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Wirtschaftszeitung Martin Dulig: "Sächsische Produkte sind weltmarktfähig"
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaftszeitung Martin Dulig: "Sächsische Produkte sind weltmarktfähig"
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14:11 27.09.2018
Martin Dulig ist seit 2014 Sächsischer Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr Quelle: Monika Skolimowska / dpa

Herr Dulig, wo steht die sächsische Wirtschaft?

Das beantworte ich Ihnen gerne. Nur eine kurze Vorbemerkung: Ich finde es gut, dass die LVZ eine Wirtschaftszeitung herausbringt. Es ist wichtig für unsere Unternehmen, vor allem in Ihrem Verbreitungsgebiet, eine derartige Plattform zu bekommen. Auf ihr kann die Vielfalt und Innovationskraft unserer einheimischen Wirtschaft dargestellt wird.

Danke für die Blumen, sie werden uns Ansporn sein. Jetzt zurück zur Frage.

Die sächsische Wirtschaft hat sich gut entwickelt, sie ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen, die Arbeitslosenzahlen sind auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Wir haben tolle Exportzahlen. Die Ausfuhren sind gegenüber 2010 um 67 Prozent gestiegen. Aber Selbstzufriedenheit ist ein schlechter Ratgeber. Sachsen Wirtschaft kann sich nur dann positiv weiterentwickeln, wenn sie die großen globalen und regionalen Herausforderungen der Zukunft auch annimmt.

Welche meinen Sie?

Wie gelingt den Firmen die Digitalisierung, wie gehen sie mit den weltwirtschaftlichen Umständen um? Die Demografie und der sich immer stärker abzeichnende Fachkräftemangel kommen oben drauf. Die wirtschaftliche Entwicklung ist maßgeblich davon geprägt, dass unsere Unternehmen stark sind, gute Beschäftigte haben und gemeinsam diese Herausforderungen als Chance begreifen und anpacken.

Chinesen haben vor wenigen Wochen den bereits verkündeten Bau einer Fabrik für Premium-Elektroautos in der Lausitz abgesagt, Homann verlagert die Fertigung von Feinkostsalaten doch nicht nach Leppersdorf. Verliert der Freistaat als Wirtschaftsstandort an Attraktivität?

Ein klares Nein! Doch keine Frage, die Absage der Chinesen und die geänderten Pläne von Homann haben uns alles andere als erfreut. Das Geschäft mit Wirtschaftsansiedlungen ist immer von Aufs und Abs geprägt. Von zehn potenziellen Investoren, die uns anfragen, investiert letztlich einer – früher lag die Quote bei 30 zu 1. Wenn ich mir anschaue, welche Ansiedlungen es in vergangenen vier Jahren gab, dann möchte ist fast von einem Boom sprechen. Allein das vorige Jahr war, getrieben durch die Ansiedlungsentscheidungen von Bosch und Philipp Morris, eines der erfolgreichsten überhaupt.

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Haben Sie da Zahlen parat?

Natürlich. 19 Unternehmen haben sich angesiedelt beziehungsweise erweitert, darunter sind 15 aus Deutschland, zwei aus Südkorea und je eins aus den USA und aus Kanada. Das Investitionsvolumen lag bei 1,45 Milliarden Euro. 1807 Arbeitsplätze wurden neu geschaffen. Das ist der Höchstwert seit 2010. Das belegt, dass der Freistaat als Standort attraktiv ist.

Was gehört neben Ansiedlungsanstrengungen noch zur Wirtschaftsförderung?

Das Kümmern um bestehende Firmen. So haben wir durch unsere aktive Politik mit dazu beigetragen, dass etwa Standortschließungen von Bombardier und Siemens in Sachsen vom Tisch sind. Im Übrigen: Die Homann-Mutter Müller-Milch investiert immerhin 250 Millionen Euro in seinen Standort in Leppersdorf, also die Hälfte dessen, was Homann machen wollte, und schafft so weitere 180 Arbeitsplätze. Auch das ist ein Erfolg.

Weltweit nimmt protektionistisches Handeln zu.

Ich nehme mit Sorge wahr, wie sich die Rahmenbedingungen auf der Welt verändern. Wir haben eine sehr aggressive Handelspolitik der USA, einen Staatskapitalismus in China, es gibt auch Entwicklungen in Europa, die die EU eher schwächen. Dabei brauchen wir ein starkes Europa, um den zunehmenden weltweiten Handelshemmnissen als europäischer Binnenmarkt – mit immerhin 500 Millionen Einwohnern – etwas entgegenzusetzen. Allein als Sachsen oder Deutschland schaffen wir das gar nicht.

Was bedeutet das für die exportorientierte sächsische Wirtschaft?

Das trifft natürlich unsere Wirtschaft. Sie hat aber den Vorteil, dass sie breit aufgestellt ist, in vielen Branchen mitmischt, etwas zu bieten hat. Sächsische Produkte sind weltmarktfähig. Sonst hätten wir nicht eine so hohe Exportquote. Das ist vor allem automobilgetrieben, aber auch im Maschinen- oder Anlagenbau, um nur zwei weitere Beispiele zu nennen, haben unsere Firmen ihre Nischen gefunden, in denen sie weltweit mitspielen können. Dennoch brauchen wir mehr Exportorientierung von mehr Unternehmen, um nicht von einer Branche zu sehr abhängig zu sein. Dazu müssen unsere Firmen nicht nur an ihren Produkten, sondern auch am Vertrieb arbeiten. Made in Germany ist nach wie vor ein entscheidendes Label, das uns den Zugang auf den Weltmärkten ebnet.

Sie sind als Wirtschaftsminister angetreten, um das Land weg vom Niedriglohnimage zu bringen. Wie ist der Stand?

Es hat mich massiv geärgert, dass die Niedriglöhne als Standortvorteil Sachsens verkauft wurden. Das war und ist ein doppelter Skandal! Es ist schlicht unanständig, sich wirtschaftliche Erfolge durch niedrige Löhne einzukaufen – langfristig werden das auch keine Erfolge sein. Diese Zeiten sind endlich vorbei, denn es dämmert jetzt wohl auch dem Letzten, dass der Fachkräftemangel nicht mit Niedriglöhnen beantwortet werden kann. Die Firmen brauchen konkurrenzfähige Gehälter, um Fachkräfte zu halten und neue zu gewinnen. Erfreulicherweise haben wir eine positive Lohnentwicklung.

Und der zweite Punkt?

Wer zu wenig verdient, hat später eine zu niedrige Rente. Wir verlagern mit Billiglöhnen eine sozialpolitische Frage ins Alter. Das halte ich für unverantwortlich.

Im vorigen Jahr lag das sächsische Wachstum knapp unter dem Bundesschnitt, in diesem Jahr soll es ähnlich sein. Der Aufholprozess stockt?

Das ist eine zu negative Sichtweise. Immerhin hatten wir vorher zwei Jahre, in denen wir deutlich über dem Bundesdurchschnitt gelegen haben. Beim Aufholprozess darf man nicht in Jahresscheiben denken, sondern da brauchen wir den langen Atem. Es ist und bleibt ein Unterschied, ob ein Bundesland Konzernzentralen hat, die selber über Investitionen entscheiden und eigene Forschungs-und Entwicklungskapazitäten haben. Diese Zentralen fehlen uns.

Sie müssen sich aus hiesigen Firmen entwickeln? Denn es ist ja illusorisch anzunehmen, dass Porsche oder Siemens die Zentrale hierher verlagert.

Ich würde mich riesig freuen, wenn wir ein Dax-Unternehmen in Sachsen hätten. Aber es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als unsere Unternehmen entsprechend weiterzuentwickeln. Wir haben in Sachsen Firmen, die eine hohe Dynamik aufweisen. Das stimmt mich langfristig zuversichtlich. Und wer sagt, dass ein Start-up aus Leipzig nicht der neue Börsenstar werden kann?

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Die nächste Ausgabe der LVZ-Wirtschaftszeitung erscheint im Oktober 2018.

Ein Nachteil der hiesigen Wirtschaft ist, dass die zumeist kleinen Firmen zu wenig in Forschung und Entwicklung investieren. Jetzt soll bundesweit die steuerliche Forschungsförderung komme. Wird dadurch alles besser?

Das ist ein Anreiz für mehr Forschungs-und Entwicklungsaktivitäten in den Unternehmen. Aber die Realität in Sachsen sieht so aus, dass die meisten Firmen keine eigene Forschung und Entwicklung betreiben, weil sie zu klein sind. Deshalb habe ich in Berlin in den Koalitionsverhandlungen mit durchgesetzt, dass die steuerliche Förderung nicht zu Lasten der Unterstützung von außeruniversitären Forschungseinrichtungen gehen darf. Denn diese wiederum sind die Überlebensgarantie für die Innovationskraft der sächsischen Betriebe. Die steuerliche Förderung hilft vor allem dem Westen, aber sie funktioniert so nicht im Osten.

Ist das ein Beleg dafür, dass in Politik und Wirtschaft die West-Sicht dominiert?

Wir Ostdeutsche können einen anderen Blick auf verschiedene Themen einbringen, schon aus der Historie heraus. Ich werbe in Berlin sehr dafür, diesen anderen Blick als Gewinn wahrzunehmen und ihn nicht abzutun. Dieser Ost-Blick ist eine Bereicherung. In der Außenpolitik zum Beispiel können wir unsere Erfahrungen mit und unseren Blick auf Osteuropa einbringen. Deshalb sind die meisten Ostdeutschen der Meinung, wir müssen mit Russland anders zusammenarbeiten. Wir kennen eben die Mentalitäten. Viele, die jetzt die Außenpolitik betreiben, haben ihren Schüleraustausch in Amsterdam oder Paris gemacht, ihren Urlaub in Spanien oder Italien. Das war ihre Normalität.

Viele Ostdeutsche waren im Urlaub in der Tschechoslowakei oder am Balaton, hatten Brieffreunde am Ural und haben Russisch gelernt. Diese anderen Erfahrungen sollten in Politik und Wirtschaft wahrgenommen und genutzt werden. Davon könnten wir schließlich alle profitieren.

Interview: Ulrich Milde

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