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Wirtschaft Regional IHK-Chef Kirpal sieht Flughafenausbau als Motor für neues Wachstum
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00:35 16.04.2018
Leipzigs IHK-Präsident Kristian Kirpal setzt auf neue Firmen­ansiedlungen rund um den Flughafen.   Quelle: Fotos (2): André Kempner
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Leipzig

Die Pläne der Bundesregierung für den Flughafen Leipzig/Halle könnten der Region einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung bescheren. Davon geht Kristian Kirpal (44), Präsident der Leipziger Industrie- und Handelskammer (IHK) aus. Und dabei sollen nicht nur einfache Logistik-Jobs entstehen. Kirpal: „Es geht ja auch um die Wertschöpfung, die sich dort ringsherum entwickelt.“

Wir haben in den vergangenen Wochen viel über Russland-Sanktionen gesprochen. Was droht sächsischen Unternehmen bei einem Handelskrieg USA-China oder beim Brexit?

China, die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich waren 2017 die drei wichtigsten Exportländer des Freistaates Sachsen. Das zeigt die Relevanz dieser Entwicklungen für die sächsische Wirtschaft. Sicher haben wir in Sachsen eine relativ kleinteilige Wirtschaft, so dass nicht jedes Unternehmen direkt betroffen ist. Wenn der Export aber ins Stocken kommt, dann ist das nachteilig für die Wirtschaft in Sachsen insgesamt. Strafzölle der USA und die Reaktionen aus China darauf, aber auch der Brexit in Großbritannien – all das wird der Wirtschaft schaden.

Kann man das näher beziffern?

Jedes dritte im Außenhandel aktive sächsische Unternehmen betreibt Auslandsgeschäfte mit Großbritannien, hat eine aktuelle IHK-Unternehmensbefragung zum Brexit ergeben. Zu 94 Prozent handelt es sich dabei um Exportgeschäfte. Und gerade für die Automobilbranche, die ja in der Leipziger Region stark vertreten ist, ist schon von entscheidender Bedeutung, was da passiert. Dort würde es empfindlich reinschlagen, wenn es zu einem Handelskrieg käme. Und bei der Zuliefererindustrie, die daran hängt, natürlich auch. Die Hauptexportländer sind nun mal die USA und China.

Sind die Unternehmen darauf genügend vorbereitet?

Das muss jedes Unternehmen ein Stück weit selbst beantworten. Entscheidend wird sein, welche politischen Randbedingungen es geben wird, damit der Brexit so gestaltet wird, dass Handel und wirtschaftliche Beziehungen nicht abgebrochen werden. Zumindest bis 2021 gilt ja eine Übergangsphase. Aber anschließend müssen sich die Unternehmen dann auf anderen Märkten aufstellen.

Warum?

Wenn die Produkte durch Zölle so teuer werden, dass sie in Großbritannien nicht mehr abgesetzt werden können, oder der freie Warenverkehr durch andere Hürden behindert wird, dann wird es schwierig, auf dem Markt zu bestehen. Wichtig sind die Internationalisierungsbestrebungen, die von den Kammern gemeinsam mit der Landesregierung ausgebaut werden. Damit neue Märkte erschlossen werden, um auf solche Entwicklungen zu reagieren.

Fällt Sachsen jetzt auf die Füße, dass es im Vergleich zu den anderen neuen Bundesländern eine Vorreiterrolle beim Export spielt?

Nein, der Export bleibt nach wie vor wichtig. Es gibt ja auch stabile Zielländer, die ebenfalls eine wichtige Rolle für die sächsische Außenwirtschaft spielen. Frankreich, die Tschechische Republik oder Polen zum Beispiel. Aber die Politik muss erkennen, dass sie die politischen von den wirtschaftlichen Themen trennen muss. Das betrifft beispielsweise auch die Russland-Sanktionen, die von den politischen Interessen abgekoppelt und aufgehoben werden müssen. Russland war – schon geschichtlich bedingt – für Ostdeutschland immer ein interessanter Handelspartner. Die Kontakte, die bestanden haben, gehen aber durch die Sanktionen Stück um Stück verloren.

Der Flughafen Leipzig/Halle soll zum großen Frachtflughafen ausgebaut werden. Was erwarten Sie davon?

Ich verspreche mir davon, dass es dadurch einen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung in der Region gibt. Gerade für Leipzig ist die Logistik ein starker Wirtschaftsfaktor. Leipzig wird durch eine Stärkung des Flughafens auch international stärker wahrgenommen. Das bedeutet letztendlich auch eine Stärkung des Standorts.

Gibt es überhaupt noch Flächen für die Ansiedlung von Logistik?

Das ist nicht das Problem. Wichtig ist hier aber auch, dass die Städte und Gemeinden der Region gut zusammenarbeiten. Dann können auch Ansiedlungen besser gesteuert werden.

Aber dem Flughafen Frankfurt am Main wird man den Rang nicht ablaufen können?

Wir sind aber auf einem guten Weg und belegen beim Luftfrachtaufkommen in Deutschland inzwischen den zweiten Platz hinter Frankfurt. Es ergibt aber auch wenig Sinn, sich immer nur mit anderen zu vergleichen. Wichtiger sind Alleinstellungsmerkmale. Und die kann man schon für das Frachtgeschäft in Mitteldeutschland erreichen. Nicht zuletzt mit dem Ziel, dass sich weitere Firmen hier ansiedeln. Man hat am Beispiel BMW gesehen, was in der Wertschöpfungskette passiert, wenn sich ein größeres Unternehmen am Standort ansiedelt.

Wie wirkt sich die Ächtung des Diesels aus?

Das hat große Auswirkungen. Das Thema hat uns ja schon 2008/2009 beschäftigt, als in Leipzig die Umweltzone eingeführt wurde. Nun stehen wir wieder vor dem Problem, dass die Unternehmen ihre Flotten umrüsten müssen, weil – vielleicht gar nicht hier vor Ort, aber in verschiedenen anderen Städten Deutschlands – Fahrverbote drohen. Gerade bei den Transportern und LKW gibt es aber im Moment gar keine richtigen Alternativen zum Diesel. Dabei wächst die Wirtschaft gerade in diesem Bereich – durch die Lieferdienste, durch die Bestellungen im Internet. Das ist ein erheblicher Nachteil für die Wirtschaft.

Möglicherweise drohen in einigen Städten sogar generelle Fahrverbote.

Das kommt dazu: Es ist vielfach in der Politik das Problem, dass es keine einheitlichen Lösungen gibt. Ich habe mir gerade einen Diesel gekauft. Die Daten aus der Zulassung mit dem abzugleichen, was da gerade über Grenzwerte kursiert, ist unmöglich. Jede Stadt erlässt eigene Regelungen. Andererseits werden die Anforderungen an einen Luftreinhalteplan nicht nur bundeseinheitlich, sondern sogar EU-weit aufgestellt. Die Städte sollen das dann irgendwie umsetzen. Das kann nicht sein.

Der Ministerpräsident hat das Bildungsticket fürs Frühjahr 2019 versprochen. Wie wichtig ist das für Sie?

Das ist für die Betriebe von enormer Bedeutung. Gerade für die Unternehmen im ländlichen Raum, weil die Berufsschulstandorte meist wo ganz anders sind. Und zur Stärkung der dualen Berufsausbildung ist es für die Azubis wichtig, dass sie ohne allzu großen finanziellen Aufwand an diese Berufsschulstandorte kommen. Dieses Ticket würde also auch die Unternehmen im ländlichen Raum ein Stück weit stärken. Weil sie ihren Nachwuchs weiter selbst ausbilden können. Damit gelingt es uns auch wieder besser, die Berufsausbildung im Vergleich zum Studium attraktiv zu machen.

Ist das nur für die dünner besiedelten Regionen ein Thema?

Nein, die Berufsschulen in ganz Sachsen werden sich zukünftig womöglich noch stärker verteilen. So können insgesamt weitere Wege entstehen, wie es sie für bestimmte Berufe schon heute gibt.

Sie haben sich im Sinne einer besseren Bildung immer wieder für längeres gemeinsames Lernen stark gemacht. Sachsen will nun zumindest einen Teil der Lehrer verbeamten. Wird das helfen?

Sachsen hat mit der Verbeamtung der Lehrer ein Stück weit gegengesteuert. Es wird jetzt Lehrer mit Sonderstatus und Sondervergütung geben und Lehrer ohne diese Privilegien. Möglicherweise hätte man das auch auf andere Art und Weise regeln können. Eine weitere Frage ist, ob damit die inhaltliche Arbeit an den Schulen verbessert wird. Das ist überhaupt die Kernfrage. Und schließlich ist wichtig, ob der Lehrerberuf damit wieder aufgewertet wird. Das betrifft übrigens alle Schularten.

Wie wird das Thema Digitalisierung in den Unternehmen wahrgenommen?

Dafür braucht man zunächst eine Infrastruktur in Form von schnellem Internet. Und die gibt es nach wie vor nicht in dem Maße, wie die Unternehmen sie benötigen.

Auch nicht in den Großstädten?

Sie ist in Leipzig etwas besser als in den Landkreisen. Aber generell ist der notwendige Ausbaustandard weder rund um Leipzig noch in Sachsen noch in Deutschland flächendeckend vorhanden. Bis 2025 soll diese Struktur in Sachsen geschaffen werden. Aber das bedeutet auch: sechseinhalb Jahre warten. Als exportgeprägtes Land brauchen wir diese Struktur aber dringend. Das darf man auch nicht auf die Kommunen oder Landkreise abwälzen, die damit überfordert sind. Und bevor man diese digitale Infrastruktur nicht hat, kann man nicht über Heimarbeitsplätze und andere Dinge reden.

Die Landesregierung will jetzt den Breitbandausbau zu 100 Prozent fördern.

Ja, das sind aber Bekundungen, die noch nicht ihren Niederschlag in den Förderrichtlinien gefunden haben. Und der bürokratische Aufwand, der dahintersteckt, ist so enorm, dass es mehr hindert als pragmatische Lösungen fördert.

Auch die Bürokratie soll zurückgebaut werden. Glauben Sie daran?

Wenn wir Erfolg haben wollen, m u s s es umgesetzt werden.

Spüren Sie davon schon etwas?

Man merkt, dass jetzt ein frischerer Wind aus Dresden weht. Die Kommunikation mit der Landesregierung ist wesentlich intensiver geworden. Wenn man mal nur den schon lange währenden Wettbewerb zwischen Dresden und Leipzig betrachtet, so habe ich den Eindruck, dass Leipzig jetzt ganz anders wahrgenommen wird.

Der Fachkräftemangel wird in Sachsen immer mehr zum Problem. Wie sieht es in Leipzig aus?

Das ist in Leipzig ähnlich. Wenn man sieht, dass ungefähr 50 Prozent der Stellen erst nach mehr als 6 Monaten besetzt werden können – das ist schon eine alarmierende Zahl. Das wird mittlerweile zum Wachstumshemmnis in den Firmen. Hier muss man durch gezielte Zuwanderung gegensteuern. Dafür muss die Politik jetzt die entsprechenden Weichen stellen. Wir brauchen eine gezielte und qualifizierte Zuwanderung im Fachkräftebereich.

Ist dafür nicht auch eine bessere Bezahlung notwendig? Laut jüngster Statistik steigen die Löhne in Sachsen zwar etwas schneller als bundesweit. Aber wir sind trotzdem erst bei 85 Prozent des bundesweiten Niveaus.

Wie hoch die Löhne sind, hängt aber ja auch davon ab, welche Arbeitsplätze es hier gibt. Wenn Sie das mit Hochtechnologie-Arbeitsplätzen in München oder Stuttgart vergleichen, dann sind die natürlich deutlich besser bezahlt. Unser Ziel muss es deshalb sein, dass auch bei uns mehr hoch qualifizierte Arbeitsplätze entstehen. Dafür müssen wir mehr Forschung und Entwicklung nach Sachsen holen. Dann gleicht sich auch die Vergütung an.

Geht da der Fracht-Ausbau am Flughafen nicht genau in die falsche Richtung? Dort sind ja bei DHL doch eher Jobs im unteren Lohnbereich entstanden.

Das eine schließt das andere ja nicht aus. Wir brauchen ja beides: qualifizierte Jobs, aber auch Stellen für diejenigen, die nicht so hoch qualifiziert sind. Die Ansiedlung von DHL war da ein Glücksfall für die Region. Und es geht ja auch um die Wertschöpfung, die sich dort ringsherum entwickelt. Flugzeuge müssen ja zum Beispiel auch gewartet werden. Eine gute Infrastruktur macht den Standort dann auch für Firmen attraktiv, die hier Forschung und Entwicklung betreiben wollen. Dann kommen auch die entsprechenden Ansiedlungen.

Beim Wachstum fällt Sachsen inzwischen sogar hinter dem Westen zurück. Ist der Aufholprozess zu Ende?

Nein, aber die Aufbaujahre sind vorbei. In vergangenen Jahren wurde das Wachstum hier ja vor allem durch eine ganze von Reihe Großansiedlungen getragen. Das wird nicht noch einmal so explosionsartig geschehen. Der Weg wird jetzt schwieriger. Wir müssen den Fokus jetzt mehr auf die vielen kleineren Unternehmen setzen. Wenn ein kleines Unternehmen mit Fachkräftemangel und Digitalisierung nicht klar kommt, dann wird es auch nicht wachsen. Und bei vielen steht jetzt auch noch die Unternehmensnachfolge an. Das kann eine Chance sein: Wir müssen die kleinen Unternehmen dazu animieren, sich zu größeren Einheiten zusammenzuschließen. Wenn das gelingt, dann wird auch das Wachstum steigen.

Sie denken also an einen ostdeutschen Großkonzern?

Nein, wir reden da nicht gleich über Großkonzerne, sondern eher über größere Mittelständler, wie es sie in den alten Bundesländern gibt. Dort tragen solche Mittelständler ganz massiv zum Wachstum bei. Das fehlt uns. Die Frage ist jetzt: Gelingt es uns, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass wir gerade im Bereich der neuen Technologien Unternehmen aufbauen, die dann vielleicht doch einmal ihren Hauptsitz in Sachsen haben. Spreadshirt aus Leipzig ist da ein gutes Beispiel. Das muss uns jetzt auch in anderen Bereichen gelingen.

Von Roland Herold und Frank Johannsen

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