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Wirtschaft Regional Craft Beer belebt Sachsens Biermarkt – auch in Leipzig
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14:03 20.04.2018
Die Marx Chemnitzer Bier GmbH hat zum 200. Geburtstags von Karl Marx ein Bier mit dessen Namen auf den Markt gebracht. Quelle: dpa
Leipzig/Chemnitz

Vom Industriehof einer ehemaligen Gerätefabrik aus wagt ein junges Unternehmen aus Chemnitz den Sprung auf einen umkämpften Biermarkt. Trotz großer Konkurrenz will es die Marx Chemnitzer Bier GmbH mit einem Pils namens „Marx Städter“ versuchen. Dass das erste und bislang einzige Produkt ausgerechnet im Jahr des 200. Geburtstages von Karl Marx dessen Namen trägt, sei Zufall, versichert Geschäftsführerin Nicolle Schwabe. „Aber es hilft.“

Über 320 Biersorten aus Sachsen

Der Biermarkt in Sachsen hat viele Wettbewerber. Laut Sächsischem Brauerbund gibt es im Freistaat 69 Braustätten und mehr als 320 Biersorten. 2017 wurden 8,2 Millionen Hektoliter Bier in Sachsen gebraut. Dies sind rund 150 000 Liter weniger als 2016. Geschätzt zwei Drittel davon waren Pils. „Der Markt ist umkämpft“, sagt Geschäftsführerin Barbara Sarx-Lohse und prognostiziert: „Wegen des demografischen Wandels wird die Biermenge zurückgehen.“

Der Sächsische Brauerbund vertritt neben dem Verband Private Brauereien die Interessen der hiesigen Brauer. Nach seinen Angaben kommen aus den Brauereien der Mitglieder rund 90 Prozent der in Sachsen produzierten Hektoliter. Nach Ansicht der Geschäftsführerin ist es vor allem eine Geschmacksfrage, ob sich ein Bier durchsetzt. Daher gebe es bei den Biersorten auch eine Fluktuation. „Es gehen welche weg, andere kommen dann dazu“, sagt Sarx-Lohse.

Craftbier-Trend etabliert sich auch in Leipzig

Vor allem Craft- und Spezialbiere sorgen für Belebung und Markenvielfalt. In Aue zum Beispiel braut eine kleine Brauerei im Hotel Blauer Engel Biere in verschiedenen Geschmacksrichtungen. „Es muss das Bestreben eines Brauers sein, mehr anzubieten als ein Pilsner“, sagt der dortige Braumeister Willi Wallstab. So sind unter anderem das Rosenbier „Dornröschen“, Kräuterbiere wie „Lotters Veilchenbräu“, das Kellerbier „Lotters Steinbier“ oder ein Starkbier mit Rotweinhefe namens „Bockgunder“ entstanden.

Das neue Pils aus Chemnitz konkurriert allein in Sachsen mit mehr als 300 Sorten. Quelle: dpa

Auch in Leipzig ist der Trend angekommen: In den vergangenen Jahren eroberten neue Biermarken wie Weiße Elster, Synde Bräu oder Cliff’s Brauwerk den hart umkämpften Markt. Auch immer mehr Gastronomen setzen auf das Besondere: Der Ratskeller braut seit Anfang vergangenen Jahres sein eigenes Bier. In speziellen Craft-Beer-Bars wie dem Goldhopfen im Kolonnadenviertel und dem Dr. Hops in Connewitz fließt nur handwerklich gebrautes Spezialbier aus dem Hahn.

Der Verband Private Brauereien Deutschland mit seinen rund 800 Mitgliedern hält Spezialbiere für eine Bereicherung. Craftbiere seien eigene Innovationen, sagt Bundesgeschäftsführer Roland Demleitner. Dennoch ist der Verband ein Verfechter des deutschen Reinheitsgebots. „Wir stehen auf dem Standpunkt, dass es innerhalb des Reinheitsgebotes eine große Bandbreite gibt. Deswegen ist es nicht notwendig, auf andere Rohstoffe zurückzugreifen“, betont Demleitner.

„Wir sind keine Brauerei. Wir sind eine Biermarke“

Dem Reinheitsgebot, eingeführt am 23. April 1516, fühlt sich das neue „Marx Städter“ verbunden. Die GmbH wurde am 30. November 2017 gegründet, seit 7. März ist das Bier auf dem Markt. „Wir sind keine Brauerei. Wir sind eine Biermarke“, sagt Nicolle Schwabe. Die 38-Jährige sitzt an ihrem Schreibtisch. Hinter der Glaswand in ihrem Rücken stapeln sich Fässer. Die Geschäftsführerin hat eine spezielle Beziehung zum Bier: 2002 war sie Chemnitzer Bierkönigin. Das Foto, das die gelernte Immobilienkauffrau mit der Schärpe zeigt, hat sie mit einem Seitenblick immer vor Augen.

Braukessel oder Tanks sucht man auf dem Industriehof vergeblich. Denn gebraut wird das Bier von einer anderen Brauerei, dem Einsiedler-Brauhaus in Chemnitz, im Auftrag des neuen Unternehmens nach dessen Rezept. Ein halbes Jahr habe man an dem Rezept getüftelt. Die erste Abfüllung umfasste 250 Hektoliter. Ziel sei es, künftig die gleiche Menge pro Monat zu verkaufen.

Sächsische Konsumenten sind probierfreudig

Der selbst gesetzte Anspruch ist hoch: Man wolle als das Chemnitzer Bier wahrgenommen werden und damit in die Lücke stoßen, die die Braustolz-Brauerei hinterlassen habe. Das Unternehmen der Kulmbacher Gruppe hatte seine Produktion in Chemnitz unlängst aufgegeben und nach Plauen im Vogtland verlagert. Man setze darauf, dass der Chemnitzer sich mit einem Getränk aus seiner Stadt identifiziert.

Aus Sicht von Sarx-Lohse gibt es die „Braustolz-Lücke“ jedoch nicht. Das Bier werde weiter produziert und habe weiter den gleichen Geschmack, erklärt sie. Dennoch räumt sie dem neuen Pils Chancen ein. „Sächsische Konsumenten sind probierfreudig“, sagt sie. Mindestens jedes zweite Bier, das in Sachsen über den Tresen geht, sei ein Pils.

Zahlen und Fakten zum Bier in Sachsen

Jedes Jahr seit 1994 wird am 23. April in Deutschland der Tag des deutschen Bieres begangen. Anlass ist der Erlass des deutschen Reinheitsgebotes an diesem Tag im Jahr 1516. Danach wird Bier nur aus Wasser, Hopfen und Gerste sowie die später hinzugekommene Hefe gebraut. Sachsen ist ein wichtiges Bierland in Deutschland.

- Im Freistaat gibt es 69 Brauereien. 1995 waren es nur 32. Unterschieden wird in kleine Brauereien (unter 5000 Hektoliter/Jahr), mittlere (bis 0,5 Millionen Hektoliter/Jahr) und große (über 0,5 Millionen Hektoliter/Jahr).

- 2017 wurden im Freistaat 8,2 Millionen Hektoliter gebraut. Die Menge ist rückläufig: 2016 waren es 8,35 Millionen Hektoliter, im Jahr davor 8,53 Millionen Hektoliter.

- Sachsen ist damit die Nummer 1 im Osten vor Berlin/Brandenburg (3,8 Millionen Hektoliter). Mit 200 Litern ist die Pro-Kopf-Produktion höher als in Bayern (178 l) und Nordrhein-Westfalen (136 l).

- In Sachsen gibt es rund 320 Biersorten.

- Sachsen exportiert mehr als zehn Prozent des Bieres. Fast 428 000 Hektoliter gingen ins EU-Ausland, gut 400 000 Hektoliter in Drittländer. Gegenüber 2016 hat der Export um 7,7 Prozent zugelegt.

- Alkoholfreies Bier ist auch in Sachsen auf dem Vormarsch. Die Brauereien im Freistaat setzten voriges Jahr rund 70 000 Hektoliter ab, 15 Prozent mehr als 2016.

- In den sächsischen Brauereien gibt es etwa 2500 Beschäftigte - rund 1400 davon allein bei großen.

Von Martin Kloth und Robert Nößler

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