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09:27 06.11.2016
Fordern bessere Bedingungen: Streikende vor dem Amazon-Standort in Graben bei Augsburg. Quelle: dpa
Köln

„Die Streiks sind ein Witz.“ Gerrit Heinemann lässt kein gutes Haar an den Plänen der Gewerkschaft Verdi, den Onlineriesen Amazon mit Arbeitsniederlegungen in die Knie zu zwingen – oder zumindest an den Verhandlungstisch. Heinemann gehört zu den führenden Experten für Internethandel in Deutschland, ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Niederrhein in Krefeld und weiß, wovon er spricht. Eine durchschlagende Wirkung des Arbeitskampfes vermag er nicht zu erkennen. Amazon habe das alles längst einkalkuliert, betont der Wissenschaftler.

Immer gut zu tun: An den Amazon-Standorten herrscht Hochbetrieb – besonders zu Weihnachten. Quelle: dpa

Vor wenigen Tagen hatte Verdi erneut zu Arbeitsniederlegungen an den deutschen Logistikstandorten des Unternehmens aufgerufen. Das war keineswegs neu. Streiks bei Amazon sind inzwischen zu einem Dauerbrenner geworden und werden seit vier Jahren alljährlich im Weihnachtsgeschäft hochgefahren. Verdi fordert einen Tarifvertrag nach den Bedingungen des Einzel- und Versandhandels für die derzeit fest 11.000 Beschäftigten, bessere Arbeitsbedingungen und ein Ende von „Unternehmenswillkür“. Doch Amazon, das sich als Logistiker sieht, stellt sich quer.

Verdi sieht Streiks als Erfolgsmodell

Während der Versandriese selber von einer „überschaubaren“ Beteiligung spricht, gibt sich Thomas Voß kämpferisch: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Arbeitsabläufe erheblich betroffen waren und Amazon sein Kundenversprechen nicht immer einlösen konnte“, resümiert der Verdi-Experte für Versand- und Onlinehandel. Pro Schicht sollen sich im Schnitt nach seinen Angaben 20 bis 30 Prozent der Mitarbeiter am Austand beteiligt haben. Und er kündigte für die kommenden Wochen weitere Streikmaßnahmen an. Flexibel wolle Verdi reagieren und dort streiken, wo die Auftragsvolumen hoch seien.

Was soll das? Amazon-Chef Jeff Bezos lassen die Streiks in Deutschland kalt. Quelle: dpa

Doch auch den Gewerkschaftern schwant nichts Gutes. Denn eine Flanke ist völlig offen: Die Logistikzentren im Ausland und das weit verzweigte internationale Netzwerk des Versandhändlers. „Amazon ist so aufgestellt, bei streikbedingten Engpässen aus Logistikzentren im benachbarten Ausland liefern zu können“, sagt beispielsweise Kai Hudetz, Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung. Dabei verweist er auf Logistikzentren unter anderem im benachbarten Tschechien und Polen.

Experte setzt auf Automatisierung

Mittelfristig sieht Hudetz einen weiteren Hebel, um streikbedingte Auswirkungen zu vermeiden, aber auch um Kosten im margenschwachen Online-Geschäft zu reduzieren. Nämlich: die weitere Automatisierung und der verstärkte Einsatz von Robotern in den Logistikzentren. Die Kunden verlangten eine ausfallsichere Logistik, betont Hudetz, sonst „wird es für das Unternehmen gefährlich“. Das aufgebaute Vertrauen stünde dann auf dem Spiel. „Uns ist wichtig, unser Lieferversprechen einzuhalten“, beteuert auch Amazon-Sprecherin Anette Nachbar.

Tatsächlich scheinen die Nadelstiche von Verdi den Onlineriesen kalt zu lassen. Über 31 Logistikstandorte in Europa verfügt der US-Konzern und baut seine Präsenz weiter aus, unter anderem in Dortmund und Frankenthal. Bei Auftragsspitzen, wie jetzt um die Weihnachtszeit, helfen sich die Standorte gegenseitig aus. Dabei biete das Unternehmen attraktive Arbeitsplätze und zahle gute Löhne am oberen Ende des Branchenüblichen. Deshalb möchte der Onlinehändler die Gewerkschaft aus dem Betrieb heraushalten. Und dann redet Nachbar Tacheles und bringt den Konflikt aus ihrer Sicht auf den Punkt: „Amazon und Verdi passen nicht zusammen.“

Die größten US-Unternehmen in Deutschland

Viele US-Unternehmen haben Töchter in Deutschland. Allein die größten 30 stehen nach Angaben der deutsch-amerikanische Handelskammer AmCham hierzulande für rund 330.000 Arbeitsplätze.

Nach Umsatz sind die zehn größten US-Unternehmen in Deutschland im Jahr 2015:

1. Ford 19,8 Milliarden Euro Umsatz

2. Adam Opel 14,1 Milliarden Euro

3. Amazon 11 Milliarden Euro

4. ExxonMobil, 9,5 Milliarden Euro

5. IBM Gruppe 7,3 Milliarden Euro

6. JET Tankstellen 6,9 Milliarden Euro

7. Philip Morris 6,3 Milliarden Euro

8. Hewlett-Packard 5,9 Milliarden Euro

9. General Electric 5,8 Milliarden Euro

10. Apple 5,5 Milliarden Euro

Die größten Arbeitgeber unter den US-Unternehmen in Deutschland sind:

1. McDonald’s (inklusive Franchise) 58.000 Mitarbeiter

2. Manpower 27.000 Mitarbeiter

3. Ford 25.426 Mitarbeiter

4. Adam Opel 18.160 Mitarbeiter

5. UPS 18.000 Mitarbeiter

6. IBM Gruppe 16.500 Mitarbeiter

7. Johnson Controls 12.000 Mitarbeiter

8. General Electric 11.000 Mitarbeiter

9. Amazon 10.000 Mitarbeiter

10. Procter & Gamble 10.000 Mitarbeiter

Von RND/dpa

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