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00:21 19.08.2017
In Ostdeutschland müssen die Löhne steigen, fordert der Experte. (Symbolfoto) Quelle: dpa
Halle

Die Arbeitsproduktivität in Ostdeutschland hinkt der westdeutschen weiter hinterher. Viele Betriebe sehen daher keinen Spielraum für höhere Löhne – und klagen gleichzeitig über Fachkräftemangel. „Doch ohne Fachkräfte kein Aufholen“, kontert Steffen Müller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Die Unternehmen in den neuen Ländern machten dauerhaft Gewinne. „Um Fachkräfte zu binden und den Rückstand zum Westen aufzuholen, müssen sie Gewinne verstärkt an ihre Mitarbeiter weitergeben“, fordert der Wirtschaftsprofessor.

Ostdeutschlands Arbeitsproduktivität bleibt nach Müllers Auffassung ein Sorgenkind. Das sei nicht nur in den Augen der Politiker ein Manko – ihre Steuereinnahmen hängen schließlich direkt damit zusammen –, sondern vor allem auch für die Arbeitnehmer. Denn die geringere Arbeitsproduktivität bedeute für die Beschäftigten in erster Linie geringere Löhne. Gängige Analyse: Betriebe können ihren Mitarbeitern nur so viel zahlen, wie sie durch deren Arbeitseinsatz erwirtschaften, ansonsten verlieren sie ihre Wettbewerbsfähigkeit und werden von Konkurrenten verdrängt.

Müller aber meint, der geringere Lohn in Ostdeutschland führe dazu, dass viele kluge Köpfe in den Westen abwandern – und dort wiederum die Arbeitsproduktivität steigerten. „Damit schließt sich ein Teufelskreis: Der Produktivitätsrückstand verfestigt sich, und gleichzeitig suchen die Betriebe in Ostdeutschland verzweifelt nach Fachkräften.“

Die Daten sprächen jedoch gegen diesen scheinbaren Sachzwang: Der Anteil der ostdeutschen Betriebe, die Gewinne erwirtschafteten, sei, abgesehen von einem kleinen Knick während der Wirtschaftskrise, seit 2006 kontinuierlich gestiegen. „Vor zehn Jahren waren es etwa zwei Drittel der Betriebe, die Gewinn machten, heute sind es mehr als drei Viertel. Es gibt also durchaus Spielraum, Fachkräfte über Lohnerhöhungen an das eigene Unternehmen zu binden.“ Dass ein Unternehmen Gewinne mache, über Abwanderung von Fachkräften klage und gleichzeitig geringe Löhne zahle, „passt jedenfalls nicht zusammen“.

Doch wie lässt sich erklären, dass Gewinne steigen und Löhne nicht? In der Öffentlichkeit werde bisher wenig beachtet, dass nicht nur Gütermärkte unvollkommen wettbewerblich seien, sondern auch Arbeitsmärkte, erklärt der Ökonom. Diesen Umstand könnten sich manche Arbeitgeber zunutze machen und Löhne durchsetzen, die dauerhaft unterhalb der Produktivität der Beschäftigten liegen.

„Aktuelle Studien zeigen, dass identische Arbeitnehmer bei unterschiedlichen Betrieben sehr unterschiedlich hohe Löhne gezahlt bekommen und diese Differenzen nur zu einem geringen Teil durch Produktivitätsunterschiede zwischen Betrieben erklärt werden können.“ Die Lohnhöhe sei also auch eine Machtfrage. Und die Macht der Arbeitnehmerseite sei offenbar in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt rückläufig. Der Anteil des Arbeitnehmereinkommens am gesamten Volkseinkommen nehme langfristig ab, die Gewinne der Unternehmen stiegen.

„Die gute Nachricht lautet, dass es dadurch Spielräume beim Lohn gibt, mit denen ostdeutsche Unternehmen um Fachkräfte konkurrieren können“. sagt der IWH-Experte. Die Erkenntnis, dass ostdeutsche Betriebe im Wettbewerb um die besten Köpfe spürbar höhere Löhne anbieten müssen, reife: seit einiger Zeit sei das Lohnwachstum in den neuen Ländern stärker als im Westen.

Nicht von der Hand zu weisen sei, dass ein höheres Entgeltniveau einige auf niedrigen Löhnen aufbauende Geschäftsmodelle unrentabel werden lasse. Dort drohe Schrumpfung oder Schließung. Frei werdende Fachkräfte könnten derzeit jedoch relativ leicht in produktivere Betriebe wechseln. Müller: „Hieraus kann sogar ein zusätzlicher positiver Impuls für das Produktivitätswachstum im Osten entstehen.“

Ulirch Milde

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