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Wirtschaft Regional Chef bringt Streikende in Leipzig gegen sich auf
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20:43 04.07.2018
Bei der bestreikten Firma Halberg Guss in Leipzig wird der Ton rauer. Ein Runder Tisch ist geplatzt. Quelle: dpa
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Leipzig

Im Streit um den Autozulieferer Halberg Guss in Leipzig wird der Ton immer rauer: Die Firma wirft den seit drei Wochen streikenden Mitarbeitern nun Sabotage vor und droht mit Strafanzeigen. Mit einem Brief griff der neue Halberg-Guss-Chef Alexander Gerstung seine 700 Mitarbeiter in Leipzig, die seit drei Wochen rund um die Uhr vorm Werk ausharren, frontal an: Im Vorfeld des Streiks sei es zu Sabotage gekommen. „Die Elektrik wurde manipuliert und Gabelstapler sind in Feuerwehreinfahrten gestellt worden“, legte er gegenüber dem MDR nach. „Dadurch ist dem Unternehmen bereits ein massiver Sachschaden entstanden.“ Allein die Reparaturen hätten bisher mehr als 100 ­000 Euro verschlungen.

Gerstung will nun Anzeige gegen Unbekannt erstatten. „Sabotage an Betriebs- und Arbeitsmitteln ist kein Kavaliersdelikt und kein Scherz, sondern strafbar. Wir werden dies mit allen Mitteln verfolgen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen“, schrieb Gerstung. Und setzte gleich eine Belohnung aus: 2500 Euro will er für Hinweise auf die Täter zahlen.

Betriebsratschef kontert

Betriebsratschef Thomas Jürs wies die Vorwürfe entschieden zurück. „Das ist eine bodenlose Frechheit, was uns da vorgeworfen wird.“ Dass in der Auslieferungshalle der Strom ausgefallen sei, liege an einem Sturmschaden vor zwei Wochen. Das hatte für das Unternehmen empfindliche Konsequenzen: Vor einer Woche stoppte die Landesdirektion Sachsen nach einem Vor-Ort-Termin die gerade erst angelaufenen Verladearbeiten im Lager. „Dies war aufgrund erheblicher arbeitsschutzrechtlicher Defizite erforderlich“, erklärte die Behörde.

Mit dem Räumen des Lagers hatte Halberg Guss erst einen Tag vorher begonnen, nachdem die Streikenden die tagelange Blockade der Zufahrt aufgegeben hatten – und wieder Lkw ins Werk ließen. Diese sollten schon produzierte Motorblöcke für den Motorbauer Deutz abholen, hatte die Firmenanwältin Monika Birnbaum zuvor in einer Rede an die Streikenden erklärt. Am Lager sollen daneben auch noch Teile für Scania, Iveco und VW sein. Doch nur wenige Motorblöcke konnten bis zur Sperrung abtransportiert werden. Das Unternehmen habe zugesagt, „dass die Mängelbeseitigung zeitnah erfolgen wird“, so die Landesdirektion. Nach LVZ-Informationen soll es am Donnerstag einen neuen Vor-Ort-Termin geben.

Werksschließung Ende 2019

In der Sache gab sich Gerstung kompromisslos: „Die Werksschließung Ende 2019 ist in Stein gemeißelt“, sagte er im Interview mit der „Bild“-Zeitung. Und wenn der Streik nicht bald ende, könnte es sogar schon früher dazu kommen, dass „wir liquidieren müssen“. Sein Unternehmen hatte Anfang Juni angekündigt, den Standort in Leipzig Ende 2019 dicht zu machen und in Saarbrücken 300 der dort 1500 Jobs zu streichen. Grund: Nach dem Einstieg von Prevent bei Halberg Guss droht der Hauptkunde VW abzuspringen. Mit dem Streik wollen die vor der Kündigung stehenden Mitarbeiter jetzt hohe Abfindungen durchsetzen.

Gerstung hatte für Prevent schon vor zwei Jahren bei ES Guss in Schönheide den Lieferstopp organisiert, der bei VW zeitweise die Bänder zum Stehen brachte. Inzwischen nimmt VW nach einem Leipziger Gerichtsurteil nur noch befristet kleine Mengen aus Schönheide ab. 165 der 385 Mitarbeiter dort erhielten bereits ihre Kündigung.

„Zusammenhalt wächst“

Der harsche Ton des Chefs schweißt die Leipziger Belegschaft nun weiter zusammen. „Der Zusammenhalt wächst dadurch eher noch“, sagte Leipzigs IG-Metall-Chef Bernd Kruppa. Den Vorschlag, den Streit am Runden Tisch zusammen mit den wichtigsten Kunden beizulegen, lehnte er entschieden ab. Man sei jederzeit gesprächsbereit. Das müsse aber als ordentliche Tarifverhandlung laufen und nicht formlos am Runden Tisch. „Darüber muss formell verhandelt werden.“ Und zuvor erwarte er ein verhandlungsfähiges Angebot des Arbeitgebers.

Der Runde Tisch sollte eigentlich am Mittwoch in Saarbrücken zusammenkommen. Dazu wollte Prevent auch wichtige Abnehmer mit an Bord holen. Hauptkunde VW wurde dabei aber offenbar vergessen: Die Wolfsburger erhielten nach LVZ-Informationen keine Einladung. Dabei zeigt der Streik dort bereits Wirkung. „Es gibt erste Beeinträchtigungen der Produktion, die wir jedoch über Flexibilisierungsmaßnahmen auffangen können“, sagte eine VW-Sprecherin. Opel dagegen hat bereits vor einer Woche in Eisenach die Produktion gestoppt, weil Teile fehlen.

Von Frank Johannsen

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