarbeitern den VW-Abgasskandal aufdeckte und dadurch den damaligen Konzernchef Martin Winterkorn zu Fall brachte. „Das Aufdecken des VW-Skandals hat maßgeblich dazu beigetragen, dass staatliche und EU-Behörden jetzt wenigstens dazu übergehen, systematisch Daten zu ermitteln“, erklärt der 36-jährige promovierte Chemiker gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Die Behörden hätten viel früher damit anfangen müssen. Das Umweltbundesamt war diesbezüglich zwar immer vorbildlich, ist aber nicht mit der Kompetenz ausgestattet, Strafen gegen Hersteller zu verhängen. Die, die das könnten, das Kraftfahrt-Bundesamt und das Bundesverkehrsministerium, tun sich nach wie vor schwer damit“, kritisiert Mock.

„Was fehlt, ist eine unabhängige EU-Behörde, die Tests vergibt“: Peter Mock, ICCT-Direktor. Quelle: Thomas Trutschel/Photothek.Net

Laut Umweltbundesamt stoßen Diesel, die der aktuell gültigen Abgasnorm Euro 6 entsprechen, auf der Straße im Schnitt 507 Milligramm Stickoxide pro Kilometer aus – der Grenzwert liegt bei nur 80 Milligramm. Rechtlich reicht es bislang, wenn Diesel unter Laborbedingungen die EU-Vorgaben erfüllen. Für Mock darf das so nicht bleiben. „Was fehlt, ist eine unabhängige EU-Behörde, die Tests vergibt und damit Interessenkonflikten vorbeugt.“ Dass sich Deutschland jetzt in Stellung bringt, um strengere Abgastests zu verhindern, sei für ihn „nicht nachvollziehbar“.

Bislang würden Testinstitute wie der TÜV direkt von den Autoherstellern bezahlt. Zudem sei es nach wie vor möglich, dass deutsche Autohersteller für die Zulassung eines Dieselmotors nach Spanien oder Luxemburg ausweichen, weil sie wüssten, dass dort die Tests wesentlich laxer ausfallen. „Testbedingungen müssen endlich realistisch und einheitlich werden.“

Verbraucher tief verunsichert

Für den ICCT-Direktor ist es technisch längst möglich, Diesel herzustellen, die strenge Grenzwerte einhalten. Das zeigten nicht zuletzt die neuen Diesel von VW und Daimler. Dennoch hält Mock den Diesel für ein Auslaufmodell. „Diesel sind in der Herstellung teuer, während sie gleichzeitig durch den zunehmenden Preisverfall bei Elektrofahrzeugen unter Druck geraten.“ Hinzu komme die gesellschaftliche Ächtung. Die Verbraucher seien tief verunsichert, weil sie sich nicht mehr sicher sein könnten, auch in einigen Jahren noch in die Innenstadt fahren zu dürfen.

Laut Mock gibt es große Unterschiede in der Vorgehensweise einzelner EU-Mitgliedsstaaten gegen schummelnde Hersteller. „Während Frankreich zielstrebig gegen Renault und Peugeot vorgeht, passiert in Italien im Fall Fiat gar nichts. Deutschland liegt zurzeit irgendwo in der Mitte. Deutschland spielt auf Zeit, die man aus Sicht der Umwelt und der Konsumenten nicht hat.“

An Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) prallt die Kritik ab. Er hält Diesel als Übergangstechnik für „unverzichtbar“.

Stickoxide: Ein Risiko für Gesundheit und Natur

Stickstoffoxide oder kürzer Stickoxide sind Gase, die aus Stickstoff- und Sauerstoff-Atomen bestehen. Sie entstehen etwa in Verbrennungsmotoren und Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz oder Abfälle. In Städten sind Diesel-Fahrzeuge die Hauptquelle. Die oft mit der Formel NOx abgekürzten Gase können unter anderem Pflanzen vorzeitig altern lassen oder ihr Wachstum hemmen. Sie tragen zur Bildung von Feinstaub und Ozon bei. Dies ist auch für Menschen gefährlich. „Lang andauernde Exposition kann zu Beeinträchtigung der Lungenfunktion und zu chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen“, heißt es beim Bundesumweltministerium.

Von Jörg Köpke/RND

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