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Wirtschaftszeitung Wenn der Lehrling die Ausbildung an den Nagel hängt
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14:03 12.07.2018
Bricht der Azubi die Ausbildung ab, hat der Lehrmeister ein Problem. Quelle: dpa

Die derzeitige sächsische Situation bei der Lehrstellenbesetzung ist nicht die beste. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) waren im Freistaat vor wenigen Tagen noch 10.000 junge Menschen auf der Suche nach einer Lehrstelle, ihnen standen 12.000 freie Stellen gegenüber. „Damit sind die Ausbildungschancen für Schüler und junge Erwachsene sehr gut“, meint Klaus-Peter Hansen, Chef der BA-Regionaldirektion Sachsen. Nur kommt das Ausbildungsabbruch-Fiasko hinzu, was das positive Bild verdüstert.

Hierin sieht das hiesige und auch das bundesdeutsche Handwerk zwar auch ein drängendes Problem, jedoch sei es differenzierter zu durchleuchten. Die Leipziger Kammer beklagt einerseits hohe Abbruchquoten, blickt andererseits auf einen positiven Trend. So ist dieser Wert im vorigen Jahr auf 16,4 Prozent gesunken, nachdem er zwei Jahre zuvor noch bei fast 20 Prozent gelegen hatte. Verglichen mit dem jüngst veröffentlichten Bundesdurchschnitt von 25,8 Prozent – das ist erstmals über dem Durchschnitt von 20 bis 25 Prozent Anfang der 1990er-Jahre – kommt Leipzig noch gut weg. Bundesweit wurden damit 146.000 Handwerks-Ausbildungsplätze vorzeitig gelöst. In Leipzig gab es im vergangenen Jahr 527 Abbrecher von insgesamt 3219 Lehrlingen. Heute bestehe, so die Kammer, die Möglichkeit, schnell mal den Lehrbetrieb gegen einen anderen „einzutauschen“, oder im Vorfeld mit drei, vier Firmen einen Ausbildungsvertrag abzuschließen. In der Folge würden rasch zwei bis drei Lehrstellenabbrüche zusammenkommen, ohne das tatsächlich „etwas passiert ist“.

Dennoch stellt das Abbruch-Phänomen so manchen Meister immer wieder vor eine unberechenbare Schwierigkeit: Der potenzielle Geselle, der das Unternehmen künftig tatkräftigt unterstützen sollte, fällt nicht selten aus. Das frustriere nicht nur, sondern bringe eine enorme Unsicherheit in die betrieblichen Abläufe. „Es ist immer sehr ärgerlich, wenn Jugendliche zeitig einen Lehrvertrag mit uns abschließen und dann vor Ausbildungsbeginn kündigen, weil sie sich für einen anderen Beruf oder einen anderen Betrieb entschieden haben“, meint Jörg Karol, Ausbildungsleiter der Leipziger Firma IMS Kommunikationstechnik GmbH. „Uns ist dies in der Vergangenheit schon ein paar Mal passiert.“ Die Azubi-Suche
koste Zeit und Geld. Und: „Mit Vertragsabschluss stellen wir als Unternehmen unsere Suche nach neuen Azubis ein.“ Nach einer Kündigung kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres sei es schwierig, einen passenden Bewerber „mit den Qualifikationen, die wir brauchen, zu finden. Im vergangenen Jahr hat sich das Unternehmen deshalb letztlich entscheiden müssen, nicht auszubilden, obwohl wir dringend Fachkräftenachwuchs brauchen“, schildert Karol.

„Handwerk bildet aus, um Fachkräfte für unsere Betriebe zu haben. Deshalb tut uns jeder Ausbildungsabbruch weh“, betont Matthias Forßbohm, Vorsitzender des Berufsbildungsausschusses der Handwerkskammer zu Leipzig, Maurermeister und Geschäftsführer der Forßbohm und Söhne GmbH.

Diese Problematik ist in jedem Falle belastend für die betroffenen Betriebe. Daran ändert auch so manche Erklärung der Kammern und des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) nichts. „Abbrüche heißt nicht, dass die jungen Leute dem Handwerk verloren gehen“, so die Leipziger Kammer. „Sie wandern einfach von Betrieb zu Betrieb.“ ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke stößt in dasselbe Horn: „Ein Großteil hat die Ausbildung nicht wirklich abgebrochen, sondern nur den Vertrag gelöst und setzt die Ausbildung in einem anderen Betrieb fort.“ Ein Umstieg sei umso leichter, je größer das Lehrstellenangebot ausfalle. Seiner Meinung nach sollte eher von Wechsel anstatt von Abbruch gesprochen werden. 

Die zu geringe Lehrlingsvergütung, die etwa der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) als Grund für Abbrüche nennt, lassen die Handwerksorganisationen nicht gelten. Die Leipziger Kammer nennt etwa als Gegenargument, dass in dem Beruf mit der niedrigsten Lehrlingsbezahlung – bei den Fotografen – , die durchschnittliche Quote der Aussteiger bei 14,2 Prozent liegt, ein ganzes Stück unter dem Leipzig-Schnitt von 16,4 Prozent. DGB-Vize Elke Hannack hingegen sagte kürzlich: „Dort, wo die Vergütung besonders niedrig ist, sind die Abbrecherquoten extrem hoch.“ Dem widerspricht auch Schwannecke. Schornsteinfeger-Azubis würden weniger als ihre Maurer-Lehrlings- Kollegen erhalten, hätten aber eine niedrigere Abbrecherquote als diese.

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Gründe hin oder her – am Ende fehlt dem jeweiligen Handwerksunternehmen der als sicher geglaubte Lehrling. Daher fordert die Leipziger Kammer ein Höheres Maß an Aufklärung. Nicht selten hätten die jungen Leute falsche Vorstellungen von ihrer gewählten Fachrichtung. Forßbohm: „Deshalb brauchen wir mehr verpflichtende Berufsorientierung während der Schulzeit.“ Auch die Betriebe selbst seien gefordert, sollten Schnuppertage, Praktika, Ferienjobs anbieten, sich an Ausbildungsmessen und ähnlichen Veranstaltungen beteiligen. „Wir müssen den jungen Leuten Sicherheit bei der Berufswahl geben und sie zeitig an den Ausbildungsbetrieb binden.“ 

Mitunter, so die Kammer, würden sich auch der Weg und die Kosten zum Berufsschulort als zu lang beziehungsweise zu hoch erweisen, daher sei ein Bildungsticket nötig. Dass das Verhalten und die Leistungsfähigkeit der Lehrlinge auch recht häufig nicht den Vorstellungen des Handwerksmeisters entsprechen, kommt laut Kammer noch oben drauf. Aber an diesem Punkt ist die ganze Gesellschaft gefordert.

Von Ulrich Langer

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