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12:54 05.10.2018
Halberg-Guss-Chef Alexander Gerstung in der Gießerei in Schönheide, wo er einst Betriebsleiter war. Quelle: Frank Johannsen
Schönheide

Mit einem Lieferstopp gegen VW hatte der kleine Betrieb aus Schönheide im Erzgebirge vor zwei Jahren bei VW die Bänder zum Stehen gebracht – und anderthalb Jahre später alle Aufträge aus Wolfsburg verloren. Jetzt will der Betrieb auch ohne den bisherigen Hauptkunden weitermachen – und investiert in neue Produkte. Retten soll das aber nur die Hälfte der Jobs: Von den einst 400 Mitarbeitern sind nur noch knapp 200 an Bord.

Die Prevent-Tochter kündigte am Freitag an, knapp zehn Millionen Euro in den Standort zu investieren. Damit soll er fit gemacht werden für neue Kunden und Produkte. Abnehmer will ES Guss vor allem in der Bauindustrie finden – und damit seine Abhängigkeit von der Autobranche reduzieren. „ES Guss erschließt damit völlig neue Marktsegmente“, so ein Sprecher.

Hauptkunde VW streicht alle Aufträge

Bisher wurden hier ausschließlich Autoteile gegossen, vor allem für VW. Doch die Wolfsburger, die bisher für 64 Prozent der Aufträge sorgten, nehmen nach einem Urteil des Landgerichts Leipzig nur noch geringe Mengen ab, und das auch nur noch bis Ende April 2019. Daher solle nun „das Werkstoff- sowie Produktangebot erweitert und die Abhängigkeit von einzelnen Kunden und Branchen reduziert werden“, kündigte ein Unternehmenssprecher an.

Bereits in Betrieb genommen wurde im Sommer eine neue Formanlage. Die sei produktiver als die alte und liefere zudem bessere Qualität. Außerdem wurde jetzt ein neuer Schmelzofen bestellt, der 2019 in Betrieb gehen soll. „Mit der neuen Technologie ist ES Guss in der Lage, vom Prototyp bis zur Großserie Gussteile fast des gesamten metallurgischen Spektrums in kürzester Zeit und großer Flexibilität zu liefern“, so der Sprecher.

Weil der bisherige Schmelzofen nach dem Wegfall des VW-Auftrags nur noch halb ausgelastet ist, rechnet sich der Betrieb nicht mehr. Das hatte das Unternehmen im Mai beim Gerichtstermin in Leipzig erklärt. Damit der Betrieb überhaupt weiterlaufen kann, wurde zeitweise fast ein Drittel der Produktion sofort wieder eingeschmolzen.

Lieferstopp brachte bei VW die Bänder zum Stehen

Hintergrund ist der seit Jahren schwelende Zulieferstreit zwischen VW und der Prevent-Gruppe, hinter der die bosnische Familie Hastor steht. 2015 war Prevent bei ES Guss eingestiegen – und hatte ein Jahr später mit einem Lieferstopp bei VW die Bänder zum Stehen gebracht. Damit wollte Prevent Druck machen, um bessere Konditionen durchzusetzen.

Streitpunkt waren aber gar nicht die Getriebegehäuse aus Schönheide, sondern Sitzbezüge des Schwesterbetriebs CarTrim aus Plauen, den Prevent gerade übernommen hatte. VW hatte damals zunächst sogar eingelenkt – aber nur, um Zeit zu gewinnen, bis ein neuer Zulieferer gefunden ist. Als der gefunden war, wurden im März 2018 alle Verträge mit ES Guss fristlos gekündigt.

Gericht gewährte nur Schonfrist

Dagegen war ES Guss dann in Leipzig vor Gericht gezogen – erzielte am Ende aber nur einen Teilerfolg: Per Einstweiliger Verfügung billigte das Landgericht Leipzig dem Betrieb immerhin eine Übergangsfrist zu, in der weiter Getriebegehäuse an VW geliefert werden dürfen. Aber nur 30 Prozent des bisherigen Volumens, und das auch nur noch bis Ende April 2019.

In Schönheide wurde daraufhin die Hälfte der Belegschaft entlassen. 165 der zuvor 385 Mitarbeiter erhielten noch im April ihre Kündigung, inzwischen seien weniger als 200 an Bord, so der Sprecher.

Auch Halberg Guss in Leipzig betroffen

Seit Januar gehört auch Halberg Guss mit seinen beiden Standorten in Leipzig und Saarbrücken zu Prevent. Anders als beim Schwesterbetrieb in Schönheide sieht Prevent hier aber keine Zukunft: Weil auch hier jetzt VW als Hauptkunde wegzufallen droht, soll die Leipziger Gießerei mit ihren 700 Mitarbeitern 2019 schließen. Erst vor zwei Wochen hatte Halberg Guss den Termin auf 31. März 2019 vorgezogen.

Im Hintergrund laufen aber noch Gespräche mit einem Investor, der Halberg Guss übernehmen und beide Standorte erhalten will. Laut IG Metall liegt inzwischen ein unterschriftsreifes Angebot vor. Halberg Guss wollte sich zum Stand der Gespräche nicht äußern.

Von Frank Johannsen

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