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Nachrichten Wirtschaft Warum die Lufthansa-Piloten so hart streiken
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08:50 25.11.2016
Der Piloten-Streik bei der Lufthansa wirbelt auch am Freitag den Flugverkehr durcheinander. Reisende müssen sich erneut auf Hunderte Flugausfälle einstellen. Quelle: dpa
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Frankfurt/Main

Auf den Job-Seiten der Fluggesellschaften wird der Beruf des Piloten als Traumjob dargestellt. „„Für sie soll jeden Tag die Sonne scheinen?“ fragt etwa Air Berlin und die Lufthansa schwärmt: „Die Begeisterung kommt von allein.“

Allerdings warnt selbst die Lufthansa jeden, der sich bewerben möchte: Auf ihren Seiten werde noch die „alte Welt“ des Traumjobs gezeigt, die vor erheblichen Änderungen stehe. Und genau um diese Änderungen geht es auch im Pilotenstreik.

So viel verdienen Piloten

Nach Unternehmensangaben steigen junge Flugoffiziere nach der zweijährigen, teils selbstbezahlten Flugschule mit einem Brutto-Grundgehalt von 55.500 Euro ein, das inklusive Zulagen für Schichtdienst und Flugstunden über das vereinbarte Maß hinaus ein realistisches Anfangsgehalt von rund 73.000 Euro ergibt. Nahezu jedes Jahr folgt nun nach dem „Senioritätsprinzip“ die nächste Gehaltsstufe. Nach derzeit 23 Schritten ist die oberste Kapitänsstufe mit einem Grundgehalt von 193.000 Euro erreicht, inklusive Zulagen können das pro Jahr mehr als 255.000 Euro brutto werden.

Ähnliche Gehälter werden bei europäischen Ex-Staatsfluglinien wie der Air France-KLM auch bezahlt. Etwas unter diesem Niveau liegen nach einer Aufstellung der Website Airliners.de die British Airways und Easyjet, die von der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) in der Vergangenheit schon als Messlatte für einen möglichen Low-Cost-Tarifvertrag im Lufthansa-Konzern genannt worden ist.

Das untere Marktende markieren kleinere Gesellschaften wie die Air-Berlin-Tochter Niki, bei der ein Kapitän laut dem Portal Pilotjobsnetwork bis zu 74.000 Euro im Jahr verdienen kann. Allerdings locken hier vergleichsweise hohe Zulagen für tatsächlich geleistete Flugstunden. Der irische Billigflieger Ryanair wehrt sich gegen den Vorwurf des Sozialdumpings. Bei der Airline könnten Kapitäne bis zu 170.000 Euro verdienen, erklärte noch am Donnerstag ein Unternehmensvertreter. In Branchenvergleichen ist hingegen von 85.000 Euro Höchstgehalt und 25.000 Euro Einstiegssalär die Rede.

Die Piloten verteidigen Privilegien

Die Piloten im Lufthansa- Konzerntarifvertrag (KTV) gehören im nationalen wie auch im europäischen Vergleich zu den Top-Verdienern. Ihre Arbeitsbedingungen sind in zahlreichen Tarifverträgen geregelt, von denen mindestens sechs strittig sind. Hier sind Top-Gehälter von bis zu 250 000 Euro brutto, Vorruhestandsregeln mit 60 Prozent des Grundgehalts oder üppige, vom Unternehmen garantierte Betriebsrenten festgehalten.

Der Wohlfühlbereich schrumpft

Schon heute sind die 5400 KTV-Piloten die Minderheit im Lufthansa-Konzern, der in den vergangenen Jahren durch Zukäufe stark gewachsen ist. Seit drei Jahren stellt Lufthansa nicht mehr zu KTV-Bedingungen ein, sondern versetzt bei Ruhestandsabgängen nach und nach KTV-Piloten von der Tochter Germanwings zur Lufthansa-Mutter.

Die freiwerdenden GW-Jets werden zur neuen Auslandstochter Eurowings Europa in Wien transferiert, bei der die deutschen Tarifbedingungen nicht greifen. Bei der Lufthansa-Mutter werden auch wegen der leicht schrumpfenden Flotte die Beförderungsstellen knapp. Die Co-Piloten müssen deutlich länger auf ihre erste Kapitänsstelle warten, was auf die Gesamtkarriere gesehen zu deutlichen Einkommensverlusten führt.

Die Lufthansa hat einen langen Atem

Die letzte tarifliche Gehaltserhöhung für die Piloten datiert tatsächlich aus dem Jahr 2011, die VC spricht daher von einem massiven Kaufkraftverlust. Individuell sieht das allerdings anders aus, denn jeder KTV-Pilot kann sich sicher sein, bis zu einer Obergrenze jedes Jahr eine neue Einkommensstufe zu erreichen, auf der es im Schnitt 3 Prozent mehr Geld gibt. Mit dieser „Senioritäts-Tabelle“ soll die erworbene Erfahrung abgegolten werden.

Die Gewerkschaft will ihren Einfluss sichern

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat seine Ankündigung längst wahr gemacht, dass die Lufthansa-Gruppe nur noch dort wächst, wo sie profitabel ist. Beim expandierenden Billigflieger Eurowings mit seinen zahlreichen Teilgesellschaften hat die VC deutlich weniger zu sagen, mit Ausnahme der schrumpfenden Germanwings. Die VC versucht daher, weitere Gesellschaften in den Geltungsbereich des KTV zu holen. Das aber ist kein zulässiges Streikziel, weswegen es vordergründig derzeit um Gehaltsfragen mit der deftigen Forderung nach kumuliert 22 Prozent mehr Geld für fünf Tarifjahre geht.

Der Piloten-Arbeitsmarkt ändert sich

Bis vor wenigen Jahren wurden die Piloten in strengen Verfahren handverlesen und in der Ausbildung finanziell unterstützt. Nicht zuletzt private Fliegerschulen haben aber inzwischen mehr Piloten ausgebildet als der Arbeitsmarkt aufnimmt. Schätzungen der Pilotenverbände gehen trotz des steigenden Bedarfs von 10 bis 16 Prozent arbeitsloser Piloten in Europa aus. Im internationalisierten Arbeitsmarkt konkurrieren sie zunehmend mit Crews aus Asien, in deren Heimatmärkten weit geringere Gehaltsniveaus herrschen. Die Lufthansa-Konkurrenten nutzen die Kostenvorteile aus und können günstigere Tickets anbieten.

Es gibt immer mehr Billigpiloten

Bei kleineren europäischen Gesellschaften fliegen Piloten für ein Drittel der Gehälter, die bei den etablierten Airlines gezahlt werden. Bei einigen Gesellschaften müssen unerfahrene Piloten sogar bezahlen, um überhaupt ins Cockpit zu gelangen und dort die Meilen abzufliegen, die für eine Volllizenz notwendig sind. Der Billigflieger Ryanair stand wiederholt in der Kritik, weil er Geschäftsmodelle mit Leiharbeitsfirmen und möglicherweise scheinselbstständigen Piloten nutzt. Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt gegen Ryanair-Piloten wegen des Verdachts der Scheinselbstständigkeit sowie der Hinterziehung von Steuern und Sozialabgaben. Das Unternehmen selbst wird nicht beschuldigt.

Von dpa/RND

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