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00:15 11.10.2016
IWH-Präsident Reint E. Gropp Quelle: André Kempner
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Halle

Die 2008 ausgebrochene Finanzkrise haben die deutschen Sparkassen gut verkraftet. Staatshilfen, die etwa die Commerzbank gerettet hatten, waren nicht nötig. Doch die Folgen der Krise bekommen jetzt die zumeist kleineren öffentlich-rechtlichen Institute zu spüren. „Ich wage die Prognose, dass spätestens 2018 die kleinen Banken in Deutschland ein Riesenproblem bekommen werden“, sagt Reint E. Gropp, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Der Professor fordert daher einen Konsolidierungsprozess, um das Finanzsystem zu stabilisieren.

Niedrigzinspolitik wirkt sich aus

Die Gründe für den zunehmenden Druck auf die Geldhäuser liegen vor allem in den krisenbedingten Niedrigzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) und den strengen Auflagen der Bankenaufsichten. Die Nullzins-Politik der EZB drückt die Margen der Institute. Sie verdienen einen Gutteil ihres Geldes in der Regel dadurch, dass sie niedrige Zinsen für Spareinlagen zahlen und höhere für Kredite kassieren.

Gerade Sparkassen sind sehr abhängig von diesen Zinserträgen, die bis zu 80 Prozent des Ertrages ausmachen. „Diese Problematik betrifft alle Banken“, betont Finanzmarktexperte Gropp, „aber vor allem diejenigen, die nicht oder nur wenig in anderen Geschäftsfeldern wie Vermögensverwaltung oder Investmentbanking aktiv sind.“ Größere Institute könnten daher die Verluste wieder ausgleichen – im Gegensatz zu den zumeist kleinen unter den 408 deutschen Sparkassen und den 1019 Genossenschaftsinstituten.

Thüringer Sparkasse erwarten weniger Gewinn

Nach Angaben des IWH-Präsidenten haben die Sparkassen und Volksbanken zusammen einen Marktanteil von rund 60 Prozent und vergeben 70 Prozent der Kredite. Das schlage allmählich auf die Institute durch, die vor allem auf die Zinsmarge angewiesen seien. Noch profitierten die Sparkassen von Krediten, die sie zu höheren Zinsen als jetzt vor 2008 ausgegeben hätten. Doch diese Verträge liefen allmählich aus, die Zinsspanne und somit der Gewinn würden immer geringer. „Es ist unausweichlich, dass der Druck aus den niedrigen Zinsen jetzt nach und nach auf die Profitabilität durchschlägt.“ Der Sparkassenverband Hessen-Thüringen scheint das zu bestätigen. Präsident Gerhard Grandke erwartet für dieses Jahr sinkende Gewinne. “ In der Summe wird das Betriebsergebnis vor und nach Bewertung niedriger als im Vorjahr ausfallen”, schätzt er ein. Von einer „betriebswirtschaftlich großen Herausforderung“ spricht denn auch Georg Fahrenschon, der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV).

Verband kritisiert Regulierungsbürokratie

Weitere Punkte kommen noch oben drauf. „Schon heute zehren die Kosten der Regulierungsbürokratie bis zu zehn Prozent des Jahresergebnisses auf“, rechnet der DSGV vor. „Die Datenanforderungen an die Banken treiben deren Aufwendungen in die Höhe“, hat Gropp beobachtet. Und auch hier gelte: Je kleiner die Institute, desto stärker litten sie darunter.

Die Sparkassen hätten zudem mit der demografischen Entwicklung zu kämpfen. Sie böten eine weitgehende flächendeckende Versorgung mit Geldprodukten an. In vielen ländlichen Regionen mit abnehmenden Bevölkerungszahlen sei das inzwischen ein Zuschussgeschäft. Nicht zuletzt gebe es neue Spieler am Markt, die Fintecs. Sie suchten sich einen Aspekt des Bankgeschäfts heraus und machten das effizienter als die Sparkassen. „Auch das führt zu einem steigenden Ertragsdruck“, sagt Gropp. Grandke bestätigt diese Einschätzung. „Schon heute hinterlassen die Auswirkungen der Dauerniedrigzinsphase, der Digitalisierung sowie die steigenden regulatorischen Anforderungen ihre Spuren in unserer Gewinn- und Verlustrechnung.“ Und der Druck auf die Ertragslage werde in den kommenden Jahren „noch deutlich zunehmen“.

Forderung: Jetzt Reformen einleiten

Für Gropp liegen die Schlussfolgerungen aus der Misere auf der Hand. Der Wirtschaftswissenschaftler fordert, jetzt die jahrelang versäumten Reformen einzuleiten, um eine Bereinigung zu erreichen, „bevor es zu spät ist“. In Deutschland gebe es zu viele Banken. Sparkassen sollten also fusionieren und auch an Privatbanken verkauft werden können. Im Wesentlichen gehe es darum, die Anzahl der Institute zu reduzieren und ihre durchschnittliche Größe zu erhöhen. Gropp: „Dann könnten sie auch weitaus besser mit der europäischen Niedrigzinspolitik umgehen.“

Von Ulrich Milde

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