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Wirtschaft Regional Über Äthiopien nach Leipzig: Catherine Chalk lässt in Plagwitz altes Handwerk auferstehen
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08:26 16.09.2014
Die französische Designerin Catherine Chalk (r) bespricht mit der Italienerin Daniela Ruggiero (M) und Inka Schubert in ihrer Werkstatt „Webervogel“ in Leipzig (Sachsen) auf einem handbetriebenen Webstuhl ein neues Design für einen Stoff. Quelle: dpa
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Leipzig

Hier erfuhr die gebürtige Französin von der langen Tradition der Textilindustrie in Leipzig.

Sie sah sich die ehemalige Baumwollspinnerei an, in der heute vor allem Künstler in ihren Ateliers arbeiten. „Eine Spinnerei, in der nicht gesponnen wird“, erzählt sie kopfschüttelnd auf Englisch - mit deutlichem französischen Akzent. Und so hat die Tochter aus einer Industriellenfamilie gehandelt. Nicht weit von der ehemaligen Baumwollspinnerei hat sie im sogenannten „Westwerk“ mit der Produktion von Textilien begonnen. Handgewebt, wie die patente Frau betont. Vom Stadtteil Plagwitz aus sollen die Stoffe die Welt erobern. „Frankreich, Italien, Spanien, Belgien - in diesen Ländern gibt es schon sehr gute Kontakte etwa in die Modebranche“, sagt sie.

Namen will sie nicht nennen, das sei in diesem Geschäft verpönt, lässt aber durchblicken, dass es sich um namhafte Labels handelt. „Wir sprechen hier von Haute Couture, da wird Wert auf Exklusivität und Handarbeit gelegt.“ Zehn Webstühle stehen in einer alten Fabrikhalle, weitere zehn sollen in diesem Jahr noch hinzu kommen, wenn eine Zwischenwand entfernt und die Produktionshalle vergrößert worden ist. Ihren Mitarbeiterinnen vermittelt sie ihre Kenntnisse über das alte Handwerk, so wie sie es als Chefin einer Weberei auch schon in Äthiopien tat - dort allerdings in einem Betrieb mit gut 3000 Mitarbeitern.

Die französische Designerin Catherine Chalk drapiert in ihrer Werkstatt „Webervogel“ in Leipzig (Sachsen) eine gewebte Stoffbahn auf einer Puppe. Quelle: dpa

Nun geht es viel kleiner, aber dafür auch viel feiner zu. Modern, exzentrisch, verwegen - Catherine Chalk will keinen Massenmarkt bedienen, sondern „hohe Qualität für exklusive Kunden“ bieten. Die Designs stammen in erster Linie von ihr, aber die Frauen, die an den Webstühlen sitzen, können eigene Vorstellungen und Vorschläge unterbreiten, was sie in regelmäßigen Teamsitzungen auch tun. „Ich muss nicht mehr an eine berufliche Zukunft denken, aber ihre Karrieren haben sie noch vor sich“, sagt die Endfünfzigerin.

Bei der Auswahl der Mitarbeiterinnen hat sie nach eigenen Aussagen darauf geachtet, eine möglichst breite Mischung von unterschiedlichen Ausbildungen, aber auch sozialem Hintergrund zu erreichen. Und so sitzt zum Beispiel die frühere Glas- und Porzellanmalerin Inka Schubert an einem Webstuhl neben dem von Sandy Hartmann, die Archäologie studiert hat. „Ich bin vergangenes Jahr nach Leipzig gekommen und durch das Arbeitsamt hierher vermittelt worden“, berichtet Schubert. Sie begeisterte sich sofort dafür, in dem alten Handwerk zu arbeiten. „Ich habe erst hier damit angefangen, weben zu lernen, nach etwa zwei Wochen waren die Grundkenntnisse vorhanden“, sagt die frühere Porzellanmalerin.

Archäologin Sandy Hartmann hörte von Bekannten, was für ein Projekt im „Westwerk“ entstand und kam einfach einmal vorbei. Jetzt gehört sie zur Belegschaft und ist froh, dass sie sich problemlos um ihre beiden Kinder kümmern kann. „Die Archäologie ist für eine Mutter nicht unbedingt die geeignetste Tätigkeit, wenn man dauernd zu Ausgrabungen unterwegs und kaum je zu Hause ist“, erklärt sie den Berufswechsel.

Erst seit wenigen Wochen wird in der Plagwitzer Weberei gearbeitet, und doch sind schon rund 200 verschiedene Textildesigns entstanden. Einige davon werden probehalber für selbst entworfene Jacken eingesetzt, aber Chalk denkt weit über die Bekleidungsmode hinaus. „Für unsere Stoffe sollen sich auch Innenarchitekten oder auf gehobener Ebene arbeitende Raumausstatter interessieren.“ Sollten einmal größere Mengen an Stoffen benötigt werden, so will sie Aufträge an regionale Unternehmen weitergeben. Grundsätzlich aber gilt: An erster Stelle steht die Handarbeit, so wie es die Kunden erwarten.

Größere Handwebereien gibt es nach Auskunft des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie kaum noch. Dies liege vor allem daran, dass es nahezu unmöglich sei mit Handwebereien Geld zu verdienen. Umsatz und Gewinn stimmten nicht, da nur wenige Kunden bereit seien, für die teure Manufakturarbeit Geld in die Hand zu nehmen. Doch Chalk ist sich sicher, den Markt zu kennen. Sie sagt, ihre hoch spezialisierte Firma sei einzigartig in Deutschland und die potenziellen Kunden warteten bereits auf die „exquisiten“ Textilien vom „Webervogel“.

Jörg Aberger, dpa

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