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Der VNG-Poker: EWE übernimmt die Mehrheit – verliert Leipzig den Firmensitz?

Der VNG-Poker: EWE übernimmt die Mehrheit – verliert Leipzig den Firmensitz?

Die Leipziger Verbundnetz Gas AG (VNG) ist das größte ostdeutsche Unternehmen. Am Dienstag übernahm der Oldenburger Energieversorger EWE die Mehrheit am Energieversorger.

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Die Zentrale des Leipziger Gaskonzerns VNG - die Stadt hofft, dass hier die Lichter nicht ausgehen.

Quelle: dpa

Leipzig. Im VNG-Poker könnte Leipzig damit den Firmensitz und einen wichtigen Steuerzahler verlieren. Eine Analyse.

Wenn es drauf ankommt, geht es bei der Leipziger Verbundnetz Gas schnell. Kaum war die Mauer gefallen, ergriff Klaus-Ewald Holst die Gunst der Stunde und übernahm die Leitung einer Arbeitsgruppe zur Umstrukturierung des Gasimporteurs. Der heute 70-Jährige schlug ein höllisches Tempo an, am 29. Juni 1990, also zwei Tage vor der Einführung der D-Mark in der DDR, wandelte er den ehemaligen Volkseigenen Betrieb in eine Aktiengesellschaft um. "Das war unser Umstieg in die Selbstständigkeit und die Privatisierung, auch wenn sich bis zuletzt Leute in den Ministerien und im Gaskombinat dagegen stemmten", erinnert sich der Manager, der bis 2010 Vorstandschef des Unternehmens war.

Auch gestern ging es rasant zu. Die Hauptversammlung, in der die Oldenburger EWE AG (Energieversorgung Weser-Ems) die Mehrheit am größten ostdeutschen Unternehmen übernahm, dauerte nur eine halbe Stunde. Dann packten die Vertreter der Anteilseigner ihre Sachen und verließen den Austragungsort, die Zentrale des drittgrößten bundesrepublikanischen Erdgasimporteurs in der Leipziger Braunstraße. Das nicht öffentliche Aktionärstreffen, so war zu hören, verlief in ruhiger und sachlicher Atmosphäre. Auch die Minderheitsanteilseigner - zehn ostdeutschen Kommunen sowie die deutsche Tochter des russischen Gasriesen Gazprom - muckten nicht auf, stimmten der Anteilsübertragung zu. Verhindern können hätten sie den Deal ohnehin nicht. Sie fügten sich ins Unvermeidliche. VNG hat nun seine Eigenständigkeit verloren, ist die Tochter eines westdeutschen Konzerns, der im vorigen Jahr mit seinen 9200 Beschäftigten 8,9 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftete.

Zusammen mit den VNG-Erlösen - im vorigen Jahr waren es elf Milliarden Euro - haben die Niedersachsen die Chance, die vierte Kraft auf dem bundesrepublikanischen Energiemarkt zu werden. Hinter Eon, RWE und EnBW. Doch ob der kommunal geprägte neue Mehrheitsbesitzer - Städte und Landkreise aus dem Weser-Ems-Gebiet halten zusammen 74 Prozent der Anteile - das überhaupt will, ist unklar. Denn noch steht nicht fest, was EWE-Chef Werner Brinker mit der neuen Tochter vorhat. "Zunächst einmal erweitern wir mit dem Anteilserwerb unsere Handlungsoptionen - das ist für uns ein wichtiger Beweggrund", so der Manager. Und er lässt sich auch entlocken, dass VNG auf dem Gasmarkt "viel Potenzial" und positive Perspektiven habe. Kurzum, EWE wolle das Leipziger Unternehmen "insgesamt weiterentwickeln".

Nur wofür? Darüber schweigt Brinker, und das sorgt für Zittern bei den 1400 VNG-Mitarbeitern, die in eine ungewissen Zukunft blicken. "Uns eint das gemeinsame Interesse an einer weiterhin starken und erfolgreichen VNG am Standort Leipzig", beschwichtigt EWE-Finanzvorstand Heiko Sanders, der zusammen mit seinem Vorstandskollegen Torsten Köhne seit Tagen durch Ostdeutschland tourt und in einer Art Charme-Offensive bei Aktionären und Politikern für einen "offenen Dialog" über die Zukunft von VNG wirbt. Doch denkbar ist auch ein mittelfristiger Ausstieg der Niedersachsen. "Das ist eine der angesprochenen Handlungsoptionen", gibt Brinker zu. Denn der Verkauf eines Mehrheitspakets ist allemal attraktiver als die Veräußerung eines Minderheitsanteils, von einer Zerschlagung ganz zu schweigen.

Bangen und Zittern ist auch in Leipzig angesagt. VNG ist einer der großen Arbeitgeber und bedeutenden Gewerbesteuerzahler. 15 Millionen Euro fließen im Schnitt pro Jahr in die chronisch klammen Kassen von Finanzbürgermeister Torsten Bonew (CDU). Kein Wunder, dass Leipzig auf den Erhalt des Konzernsitzes hofft - schließlich sei das Unternehmen für die Stadt "existenziell", wie es Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) formuliert. Er setzt auf die Sperrminorität. Zehn Ost-Kommunen, darunter Leipzig, halten zusammen 25,79 Prozent an VNG und können damit bestimmte Entscheidungen, etwa die Verlagerung des Sitzes, blockieren. Doch genau diese Sperrminorität wackelt. Erfurt will aussteigen, Dresden plant den Verkauf. Auch hier also Zittern.

Ex-Gasmann Holst kann den Veräußerungsplänen nichts abgewinnen. "Nachhaltig Gutes verkauft man nicht." Und die Mehrheitsübernahme durch EWE "ist schlecht für VNG", sagte er vor Kurzem. Wichtige Entscheidungen würden künftig in der Oldenburger Zentrale fallen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.04.2014

Ulrich Milde

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