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Porsche-Chef Oliver Blume: „Man darf den Diesel nicht verteufeln“

Interview Porsche-Chef Oliver Blume: „Man darf den Diesel nicht verteufeln“

Der Vorstandsvorsitzende der Stuttgarter Autoschmiede spricht im LVZ-Interview über das autonome Fahren, Elektromobilität und das Leipziger Werk.

Porsche-Chef Oliver Blume. (Archivbild)

Quelle: dpa

Leipzig. Die europäische CO2-Gesetzgebung „macht es erforderlich, dass wir noch eine längere Zeit auf Diesel-Motoren angewiesen sind". Das sagte Oliver Blume (49), seit Oktober 2015 Porsche-Vorstandschef.

 

LVZ: Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, was Sie in fünf, sechs Jahren beruflich machen? Dann wird autonom gefahren, und kein Mensch kauft mehr einen Porsche.

Oliver Blume: Da muss ich Ihnen widersprechen, Porsche wird auch künftig gefragt sein. Ich selbst bin von der Automobilindustrie begeistert und will auch in Zukunft dort arbeiten. Ja, Porsche wird immer eine Marke sein, die man selbst fahren möchte. Aber auch für den Porsche-Fahrer gibt es Situationen, in denen er gerne mal autonom fährt.

Welche zum Beispiel?

Nichts spricht gegen das autonome Fahren im Stau, im Stop-and-Go-Verkehr. Es ist doch reizvoll, wenn ich in Leipzig morgens die LVZ lesen kann und das Auto fährt mich zur Arbeit. Es ist außerdem praktisch, wenn ich zum Essen verabredet bin, vielleicht schon spät dran bin und das Auto parkt automatisch ein. Darüber hinaus arbeiten wir an Konzepten, wie wir autonomes Fahren Porsche-typisch interpretieren können. Wir denken hier etwa an eine Mark-Webber-App. Die können Sie sich herunterladen und ein virtueller Rennfahrer Mark Webber chauffiert Sie dann um die Nordschleife am Nürburgring oder über unsere Teststrecke in Leipzig. Er ist eine Art Instrukteur und coacht Sie virtuell.

Auch Porsche soll sich an wettbewerbswidrigen Absprachen mit anderen Autobauern beteiligt haben. Was sagen Sie dazu?

Zum aktuellen Sachverhalt kann ich nur sagen, dass wir uns zu Spekulationen und Sachverhaltsvermutungen, die auf Grundlage der öffentlichen Berichterstattung beruhen, nicht äußern.

Auch der Diesel steht unter Druck, es drohen Fahrverbote. Ist er bald tot?

Bei Porsche spielt der Diesel traditionell keine so große Rolle. Wir haben keine eigene Diesel-Entwicklung und wir bauen auch keine Diesel-Motoren. Wir bedienen uns an der Stelle aus dem Baukasten des VW-Konzerns. Die Motoren sind für unser Portfolio aber eine sehr gute Ergänzung. Man darf den Diesel nicht verteufeln. Die CO2-Gesetzgebung in Europa macht es erforderlich, dass wir noch eine längere Zeit auf Diesel-Motoren angewiesen sind. Fahrverbote sind kein Allheilmittel.

"Selbstverständlich werden in Zukunft rein elektrisch betriebene Fahrzeuge noch wichtiger"

Wie reagieren Sie darauf mit ihrer Modellpolitik?

Wir entwickeln unsere Modellpalette konsequent in vier Dimensionen weiter. Erstens werden wir rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge mit hohem Digitalisierungsgrad anbieten. Zweitens ergänzen wir unsere bestehende Modellpalette um sinnvolle und gefragte Derivate. Drittens haben wir vor, immer wieder und ganz gezielt neue straßentaugliche Rennwagen zu bringen, die statt beispielsweise des Automatikgetriebes eine Handschaltung haben. Dieses puristische Autofahren wird von vielen Kunden geliebt. Und viertens werden wir weitere, besonders Lifestyle-orientierte Modelle in unser Produktportfolio aufnehmen.

Der Eindruck ist, Porsche hinkt bei der Elektromobilität hinterher. Erst 2019 soll mit dem Mission E der erste reine Stromer kommen.

Wir kommen mit dem Mission E genau zum richtigen Zeitpunkt. Außerdem: Porsche war der erste Hersteller, der in drei Premium-Segmenten gleichzeitig hochmoderne Plug-in-Hybridmodelle angeboten hat – im 918, Cayenne und Panamera. Im neuen Panamera bieten wir jetzt schon zwei Hybrid-Versionen an; mit dem V8-Hybrid im Panamera Turbo S mit seinen knapp 700 PS und 50 Kilometer rein elektrischer Reichweite platzieren wir erstmals eine Hybridversion als Speerspitze einer Produktreihe. Und vergessen Sie nicht: Mit dem Rennwagen 919 Hybrid haben wir drei Mal in Folge das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewonnen, drei Mal in Folge das 6-Stunden-Rennen am Nürburgring und wurden 2015 und 2016 Weltmeister auf der Langstrecke. Selbstverständlich werden in Zukunft rein elektrisch betriebene Fahrzeuge noch wichtiger. Für die nächsten Jahre sehen wir jedoch noch einen Dreiklang in Bezug auf die Antriebskonzepte: weiter optimierte Verbrennungsmotoren, Hybridmodelle, rein elektrisch betriebene Sportwagen. Mit dieser Mischung sind wir gut aufgestellt. Unser Selbstverständnis ist, Fahrzeuge so umweltgerecht wie möglich zu gestalten. Übrigens werden wir den Mission E CO2-neutral produzieren.

Wie hoch dürfte in einigen Jahren Ihr Elektroauto-Anteil sein?

Das ist schwer vorherzusagen. Aber um eine Größenordnung zu nennen: Ich schätze, dass der Anteil 2025 bei ungefähr 25 Prozent liegen wird. Je nach Rahmenbedingungen kann das höher oder niedriger ausfallen, früher oder später der Fall sein.

"Leipzig ist eine tolle, dynamische Stadt"

Leipzig verliert den Cayenne, der Mission E wird in Stuttgart gebaut. Ist das sächsische Werk auf dem absteigenden Ast?

Überhaupt nicht. Der Panamera wird jetzt komplett in Leipzig gefertigt, mit dem Macan wurde der Standort mit seiner hochkompetenten Mannschaft zu einem Vollwerk. 75 Prozent unserer Autos kommen aus Leipzig. Wir haben auch ein ganz klares Zukunftsszenario für das Werk – und zwar Porsche-typisch mit Vollgas.

Dazu gehört ein elektrischer Macan ab 2022?

Wir haben noch keine Entscheidung getroffen. Sicherlich würde sich aber der Macan für die Elektrifizierung gut anbieten.

Der Macan ist der meistverkaufte Porsche, der Anteil liegt bei 40 Prozent. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Er hat unsere Erwartungen deutlich übertroffen. Wir mussten deshalb die Fertigung in Leipzig schon ziemlich ausreizen, um die hohe Nachfrage abzudecken.

Was haben Sie noch in Leipzig vor?

Wir hatten in den vergangenen Jahren ein immenses Wachstum. Heute arbeiten in Leipzig etwa 4100 Mitarbeiter. Jetzt legen wir in der Produktstrategie fest, was ab 2021 passieren wird. Da spielt Leipzig eine ganz wichtige Rolle. Soviel kann ich schon verraten.

Sie haben als Produktionsvorstand den Anlauf des Macan verantwortet. Was verbindet Sie mit der Stadt?

Leipzig ist eine tolle, dynamische Stadt mit begeisterungsfähigen Menschen, eine zweite Heimat für Porsche und hat einen ganz wichtigen Platz in meinem Herzen. Es war eine großartige Idee, dass Porsche damals nach Leipzig gegangen ist. Und ich bin stolz darauf, einen Beitrag für den Ausbau geleistet zu haben.

Mit viel Platz für weiteres Wachstum.

Stimmt. Das ist ganz wichtig für uns, wenn wir überlegen, wie wir unsere Modellpalette ausbauen und welche neuen Entwicklungen es beim Macan und Panamera geben wird.

Interview: Ulrich Milde

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