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10:02 30.10.2018
Jonas Heinroth und Guido Hannich (rechts) helfen mit ihrer Firma Starterandkicker bei der Partnersuche. Quelle: André Kempner

Partnervermittlungen, Datinglines und ähnliche Serviceleistungen sind nicht jedermanns Geschmack. Bei Guido Hannich und Jonas Heinroth ist dies allerdings der Fall - auf eine ganz spezielle Art. Jedoch nicht, um potenziellen Liebespaaren auf die Sprünge zu helfen. Nein, sie verkuppeln schlaue "Spinner" mit geschickten "Mitspielern" - salopp formuliert. "Wir wollen diejenigen, die eine tolle Produkt- oder Geschäftsidee ausgeklügelt haben, mit denen verbändeln, die sie umzusetzen vermögen", erklärt Hannich. Im übetragenen Sinne vereinen sie den Ideengeber - sie nennen ihn Starter - mit dem Mitmacher, dem Kicker. Das Ganze nennt sich Starterandkicker - ein Leipziger Unternehmen in Gründung.

Unternehmer-Partner-Vermittlung, kurz und knapp via App

Der 52-jährige Chef Hannich - so will er zwar nicht angesprochen werden - macht an einem Beispiel deutlich, wie das Geschäftsmodell funktionieren soll. Er sei ein leidenschaftlicher BMX-Rad-Fahrer. "Aber mit meinen ungelenken Fingern könnte ich nie etwas ordentlich reparieren oder gar zusammenschweißen. Dafür brauche ich schon Hilfe." Und genau nach diesem Prinzip werde es bei ihrem Start-up laufen. "Es kommt einer Unternehmer-Partner-Vermittlung gleich", fügt Heinroth (33) hinzu.

Über eine App, die im September in Kooperation mit Apple und Google freigeschaltet wurde, haben Ideenspender und Helfershelfer nun die Chance, übers Netz erste Kontakte zu knüpfen. "Auf Augenhöhe begegnen sie sich in unserer App." Der mit dem neuen Geschäftsgedanken schreibt hinein,  worum es ihm geht, "wie er mit seinem Vorhaben die Welt verändern will", wie Hannich es nennt. Der potenzielle Partner erkläre, mit welchen Möglichkeiten und Fähigkeiten er ihm zur Seite stehen könne. "Das soll kurz und bündig sein  - maximal 75 Zeichen", betont Hannich. Das kostet also nicht viel Zeit, beide Seiten finden rasch ihre Gemeinsamkeiten oder eben auch die Klarheit heraus, nicht zusammenzupassen.

Handy App des Leipziger Start-Ups Starterandkicker aus Leipzig. Quelle: André Kempner

Das "Tal des Todes" lebend durchschreiten ist das Ziel

"Die Wirtschaft lebt von frischen Ideen und ihrer Verwirklichung", ist der frühere Münchner überzeugt. Folgerichtig heißt es im Firmenprospekt: "Die Welt ist voller Ideen, die wir brauchen und die es verdient haben, wahr zu werden." Dies zu packen sei eben ein echter Knackpunkt. Immerhin werfe die Hälfte der Firmengründer in der Phase von den ersten Vorstellungen bis zum förderreifen Projekt die Flinte ins Korn. "Wir nennen diese Etappe das Tal des Todes", sagt der Chef, der in an der französischen Hochschule ESC Pau in den Pyrenäen ein kaufmännisches Studium absolvierte und mit Diplom abschloss. Rasch ergänzt er: "Dieses Tal des Todes dauert in der Regel mindestens ein Jahr, oftmals länger." Es lebend zu durchschreiten - das sei das Ziel und Anliegen seiner App für Gründer (Starter) und Förderer (Kicker). Denn ohne ein schlagkräftiges Team, dass das neu Erdachte Realität werden lässt, ist hier "kein Blumentopf zu gewinnen", weiß der Neu-Leipziger, genauso wie sein Compagnon Heinroth.  Beide "kennen berufliche Niederlagen", wie sie berichten. Hannich zum Beispiel hatte nach zwölfjähriger Marketing-Tätigkeit für Sony Deutschland und weiteren sieben Jahren für Suzuki plötzlich den Job verloren. Mit seinem Vater gründete er 2008 eine eigene Agentur, die ausländischen Herstellern das "Ankommen" in Deutschland erleichtern sollte. "Durch einen Verkehrsunfall starb mein Vater. Er hatte aber für unser Projekt die lebensnotwendigen Kontakte."

2009 hat Hannich die Firma dann aufgegeben, anschließend zeitweise vom Ersparten gelebt. Heinroth, in Rodewisch bei Auerbach geboren, 1990 mit den Eltern ins nordhessische Bad Sooden Allendorf gezogen und dort sein Abitur gemacht, studierte in Halle und Leipzig Betriebswirtschaft, startete beruflich mit Diplom in der Tasche bei einem großen Lebensmittel-Discounter als Verkausfleiter. "Das war nicht das Richtige für mich, 2012 hab ich dort hingeschmissen", resümiert er. Nachdem er die Feedback-Plattform einer Berliner Firma, die Computerspiele entwickelte, betreut hatte, es dort nicht weiterging, stürzte er sich in ein neues selbstständiges Vorhaben in Leipzig. "Wir boten für die Fitness-Interessierte in deren Nähe Sportangebote an - ohne längerfristige Verträge. Einzeln buchen, mal da, mal dort, wo sich diejenigen gerade aufhielten", erzählt der Starterandkicker-Mann. "Leider buchten zu wenige bei uns, so dass wir 2016 pleite waren". Nicht zuletzt diese biografischen Ähnlichkeiten sind es wohl, die die beiden regelrecht zusammenschweißen.

"Scheitern verstehe ich als Sprungbrett für neue Ideen"

Guido Hannich , Gründer Starterandkicker

Gefunden haben sich Hannich und Heinroth über Kontakte aus der Start-up-Szene in Leipzig. Der Starterandkicker-Erfinder hatte sich bei Inkubatoren umgehört - sie helfen Start-ups, bieten mehreren von ihnen ein Dach über dem Kopf. Dort wurde ihm Heinroth empfohlen. "Die Chemie stimmte von Anfang an, das passt", freut sich der Chef. Sein Junior-Partner sieht es nicht anders: "Er hat mir gleich vertraut, wir können gut miteinander."

Angst vorm neuerlichen Scheitern scheinen sie nicht zu kennen. "Warum auch, das haben wir schon durch, und das hat uns beide nicht umgehauen", meint Hannich. "Scheitern verstehe ich als Sprungbrett für neue Ideen", ist er überzeugt. "Sie sprudeln faktisch einfach so aus mir heraus." Und ein Job als Festangestellter etwa in einem Industriebetrieb? Komme für beide nicht infrage. "Den ganzen Tag am Fließband stehen und immer an ein und dergleichen Stelle die gleiche Schraube reinzudrehen, und das noch rund acht Stunden am Tag über Jahre hinweg. Da würde ich irre", meint Hannich und Heinroth nickt dazu gedankenversunken.

Mit neuen Ideen die wirtschaftliche Welt verbessern

Der Alt-Bayer und inzwischen Neu-Leipziger sinniert: "Die Sache mit der Selbstständigkeit hängt vom menschlichen Typ ab. Ich bin nicht so einer, der auf absolute Sicherheit abfährt." Vielmehr begeistere ihn - der verheiratet ist mit einer aus der Nähe von Halle stammenden Steuerfachangestellten, der gemeinsame Sohn Nelson wurde gerade in der Leipziger International School eingeschult - das nahezu uneingeschränkte Fiebern für neue Ideen." Mit ihnen die wirtschaftliche Welt  zu verbessern - "das ist doch ein Super-Angelegenheit", schwärmt der Starter. Natürlich sei es wichtig, dafür zu brennen, faktisch von ihr besessen zu sein, "sonst wird es nichts". Und diese Eigenschaft präge ihn und seine Mitstreiter - sieben sind es insgesamt. Klar: Mut, Selbstvertrauen, Fleiß, Zuversicht und Risikofreude gehörten auch dazu, ebenso eine gewisse Lockerheit, in manchen Situationen auch Verbissenheit. Heinroth pflichtet ihm bei.

Ob diese nahezu bedingungslose "Anbetung" der eigenen Projektvorstellungen nicht zu einer gewissen Blindheit führt? "Ganz im Gegenteil", schmettert der Chef die Skepsis in dieser Frage ab. "Durchstarten, Durchhalten gelingt mit Neuem doch nur, wenn ich mich umschaue, was von meiner Idee in der Praxis bei den Nutzern tatsächlich gebraucht wird." Deshalb laute seine Devise: Rausgehen. Gemeint sei, "40 Prozent der Arbeitszeit sind wir draußen, erkunden die Bedürfnisse des Marktes hinsichtlich unserer App". Whats-App habe auch ganz einfach angefangen mit kostenlosen SMS. Dann aber die Apps weiterentwickelt je nach Bedarf der Kunden. Hannich hat Vergleichbares schon erlebt. Als er noch bei Sony arbeitete, Camcorder vertrieb, sei er öfter zu Gast in einem Club von älteren Leuten gewesen - "nicht nur, weil dort der Kaffee so gut schmeckte". Er nutzte die Gelegenheit, sich umzuhören, wie sie mit dem Gerät zurechtkommen. "Viele meinten, der Einschaltknopf sei an einer unpassenden Stelle montiert. Das habe ich beim Unternehmen moniert. Die nächste Generation der Camcorder verfügte über eine andere Positionierung des Knopfes", freut sich Hannich.

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Mit den Menschen auf Tuchfühlung sein - nur so könne Neues Fuß fassen.  Ein fester Glaube an die Sache "vernebelt nicht den Blick, das Modifizieren weitet ihn eher", ist der Neu-Unternehmer überzeugt. Und: "Mir geht es nicht in erster Linie darum, ein Riesenvermögen zu machen. Berufliche Befriedigung entsteht bei mir nur, wenn ich an meinem Vorhaben arbeiten, es verbessern, auf die Wünsche der Anwender justieren kann." Das sei das Primäre. "Wenn wir damit auch noch Geld verdienen können - um so besser", sagt er lächelnd.

So sei es doch bei der Gründergeneration vor und nach dem Krieg gewesen. Bosch, Siemens oder Dübel-Fischer hätten nahezu manisch ihre neuen Ideen verfolgt und schließlich zum Erfolg gebracht. "Allerdings nur mit einer tollen Gemeinschaft an Mitarbeitern". Solche Bündnisse soll die Starterandkicker-App generieren. 20 bis 30 Prozent derjenigen, die bisher im Tal des Todes "umkommen", sollen auf diese Weise aufgefangen werden. "Das ist unser Ziel", betont der Chef.

Ohne Finanzgeber geht es nicht

Allerdings "brauchen wir dafür Unterstützung", sagt Hannich. Derzeit würden Werbekunden akquiriert, die über die App auftreten. Auch die Commerzbank helfe. "Mit deren Netzwerk an Kontakten vermittelt sie wichtige Partner." Zudem hat das Geldhaus im Juli 2017 ein spezielles Programm für Existenzgründer aufgelegt. "Wir kümmen uns um die Finanzthemen, der Gründer um den Erfolg seiner Geschäftsidee", beton Thomas Globig, Leiter Unternehmerkunden der Leipziger Commerzbank-Niederlassung. Und Hannich ergänzt: "Der persönliche Draht zur Bank tut uns gut. Und wenn der Berater gar am Sonntag bei mir anruft und rät, noch an dieses oder jenes zu denken - das find ich einfach klasse." Ohne Finanzgeber gehe es aber nicht. Hannich und Heinroth meinen, wenn sie zehn Kicker gewinnen würden, die "uns pro Monat 1000 Euro zahlen, dann müssen wir uns keine Gedanken mehr machen". Die Nutzung der App hingegen sei kostenlos, für die Premium-Version mit zusätzlichen Leistungen sind knapp zehn Euro im Monat zu berappen. Grundsätzlich werde die "Finanzierung über das so genannte ,Freemium' angestrebt. Das ist sehr üblich im App Bereich", so Hannich.  "Wenn wir unsere Mitgliederziele erreichen - 20 000  im ersten Jahr - dann wird das alles funktionieren." Und gegen mögliche Kapitalgeber sei schließlich auch nichts einzuwenden.

Angst vorm Scheitern? Auf diese Frage schütteln beide energisch den Kopf. Heinroth sagt dazu lediglich: "Risiken lauern doch überall." In Deutschland fehle leider eine Kultur des Scheiterns, so wie sie in den USA zu finden sei. "Wenn jemand pleite geht - das ist doch nicht der Untergang, das bringt einen nicht um", so der Junior-Partner. Daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, rasch wieder aufzustehen - darauf komme es an. Aber dazu müssen man der passende Charaktertyp sein. Nicht jedem sei dies gegeben.

Ulrich Lange

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