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Wirtschaft Tourismus-Branche der Türkei beklagt Minusrekord
Nachrichten Wirtschaft Tourismus-Branche der Türkei beklagt Minusrekord
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11:15 07.11.2016
Wo sind all die Urlauber hin? In Istanbul warten Gastwirte auf zahlende Gäste. Auch die sonst bei deutschen Fußballvereinen so beliebten Plätze wie in Belek bleiben unbespielt. Quelle: Getty
Berlin

Wer Angst und Moral beiseite wischt, kann derzeit konkurrenzlos billig Urlaub machen in der Türkei. Die Landeswährung Lira ist im freien Fall, die Last-Minute-Preise stürzen mit. Durch die Billig-Angebote hält sich das Land Erdogans noch in der Spitzengruppe der beliebtesten deutschen Reiseziele: Im Sommer und Herbst lag die Türkei beim Reiseveranstalter Tui auf dem dritten Platz nach Spanien und Griechenland. Die Sommersaison 2016 war dennoch für die Türkei verheerend.

Im Juli waren gerade mal 3,47 Millionen Touristen gekommen – das war der schlechteste Wert seit zehn Jahren. „Langfristige Buchungen sind extrem zurückgegangen, aber das Last-Minute-Geschäft ist stark“, erklärt Tui-Sprecherin Susanne Stünckel zusammenfassend. Zum Türkei-Boykott fordern derzeit nur wenige auf. Schnäppchenjäger und Gewohnheitsreisende können diese Stimmen noch gut ignorieren. Nun folgt das traditionell schwache Wintergeschäft, das bei den Veranstaltern nur ein Zehntel bis ein Viertel der Buchungen ausmacht. Hunderte Hotels haben geschlossen, für den Winter oder gleich für immer. Statt der Touristenjets kreisen die Pleitegeier über Antalya.

Deutsche Senioren überwintern in der Türkei

Die Zugvögel indes kommen noch. Jene deutschen Senioren, die traditionell zu Niedrigpreisen in der Türkei überwintern, lassen sich nicht abschrecken. „Wir haben 85 Prozent Stammgäste, und die meisten haben wieder gebucht“, sagt Sibel Meral vom Hotel Oleander in Side an der türkischen Riviera, einem bekannten Nest für betagte Winterflüchtlinge aus Almanya.

Nebenan in Belek aber warten die Platzwarte der sattgrünen Fußballfelder vergeblich auf deutsche Spitzenmannschaften. Die halbe Bundesliga traf sich in Belek zum winterlichen Trainingslager. Noch im Januar war es voll auf den Plätzen, auch nach dem Selbstmordanschlag in Istanbul, der zwölf deutsche Touristen das Leben kostete, reiste kein Club ab.

Fußballprofis zieht es nach Südspanien

In diesem Winter kommen sie gar nicht erst. Kein Erstligist, kein Zweitligist. Die Profis werden fast ausnahmslos in Südspanien trainieren. Dieter Burdenski organisiert dort bereits fleißig Testspiele. Bisher hat der frühere Werder-Profi die Belek-Aufenthalte organisiert, nun ist auch er umgeschwenkt. „Warum sollte man nach Belek reisen, wenn es so viele Problematiken gibt?“, fragt Burdenski. Weshalb die Vereine genau stornieren, sagt keiner von ihnen offiziell. Befürchten sie, dass der millionenteure Kader ein Anschlagsziel darstellen könnte? Ein Zeichen gegen Erdogans Politik jedenfalls hätte deutlicher gesetzt werden müssen als durch den Standardsatz „An den Bedingungen in Belek lag es nicht“, der in diesen Tagen in vielen Vereinen zu hören ist.

Rosi und Peter Warsinski wollen zum Jahreswechsel nach Istanbul reisen – zum 41. Mal. Quelle: RND

Rosi und Peter Warsinski aus Berlin wundern sich nicht, dass auch der Hauptstadt-Erstligist Hertha BSC nach Weihnachten auf Mallorca statt in der Türkei trainieren wird. Die beiden Senioren aber planen für den Jahreswechsel ihre nächste Istanbul-Reise. „Es wird die 41. sein“, sagt Peter Warsinski. „Seit 20 Jahren sind wir der Stadt verfallen.“ Sie haben dort Freunde gewonnen, ihre Lieblingsbars gefunden. Jetzt nicht mehr zu fahren würde an Verrat grenzen. „Wir möchten unsere Freunde weiter unterstützen“, sagen sie. „Die Stimmung ist resigniert, viele machen hilflose Witze. Aber wir lassen sie nicht allein.“ Das sagen auch Bundespolitiker wie die Grüne Claudia Roth: „Es wäre jetzt ganz falsch, Kontakte abzubrechen und Freunde alleinzulassen. Es braucht jetzt mehr Austausch, nicht weniger.“

Zimmerpreise fallen um fast ein Drittel

Auch die Warsinskis profitieren vom Preisverfall: Ihr Stammhotel hat den Zimmerpreis um fast ein Drittel gesenkt. Westliche Touristengruppen sind in Istanbul kaum noch zu sehen. Dafür kommen jetzt Araber vom Golf und aus den Maghreb-Staaten auf Shoppingtour.

Die Warsinskis verfolgen die aktuellen Nachrichten aus der Türkei sehr genau und voller Sorge. Was kommt nach den Verhaftungen von Journalisten und Parlamentariern? Wird es Gewalt auf den Straßen geben? „Dann bleiben wir lieber hier“, sagt Rosi Warsinski. Und ihr Mann versteht jeden, der schon jetzt nicht mehr in die Türkei fährt. „Ich bin nie in undemokratische Länder gereist“, sagt er. „Auch in Spanien war ich erst, nachdem der Diktator Franco weg war.“

Von Jan Sternberg

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