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Letzte Rettung: Wurzelbehandlung

LVZ-Serie: Auf den Zahn gefühlt, Teil 5 Letzte Rettung: Wurzelbehandlung

Mit über sieben Millionen Fällen pro Jahr gehört die Wurzelkanalbehandlung zu den häufigsten zahnärztlichen Behandlungen in Deutschland. Tief eingedrungene Bakterien verursachen heftige Schmerzen am Zahn, dann muss in schwierigen Fällen ein Spezialist ran.

Zahnmediziner Prof. Christian Hannig am Behandlungsstuhl der Zahnklinik im Uniklinikum Dresden.

Quelle: ronaldbonss.com/ Bonss

Leipzig. Am Anfang war nur ein Muckern, am Ende höllischer Schmerz: „Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten“, erzählt Sophia Opitz aus Meißen. Auslöser der Pein war ein „kranker Zahn“, wie das Röntgenbild zeigte – die Karies hatte sich bereits tief in den Zahn gefressen. Um ihn zu retten, empfahl ihr Zahnarzt Dr. Thomas Breyer eine Wurzelkanalbehandlung. Drei Termine waren dafür nötig, nun ist die 29-Jährige schmerzfrei und um eine Erfahrung reicher: „Ab sofort gehe ich wieder regelmäßig zur Zahnkontrolle.“

Das Problem

Mit über sieben Millionen Fällen pro Jahr gehört die Wurzelkanalbehandlung zu den häufigsten zahnärztlichen Behandlungen in Deutschland. „Bei einer deutlichen Vorschädigung ist dies die letzte Möglichkeit, den Zahn zu erhalten“, sagt Professor Christian Hannig. Er leitet seit 2010 die Poliklinik für Zahnerhaltung mit Bereich Kinderzahnheilkunde am Dresdner Uniklinikum und gehört dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung an.

Die Zahnwurzel sorgt dafür, dass der Zahn fest im Kiefer verankert ist. Doch Karies kann ihr gefährlich werden: Wenn die Bakterien erst einmal tief genug in den Zahn eingedrungen sind, können sie das im Inneren befindliche Weichgewebe, die Pulpa – Bindegewebe, Blutgefäße, Nerven – angreifen. Es kommt zu Entzündungen oder das Gewebe stirbt ab, und der Wurzelkanal wird von Bakterien besiedelt. Das verursacht nicht nur heftige Schmerzen, sondern kann auch zu Folgeschäden im Organismus führen.

Hannig: „Ziel jeder Wurzelbehandlung ist es, das Wurzelkanalsystem von dem entzündeten Gewebe zu befreien und die Bakterien zu entfernen, die in einem fest anhaftenden Biofilm organisiert sind.“ Dazu wird das Wurzelkanalsystem eröffnet, mechanisch und chemisch gesäubert und desinfiziert und am Ende auf ganzer Länge verfüllt. Wurzelkanalbehandlungen sind mitunter auch erforderlich, wenn ein Zahn abbricht und das Weichgewebe, die Pulpa, freiliegt. Bei richtigem Verhalten nach einem Unfall sei diese Behandlung aber vermeidbar, betont Hannig.

Die Wurzelkanalbehandlung ist eine komplexe therapeutische Maßnahme. Denn die Kanäle bilden in der Regel ein verzweigtes System, das von Zahn zu Zahn und von Mensch zu Mensch verschieden ist. Obere Schneidezähne haben meist einen Kanal, untere oft auch zwei. Große Backenzähne – die sogenannten Molaren – weisen drei bis fünf, manchmal noch mehr Kanäle auf. Hannig: „Das Röntgenbild liefert dem Arzt einen wichtigen Anhaltspunkt. Oft entdeckt man weitere Verzweigungen und Besonderheiten aber erst beim Eröffnen des Zahns.“

Die Behandlung

Nach der Betäubung (Lokalanästhesie) wird ein Gummituch – der sogenannte Kofferdam – am Zahn angebracht, um ihn von Speichel und Bakterien abzuschirmen. Anschließend bohrt der Arzt den Zahn auf und reinigt das Kanalsystem. Das Ganze ist viel Feinarbeit: Mit kleinen Feilen werden die Kanäle erschlossen, erweitert und gereinigt. Gleichzeitig wird das Wurzelkanalsystem mit Desinfektionslösungen gespült. „Die Kombination von mechanischer Aufbereitung und chemischer Desinfektion entscheidet über den Erfolg der Behandlung.“

In einem Forschungsprojekt untersucht man derzeit in Dresden, wie die Reinigung mithilfe von Ultraschall noch besser gelingen kann. Zum Schluss wird der Hohlraum so dicht wie möglich verfüllt, damit keine neuen Bakterien in den Kanal gelangen können. Außerdem muss der Zahn dicht verschlossen werden. Bei Seitenzähnen geschieht dies meist mit Krone oder Teilkrone.

Prinzipiell beherrscht jeder Zahnmediziner die Grundlagen dieser Behandlung. „Unsere Studenten lernen alle Arbeitsschritte, damit sie viel für den Zahnerhalt leisten können“, sagt Professor Hannig. Zu den sehr wertvollen Hilfsmitteln gehören nach seinen Worten die Lupenbrille, eventuell auch ein Operationsmikroskop und ein elektronisches Messgerät zum Bestimmen der Wurzelkanallänge. Die traditionelle Aufbereitung erfolgt mit Handinstrumenten.

Inzwischen sind maschinelle Systeme mit elastischen Nickel-Titan-Feilen sehr weit verbreitet. Diese sind insbesondere bei gekrümmten Kanälen sehr hilfreich. Wie schwierig die Behandlung ist, hängt von vielen Faktoren ab. Vor allem der Zerstörungsgrad des Zahns und die Anatomie des Wurzelkanalsystems entscheiden darüber, wie lange der Eingriff dauert, welche Hilfsmittel nötig sind und was das Ganze kostet.

Hannig: „Stößt der qualitätsorientierte Zahnarzt an die Grenzen seiner Möglichkeiten, wird er den Patienten an Kollegen überweisen, die sich auf dem Gebiet der Endodontie spezialisiert haben. Sie verfügen auch über ein größeres Repertoire an Geräten.“

Die Komplikationen

Die Angaben zu Komplikationen schwanken extrem. Während die Fachgesellschaft für Endodontologie eine Erfolgsquote von „deutlich über 90 Prozent“ angibt, schätzt ein von der Stiftung Warentest zitierter Hochschulmediziner die Misserfolgsrate auf bis zu 60 Prozent.
Das häufigste Problem ist nach den Worten von Christian Hannig, dass das Wurzelkanalsystem nicht perfekt desinfiziert wurde und die entzündlichen Prozesse an der Wurzelspitze anhalten. Manchmal breche auch die Feile ab; das verbliebene Teil müsse dann aufwendig entfernt werden. Mitunter sei dazu auch eine Entfernung der Wurzelspitze im Rahmen einer chirurgischen Operation erforderlich.

Die Kosten

Die Kosten richten sich nach dem technischen und zeitlichen Aufwand. Bei einer einfachen Situation mit einem geraden Wurzelkanal sei möglicherweise keine Zuzahlung erforderlich. In anderen Fällen müssen Patienten einen Eigenanteil leisten, der zwischen 90 und 500 Euro liegen kann, bei sehr komplexen Situationen oder Revisionen durchaus auch bei 1500 Euro. Privatleistungen können zum Beispiel bestimmte Methoden der Reinigung und der Einsatz eines OP-Mikroskops sein. Die gesetzlichen Krankenkassen honorieren zahnärztliche Leistungen für Wurzelkanalbehandlungen nur sehr begrenzt. Wichtigstes Kriterium für eine Kostenübernahme ist, ob der Zahn als erhaltungswürdig eingestuft wird.

In bestimmten Fällen können Kassen auch jeglichen Zuschuss verweigern, erklärt Claudia Görsch, Beratungszahnärztin bei der AOK Plus. Die Behandlung wird dann zur reinen Privatleistung – etwa bei einer ungünstigen Langzeitprognose oder niedriger funktioneller Bedeutung des Zahnes. Dies gilt teilweise auch für Revisionen.
„Jeder Zahnarzt muss den Patienten vor der Behandlung auch über Risiken, Kosten und Alternativen aufklären“, betont der Experte. Wobei die Alternative immer nur das Ziehen des Zahns sei – und das könne mit Blick auf den Ersatz am Ende noch deutlich teurer werden. „Das Ziel der modernen Zahnmedizin ist die Zahnerhaltung!“

LVZ

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