Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Wirtschaft Regional Sechs Meter pro Minute: Fahrt mit einem Tagebaubagger zum neuen Einsatzort
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft Regional Sechs Meter pro Minute: Fahrt mit einem Tagebaubagger zum neuen Einsatzort
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 08.10.2016
Wir steigen bis zur mittleren Ebene. Um den Koloss führt eine Art Aussichtsplattform. Die Sicht hier in 16 Meter Höhe ist grandios. Quelle: Andreas Döring
Anzeige
Neukieritzsch

Die Bundesstraße 176 ist an diesem Dienstag gesperrt. Komplett. Wegen Umzugs mehrerer Riesen. Der größte von ihnen ist schon von weitem zu sehen. 40 Meter ist der Schaufelradbagger mit der Nummer 1552 hoch, sechs Meter höher als die Kuppel vom Gondwanaland im Leipziger Zoo. Und schwer. Gäbe es für Riesen wie Nummer 1552 eine Waage, würde die Anzeige erst bei 2350 Tonnen Halt machen – so viel wie rund 2000 Pkw.

Auf einer Länge von knapp einem halben Kilometer folgen weitere Großgeräte: ein Eimerkettenbagger (2300 Tonnen), ein Bandwagen (600) und drei Bandantriebsstationen (bis 350 Tonnen).

Meter für Meter schleppen sich die Kolosse zwischen Neukieritzsch und Groitzsch (Landkreis Leipzig) voran. Vor zwei Woche hat sie die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag) auf Reisen geschickt – vom Abbaufeld Vereinigtes Schleenhain ins benachbarte Feld Peres, benannt nach dem Dorf, das der Kohle weichen musste. Damit die Ketten nicht den Asphalt aufbrechen, wurde eine Meter dicke Sandschicht auf die Bundesstraße aufgebracht. „Beeindruckend“, sagt Gert Weidner. Der 45-Jährige ist mit seinem Vater aus Altenburg angereist. Herbert Weidner hat jahrelang bei Mibrag gearbeitet. „Als Fahrer auf genau solch einem Schaufelradbagger aus dem Hause Takraf“, sagt der 79-Jährige etwas wehmütig. Zu seinen Stationen gehörten neben Schleenhain auch die Tagebaue Zechau und Hasselbach im nördlichen Altenburger Land. „1952 bis 1992 – eine tolle Zeit, leider vorbei.“

Obwohl im nahen Frohburg zu Hause, hat Rentner Manfred Seifert knapp eine Stunde Fahrt bis zum Tagebau benötigt, um dem Schauspiel beizuwohnen. „Überall Umleitungen“, sagt der 75-Jährige. Seinem 14-jährigen Enkel Maximilian will er zeigen, wer die vielen Löcher im Süden Leipzig gegraben hat, dem heutige Neuseenland. Auch er war Bergmann. In Espenhain und in der Lausitz. Zuletzt habe er mehrere dieser Kolosse zu Grabe getragen, also verschrottet. Immer dann, wenn ein Tagebau geschlossen und die Technik anderswo nicht mehr benötigt wurde.

Nummer 1552 hat die Bundesstraße überquert. Der Eimerkettenbagger folgt. 100 Meter ist das Gefährt lang und 26 Meter hoch. Ohne seinen gelben Helm und die Warnweste wäre der Mann in der Fahrerkabine hoch oben nicht so leicht zu sehen. Ob es dort oben mächtig schaukelt? „Kommen Sie mit“, sagt Jürgen Scheibe vom Projektteam, das den Transport seit Monaten akribisch geplant hat. Er klappt das untere Teil einer Stahltreppe herunter und wir klettern auf den Bagger. Bei gerade einmal sechs Metern pro Minute, die sich das Gefährt auf seinen vier breiten Ketten vorwärts bewegt, ist der Aufstieg völlig unproblematisch.

Wir steigen bis zur mittleren Ebene. Um den Koloss führt eine Art Aussichtsplattform. Die Sicht hier in 16 Meter Höhe ist grandios. Scheibe, gelernter Geräte- und Anlagenfahrer, blickt in Richtung Tagebau Schleenhain. Die ersten Schaufeln haben sich 1949 dort in die Erde gegraben. Seither sind 1,59 Milliarden Tonnen Abraum abgetragen worden. Das Loch erstreckt sich auf eine Fläche von 16 Quadratkilometern. Weiter rechts ist das Kohleförderband zu sehen. Es führt über eine Sammelstation bis nach Lippendorf. Weil die Kohle im Feld Schleenhain langsam zur Neige geht – 50 Millionen Tonnen sollen noch vorrätig sein – ziehen die Bagger einer nach dem anderen um. Im März vor zwei Jahren setzte schon der erste Tross ins Feld Peres um. Der jetzige sei der größte, der sich im Tagebau Vereinigtes Schleenhain je in Bewegung gesetzt hat, weiß Scheibe.

Wir gehen in die Kabine von Christian Rystock. Per Joystick und einer Unmenge von Knöpfen und Hebeln steuert er aus einem gut gepolsterten Sessel heraus das 200 Meter lange Gefährt. Die Kabine ist gut geheizt, der Ausblick gewaltig. Hin und wieder erhält er über Funk die Aufforderung, den langen Arm mit den eimerförmigen Schaufeln auszurichten. Im Tagebau habe er den Koloss schon einige Male umsetzen müssen. Aber auf einer Bundesstraße, sagt der Leipziger mit einem Schmunzeln, fahre er damit das erste Mal.

Kaum hat der Tross die Straße überquert, beginnen die Räumarbeiten, damit der Verkehr auf der B 178 wieder rollen kann. Parallel dazu sollen die Leiterseile der abgeschalteten 220-KV-Freileitung wieder aufgehängt werden. „Das ist nicht der letzte Transport dieser Art“, erklärt Tagebauleiter Torsten Wenke. 2023 soll der letzte Bagger das Feld Schleenhain verlassen haben.

Im Feld Peres werde man bis 2040 Kohle abbaggern und so die Kohleversorgung für Lippendorf sicherstellen. Rund 33.000 Tonnen werden am Tag benötigt. Das Kraftwerk versorgt unter anderem Leipzig mit Fernwärme. Dass dem sächsischen Standort ein Schicksal wie dem Kraftwerk Buschhaus in Helmstedt (Niedersachsen) droht, sei unwahrscheinlich, sagt Armin Eichholz, Vorsitzender der Mibrag-Geschäftsführung.

Das von der Mibrag erst vor drei Jahren übernommene Kraftwerk Buschhaus geht vorzeitig von Netz und bleibt für vier Jahre in Sicherheitsbereitschaft. Die Bundesregierung hat dies im Rahmen der Energiewende beschlossen. Damit fallen in Niedersachsen, aber auch im mitteldeutschen Kohleabbaugebiet Profen Stellen weg. Insgesamt 320 in den nächsten zwei Jahren. Die verbleibenden Arbeitsplätze (die Mibrag beschäftigt ohne Töchter rund 2000 Mitarbeiter) seien aber sicher, versichert Eichholz.

Andreas Dunte

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Wirtschaft Regional Nach Kraftwerks-Abschaltung in Niedersachsen - Mibrag streicht in Profen mehr als 300 Jobs

Weil bei Helmstedt ein Kraftwerk vom Netz geht, muss die Mibrag in Profen Hunderte Jobs streichen: Mehr als 320 Stellen fallen in dem Tagebau bei Leipzig bis Ende 2018 weg. Entlassen wird aber niemand.

05.03.2018

Die Tariflöhne in Ostdeutschland haben 26 Jahre nach der Wiedervereinigung beinahe das West-Niveau erreicht. Die tariflichen Grundvergütungen in den neuen Ländern erreichen nach den aktuellsten vorliegenden Daten von Mitte 2016 im Schnitt rund 98 Prozent des Westniveaus

04.10.2016
Wirtschaft Regional Rektionen auf die Milchkrise - Bauern setzen auf Innovationen

Die Bauern in Sachsen und Thüringen haben es schwer. Die Preise vor allem bei der Milch, aber auch bei Fleisch und Getreide sind kaum noch kostendeckend.Die Landwirte reagieren mit Innovationen auf diese Herausforderungen.

04.10.2016
Anzeige